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Kreuther Mordprozess mit neuen Details

Vorwurf des Bandendiebstahls erhärtet

Barbara Böck war Millionärin. Doch die 95-jährige Kreutherin war in den letzten Monaten ihres Lebens dement und fremdbestimmt. Dies könnte ihr zum Verhängnis geworden sein, wie Zeugen heute vor dem Landgericht schilderten. Darunter war auch Tegernsees Vize-Bürgermeister Heino von Hammerstein.

Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus von Barbara Böck in Rottachs Seestraße.

Angeklagt wegen Mordes ist Böcks einstige Gesellschafterin Renate W. Sie soll die damals in Kreuth lebende Antiquitätenhändlerin am 22. März 2016 mit einem Kissen erstickt haben. Die Verteidigung bestreitet das. Doch der heutige Prozesstag offenbarte Neues. Und dann sagte auch ein Zeuge aus, dass bereits Tage vor ihrem Tod mit dem Abtransport wertvoller Kunstgegenstände begonnen wurde.

Barbara Böck, oder Betty, wie sie Freunde nannten, war offenbar ein Leben in Luxus gewöhnt. Laut Staatsanwaltschaft besaß die Witwe ohne Erben Millionenwerte an Antiquitäten und Juwelen, sowie teure Pelze. Ihr Geschäft hatte die einstige Rottacherin in der Seestraße 11, unweit der Seepromenade. Dort gehörte ihr ein Wohn- und Geschäftshaus, das sie laut Vorsitzendem Richter Thomas Bott noch zu DM-Zeiten für 3,2 Millionen verkauft habe.

Wie Zeugin Christine W. aus Kreuth als langjährige Freundin vor dem Landgericht schilderte, hatte Böck noch im Herbst „den vollen Überblick“ über ihr Vermögen, das sie teils auch in einem Bankschließfach und zwei Tresoren im Schlafzimmer ihrer Villa in Kreuth aufbewahrte. Zu der Zeit habe Böck laut Zeugin W. zweimal täglich mit ihrem Anlageberater über ihre Aktienkurse telefoniert. Die Angeklagte habe sich der Zeugin gegenüber mit Visitenkarte als Sterbebegleiterin ausgegeben. Von Böck wisse sie, dass die 53-jährige Renate W. aus Sauerlach den angebotenen Nerzmantel abgelehnt haben soll, stattdessen aber den Wert von etwa 15.000 Euro ausbezahlt haben wollte.

Villa wurde vor Böcks Tod bereits ausgeräumt

Vom Richter gefragt, ob sie etwas vom Abtransport der edlen Antiquitäten aus Böcks Villa wisse, bejahte dies die 76-jährige Kreutherin. Einer der drei Mitangeklagten wegen Bandendiebstahls, der bulgarische Hausmeister, Zahiri Z., habe erwidert, als sie misstrauisch wurde, „dass alles von höchster Stelle genehmigt ist“. Denn die Zeugin wunderte sich, dass bereits am Tag von Böcks Beerdigung die ganze Straße vor deren Villa am Riedlerberg mit Kleintransportern zugeparkt gewesen sei.

Dies bestätigte auch die unmittelbare Nachbarin Waltraud Z, die ebenfalls das Ausräumen von Böcks Villa vor ihrem Tod beobachtete. Auch der 68-Jährigen sei von einem Beteiligten erklärt worden, dass alles seine Richtigkeit habe. Nach eigenen Angaben half dabei auch Svetozar K. aus Kreuth. Als bulgarischer Mitarbeiter des Hausmeisters Z. habe er bereits ab 18. März 2016 vier Tage lang mit mehreren Fuhren von Kreuth Kisten und Möbel an den Ringsee in Bad Wiessee gebracht. Da Böck am 22. März tot in der Psychiatrie des Krankenhauses Agatharied aufgefunden wurde, zeichnet sich mit dieser Aussage ab, dass der Diebstahl offenbar von langer Hand geplant war. Denn viele Gegenstände seien bereits verpackt gewesen.

Für seine Tätigkeit habe der Zeuge gleich am ersten Tag von der Angeklagten W. 150 Euro in bar bekommen. Sie sei auch einmal beim Abtransport aus Böcks Garage in den Minibus dabei gewesen. Nachdem die Antiquitäten im Bootshaus und der Garage am Ringsee zwischengelagert waren, sollen sie dann vom Ehemann der Angeklagten Ulrich W. und dessen Sohn Thomas in deren Minibus weitertransportiert worden sein. Ein Polizeibeamter, der bei den Durchsuchungen der Diebesgut-Lager in Bad Wiessee federführend war, berichtete, dass diese prall gefüllt gewesen seien. Für den Abtransport hätte er eine Spedition beauftragen müssen.

Tegernseer Anwalt als Zeuge

Als Zeuge war heute auch Heino von Hammerstein, Tegernsees Vize-Bürgermeister, geladen. Ihn hatte Böck Anfang Dezember 2015 angerufen, dass sie ihn gerne als Rechtsbeistand hätte. Denn Böck fühlte sich, so Hammerstein, von ihrer Gesellschafterin Renate W. überrumpelt. Zudem habe es auch Differenzen um Böcks Außenstände von 5.000 Euro gegenüber dem Altenstift Rupertihof gegeben, in dem die pflegebedürftige Dame seit Dezember 2013 zwar lebte, aber immer wieder auch ihre Villa aufsuchte.

Zwei Jahre später machte sie auf Hammerstein bereits „einen leicht dementen Eindruck“. Bei einem Treffen mit seiner Mandantin in der Villa Anfang Dezember 2015 „war ich geplättet von den enorm schönen Sachen“. Er sollte ihr beim Suchen von 17 wertvollen Fabergé-Eiern helfen, die einen Wert von mehreren Hunderttausend Euro hätten. Denn sie sei misstrauisch geworden, nachdem ihr bulgarischer Hausmeister, der bei ihr eine Einliegerwohnung hatte, Geld für seinen Hausbau in Achenkirch sammeln würde. Hammerstein riet Böck, doch eine Liste mit Fotos ihrer Antiquitäten erstellen zu lassen.

Wenig später sei er auch zur Öffnung ihres Banktresors in der Rottacher Sparkasse gebeten worden. Dort ist er wohl auf einen Schatz gestoßen, denn laut Hammerstein sollen dort Säckchen mit Krügerrand-Goldmünzen, 30.000 Schweizer Franken und 7.000 Dollar eingelagert gewesen sein. Doch kurz darauf sei sein Mandat beendet worden, denn aus dem CopyShop an der Weissach erreichte ihn ein Fax ohne Böcks Unterschrift, dass er die Vollmacht zurückgeben solle. Vom gleichen Faxgerät soll die Angeklagte im Namen von Böck auch um die Aussetzung der Geschäftsunfähigkeit gebeten haben, um Antiquitätengeschäfte mit England tätigen zu können.

Böck war sparsam und freigiebig zugleich

Mehrere Zeugen haben Böck als überaus bestimmend beschrieben. Sie habe bis zuletzt das Kommando übernommen, sagte der Antiquitätenhändler Roland S. aus Brannenburg. Er will über 50 Jahre lang ein enges Verhältnis zu der Millionärin gepflegt haben. Er war es auch, der seiner Bekannten Böck die Angeklagte als Pflegerin und Mädchen für alles vermittelt hatte. Sie soll in höheren Kreisen einen guten Eindruck hinterlassen haben.

Die Aussage des Brannenburgers S. zeigte auch, dass die Angeklagte schon früher recht locker mit den Habseligkeiten der Verstorbenen umgegangen sein soll. Die Gesellschafterin habe ihm ein Fax geschickt, um Geld für Anwaltskosten zu beschaffen. Dafür habe sie angeboten, Schmuck von Böck zu hinterlegen.

Links: die angeklagte Pflegerin Renate W. Mit grünem Pullover: der Mitangeklagte bulgarische Hausmeister Zahiri Z. – links von ihm seine Dolmetscherin. / Quelle: Abendzeitung

Aus Habgier soll die Angeklagte „Betty“ umgebracht haben. Mit drei weiteren Beschuldigten, Ihrem Mann Ulrich W. aus Sauerlach, Zahari Z. aus Kreuth und Kunsthändler Peter Michael P. aus Rottach-Egern, soll das Quartett die verstorbene Böck um Kunstschätze im Wert von 1,1 Millionen Euro erleichtert haben. Aus allen Wolken sei sie gefallen, als sie von den schweren Vorwürfen erfahren habe, erklärte die langjährige Freundin und Nachbarin der Angeklagten in Sauerlach.

Die Ärztin Annette K. will zwar vor Jahren eine Persönlichkeitsveränderung bei „Renate“ bemerkt haben, diese sei aber mit Psychopharmaka behandelt worden, so die Ärztin. Doch sie sei immer eine liebenswerte und hilfsbereite Freundin gewesen. Diese habe ihr zum Todeszeitpunkt von Böck erklärt, dass sie auf dem Krankenhausflur war, als ein Pfleger ihr sagte, er habe „Betty“ tot in ihrem Bett vorgefunden. Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt.


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