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Aus der TS-Reihe "Originale am See"

Wie der Tegernsee das Bewusstsein ändert

Von Nicole Kleim

In unserer Reihe: „Originale am See“ fragen wir Tegernseer Persönlichkeiten, ob und wie sich das Tal für sie im Laufe der Zeit verändert hat, was früher besser war und heute gut ist. Heute: Die Rottacher Physiotherapeutin Tina von Veltheim, die von einer überzeugten Städterin zum Landei wurde.

Die Rottacher Physiotherapeutin Tina von Veltheim kennt sich bestens aus mit der Anatomie des Menschen / Foto: Bommi Schwierz

Im Tegernseer Bräustüberl sitzen sie alle an einem Tisch: Alt und jung, arm und reich, bekannt und weniger bekannt. Die Faszination der Gegensätze ist es, die wir zusammen mit einer Tegernseer Fotografin in unserer neuen Reihe „Originale am See“ festhalten wollen.

Tina von Veltheim stammt ursprünglich aus Düsseldorf, fühlt sich aber schon seit dreißig Jahren am Tegernsee zuhause. Mit ihrer rheinländischen Fröhlichkeit redet sie ihre Patienten gesund. Die Physiotherapeutin erklärt uns, wie man dem Trübsinn ein Schnippchen schlagen kann.

Zur Fotografin des Schwarz-Weiß-Fotos:
Die Tegernseerin Bommi Schwierz ist Juristin und Fotografin. In ihrem Buch „Der Tegernsee und seine Gesichter“ hat sie die Menschen im Tal mit ihrer Kamera festgehalten, denen sie ein Denkmal setzen wollte.

Im Hintergrund läuft klassische Musik. In einer Ecke liegt ein spanischer Mischlingshund namens „Golfo“, was übersetzt „kleiner Straßenjunge“ bedeutet. Sein Frauchen würde sagen, er ist eine „Senfrasse“ – jeder hat seinen Senf dazugegeben. Die Musik – sie erinnert an die gute alte Schulzeit. Was gab es da für Interpretationen, wenn das bekannteste Werk des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana auseinander genommen wurde: „Die Moldau“. Wo fließt sie vorbei, die Moldau? An Städten, Feldern? Wer erkannte die wilde Jagd oder die fröhliche Bauernhochzeit, an der sie vorbeizog?

Die Rottacher Physiotherapeutin Tina von Veltheim (53) hat dieses Bild der Moldau zu ihrem Lebensmodell gemacht. Mal ruht sie in sich, mal gleicht sie einem reißenden Strom. Zu keiner Zeit aber bleibt sie stehen. So kann sie zwar niemals die schönen Phasen festhalten, lässt dafür aber auch die nicht so schönen hinter sich. Denn wer die schönen Phasen im Leben festhalten will, der muss sich sinnbildlich an etwas klammern, sagt sie. Im Fall der Moldau an einen Ast. Was aber passiert? Entweder bricht der Ast oder man selbst bricht sich einen ab, um gegen den Strom anzukämpfen. Wer sich allerdings treiben lässt, spart Kraft.

Kein einfacher Weg

Tina von Veltheim hat gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen und gehen. Sie war gezwungen mit Asthma, dem Tod ihres Partners, beruflichem Stress und einer Darmerkrankung klarzukommen. Es gab Phasen in ihrem Leben, da glaubte sie, das Leben sei nicht mehr lebenswert.

Doch genau in einem dieser schwierigen Momente fand sie den Mut und wagte – nach etlichen Aus- und Fortbildungen innerhalb ihrer dreißigjährigen beruflichen Karriere – den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit. Seither macht sie das, was sie am besten kann: Menschen Hoffnung geben.

In der Rechten ein Skelett, in der Linken ein Gehirn – so fühlt sich die Physiotherapeutin wohl. / Foto: N. Kleim

Dabei konzentriert sich die 53-Jährige auf ihr Lieblingsgebiet: Das Gehirn. Die neurofunktionelle Diagnostik hilft ihr dabei herauszufinden, wann Nervenbahnen gestört sind, und zu welchem körperlichen Problem welche Gehirnfunktion gehört. Denn jeder Schmerz spiele sich im Kopf ab, sagt sie und lächelt.

Sind Sie nicht gut vernetzt, funktioniert das ganze System nicht mehr.

Oft bekommt die 53-Jährige zu hören: Endlich versteht mich mal jemand. Tina von Veltheim weiß, dass „alles über die Birne läuft“, und dass die Sprache dabei eine sehr große Rolle spielt. Deshalb könne sie zwar viel helfen, sagt sie, sei aber auf die Mitarbeit ihrer Patienten angewiesen.

Jemand, der davon spricht, „immer“ Schmerzen zu haben, werde oft erst durch genaues Nachfragen darauf aufmerksam gemacht, dass „immer“ eigentlich gar nicht „immer“ bedeutet. Von Weltheim wiederum achtet darauf, ihren Patienten die Welt der Medizin in eine verständliche Sprache zu übersetzen.

Viele negative Sachen würden im Leben Spuren hinterlassen, sagt die Physiotherapeutin. Das Schöne am Therapieren sei, dass man die vom Schmerz eingenommene Persönlichkeit eines Patienten wieder zum Positiven verändern könne. Ein schöneres Feedback gebe es nicht, sagt sie. Weil sie durch ihre Arbeit außerdem am Puls der Zeit bleibe, finde sie es nicht schlimm, alt zu werden.

Sie wissen, Sie haben Pferde kotzen sehen.

Der Glaube helfe, schlimme Erfahrungen zu kompensieren, so von Veltheim. Dabei sei es egal, ob es sich dabei um den Glauben an Gott oder etwas anderes handelt. Dieser Glaube sei auf dem Land ausgeprägter als in der Stadt.

Als man ihr die Praxis-Räumlichkeiten in einem alten Bauernhof kündigte, glaubte auch sie ganz fest daran, etwas Neues, etwas ganz Anderes zu finden. Sieben Monate verstrichen, ohne dass etwas passierte. Heute arbeitet und wohnt sie in einem modernen Haus – und fühlt sich wohl.

Was am Tegernsee anders geblieben ist

Verändert habe sich vor allem die Wahrnehmung ihrer Patienten, sagt sie. Die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden sei in den letzten Jahren immens gestiegen. Dabei spiele die Natur eine große Rolle. Mit ihrem Entspannungsfaktor habe sie einen hohen Einfluss auf das seelische und körperliche Befinden.

„Hier am Tegernsee sind wir ein Teil der Natur – das ist deutlich spürbar.“ Ob das der entscheidende Faktor ist, warum der Gang zum Physiotherapeuten am Tegernsee oft und gerne in Anspruch genommen wird, kann von Veltheim nicht hundertprozentig beantworten.

Hund „Golfo“ mit Frauchen.

Auch das Anspruchsdenken der Patienten habe sich im Vergleich zu früher extrem gewandelt. Zu Beginn ihrer 25-jährigen beruflichen Karriere in der Wiesseer Klinik Alpenpark hätten die Patienten gefordert: „Ich bin krank – Du machst mich gesund.“ Heute gebe man Tipps, und der Patient ist sich dessen bewusst, dass er für seine Gesundung auch etwas tun muss.

Den Grund sieht die 53-Jährige in der Aufklärung durch die Medien. „Sie können in der Öffentlichkeit nur Bewusstsein schaffen, indem Sie die Öffentlichkeit auch nutzen.“ Dadurch sei der Patient „mündiger“ geworden während er in der Vergangenheit „der weißen Obrigkeit“ gefolgt sei. Der Nachteil sei allerdings, so von Velteim, dass man dafür mit „Mythen und Sagen“ aufräumen müsse, die durch falsches googlen entstehen.

Anspruchsvolle Patienten mag sie aber. „Wir müssen doch ein Team werden.“ Und dafür braucht es Zeit. Zeit, die nicht jeder hat, die aber sehr viele am Tegernsee aufbringen. Die 53-Jährige lächelt, trinkt einen Schluck Tee und zitiert einen ihrer Lieblingssätze:

Der Unterschied zwischen Zeit haben und keine Zeit haben, heißt Interesse.

In diesem Augenblick reckt Golfo den Kopf zu ihr nach oben. Seine Ohren sind aufgerichtet. Zeit fühlt sich gut an.


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