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Wie der Landkreis auf Tuberkulose-Fälle aus der Ukraine vorbereitet ist

Was hustet da auf uns zu?

Von Martin Calsow

Fast wäre das Biest besiegt worden. Tuberkulose, kurz TB, stand vor dem Aussterben. Es ist eine bakteriologische Erkrankung. Man konnte sie erfolgreich mit Antibiotika bekämpfen. Aber im Osten Europas hielt sich die Krankheit. Kommt sie jetzt mit den Flüchtlingen wieder? Und wie ist das Gesundheitsamt darauf vorbereitet?

Tuberkolose ist eine schwere Infektionskrankheit. Geflüchtete aus der Ukraine werden im Landkreis Miesbach darauf untersucht. / Quelle: Archiv

“Die Motten haben”. Den Ausdruck kennen die Alten unter uns noch. Es war der saloppe Begriff für eine Tuberkulose-Erkrankung. Es bezog sich auf eine befallene Lunge, die wie von Motten zerfressen schien. 1882 von Robert Koch entdeckt, hat dieses Bakterium die Lungen von Prominenten wie Kafka, den Schwestern Brontë oder Albert Camus angegriffen. In Kochs Zeiten soll jeder Siebte in Deutschland an der Schwindsucht, wie man die Krankheit auch nannte, gestorben sein.

Dann kam das Penicillin und war mit einem Schlag die Erlösung gegen dieses Myco-Bakterium. Aber Ende der 90er Jahre, mit dem Zusammenbruch des einstigen sowjetischen Gesundheitssystems konnte es in Gefängnissen und bei HIV-Erkrankten wieder erstarken. 32.000 TB-Fälle weist die Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO für das Jahr 2020 in der Ukraine aus.

Damit kommen 73 Fälle auf 100.000 Einwohner. In Deutschland liegt die Rate bei etwa fünf pro 100.000 Menschen. Das war vor dem Krieg. Jetzt werden von den Russen Krankenhäuser beschossen, Patienten unzureichend oder gar nicht versorgt. Was kommt da also mit dem Strom der Flüchtlinge auf uns zu?

Menschen müssen „lückenlos medizinisch weiterversorgt werden“

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) regt an, so schnell wie möglich Strukturen für die ambulante und stationäre Versorgung der Geflüchteten personell zu stärken und die Kostenübernahme unbürokratisch zu garantieren. „Es muss jetzt sichergestellt werden, dass diese Menschen lückenlos medizinisch weiterversorgt werden, damit deren Behandlung Erfolg hat”, betonte DGP-Präsident Torsten Bauer in einer Stellungnahme Anfang März 2022. Abhängig von der Komplexität der bakteriellen Lungenerkrankung könne eine TB-Therapie mindestens sechs und teilweise mehr als 20 Monate dauern.

Christoph Lange, Tuberkulose-Spezialist am Forschungszentrum Borstel in Schleswig-Holstein erklärt es den Kollegen der SZ so: “Es ist nicht so, dass Deutschland nun die nächste große Seuche droht.” Selbst wenn man davon ausgeht, dass eine Million ukrainische Schutzsuchende ein Jahr lang in Deutschland bleiben, wären in diesem Zeitraum rechnerisch etwa 700 bis 800 neue Fälle zu erwarten. “Eine solche Zahl ist durchaus beherrschbar”, sagt Lange.

Geflüchtete werden auf Tuberkulose untersucht

Das Gesundheitsamt in Miesbach ist vorbereitet, haben schon vor und während der Pandemie eine Überwachung und eine Verlaufsbetreuung der Erkrankten installiert. Und jetzt, mit dem großen Ansturm aus den Kriegsgebieten, sieht man sich auch gewappnet. “Flüchtlinge aus der Ukraine, die in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, müssen gemäß §36 Abs.5 auf das Vorliegen einer Tuberkulose untersucht werden. Diese Untersuchungen sind im Landkreis Miesbach bereits angelaufen bzw. finden statt.”

Aber derzeit sind viele Flüchtlinge in Gästehäusern und bei Familien untergebracht. Was ist hier zu tun? Auch hier ist das Gesundheitsamt vorbereitet. Die Pressesprecherin des Landratsamts, Vanessa Schallmoser, dazu: “Privat untergebrachte Flüchtlinge können über eine Anbindung an die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte untersucht werden und bei Verdacht auf Vorliegen einer Tuberkulose weiterer Diagnostik zugeführt werden.”

Auch wie andere Experten in Deutschland sehen die Miesbacher Gesundheitsverwalter keinen Grund für Panik, sagen stattdessen:

Die Ärzte im Gesundheitsamt gehen aber nicht davon aus, dass die genannten hohen Prognosen erfüllt werden.

Was ebenfalls beruhigt: Das Übertragungsrisiko, so Lungenexperten, ist weit von der aktuellen Omikron-Variante des Covid-Virus entfernt. Selbst wer vier Wochen lang mit einem Patienten mit ansteckender Tuberkulose in einem Haushalt lebt, müsse sich nicht zwangsläufig infizieren.

Dennoch: Die öffentliche Verwaltung muss das auf dem Schirm haben. Das gilt vor allem für die Koordination mit anderen Anlaufstellen aus anderen Kreisen und Städten. Ein routinemäßiger Grundcheck für alle Geflüchteten ist da sicher zweckdienlich. Schallmoser dazu abschließend: “Das Gesundheitsamt bereitet gerade Informationen über Tuberkulose für Geflüchtete auf, die wir unter anderem auf der Website veröffentlichen werden.”

Hintergrund:

Tuberkulose ist eine ansteckende Krankheit, die durch Bakterien verursacht wird. Die Bakterien befallen überwiegend die Lunge.
Übertragen wird sie meist per Tröpfcheninfektion, selten durch Hautverletzungen.
Die meisten Infektionen verlaufen unbemerkt, nur bei etwa einem von zehn infizierten Menschen bricht die Krankheit aus, oft haben sie ein geschwächtes Immunsystem.
Symptome können Nachtschweiß, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Schwäche, Fieber, später auch anhaltender oder blutiger Husten sein.
Behandelt wird die Tuberkulose mit Antibiotika. Sie ist eine meldepflichtige Krankheit. Eine rechtzeitig erkannte und richtig behandelte Tuberkulose heilt in aller Regel folgenlos aus.
Eine Impfung wurde bereits vor 100 Jahren entwickelt. Allerdings ist der auf abgeschwächten Bakterien basierende Lebendimpfstoff nicht sehr gut verträglich und wirkt auch nur zu etwa 50 Prozent. In Deutschland wird er seit 1998 deshalb nicht mehr eingesetzt.

 


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