Repair-Café der Holzkirchner VHS

Wegwerfen? Nein, danke!

Tatsächlich, die Idee „Reparieren statt Wegwerfen“ hat etwas mit „Markt und Wirtschaft“ zu tun, dem aktuellen VHS-Semesterschwerpunkt. Das erste Holzkirchner Repair-Café passt also wie die Faust aufs Auge. Ein Premierenbericht über scheinbar aussichtslose Fälle, Happy Ends und ein musikalisches Rätsel.

Küng
Herbert Klüg – Initiator des Repair Cafe.

Was tun mit der kaputten Taschenuhr, dem Fahrrad mit Speichenbruch oder der aufgelösten Handtasche? Der 78-jährige Herbert Klüg, Hobby-Tüflter und „Tauschzeit“-erfahren, hat seinen Namen für das Projekt „Repair-Café hergegeben. Mit-Initiator ist Thomas Mandl, Leiter der Holzkirchner VHS. Er schätzt Klüg als „Mann, der einfache Lösungen für schwierige Probleme findet“ und will das Projekt als eine Art Versuchslabor in Sachen Nachhaltigkeit verstanden wissen. Anregungen habe man sich bei anderen Volkshochschulen geholt.

Das Konzept „Reparieren statt Wegwerfen“ habe einmal natürlich einen positiven ökologischen Aspekt. Es würden weniger Ressourcen verbraucht und Müll produziert. Die Leute sparten Geld, weil sie eben keine neuen Uhren, Radlfelgen oder Taschen kauften. Das sei überdies bewusstseinsbildend, ganz im Sinne von Hannah Arendts „gebrauchen, nicht verbrauchen“. Mandl, der studierte Philosoph, hat gesprochen. Nicht zuletzt komme der soziale Aspekt dazu: „Man lernt Leute kennen, arbeitet zusammen und hat Spaß.“

Aus der Wundertüte

Der Café-Aspekt beschränkt sich zwar derzeit noch auf den Getränke-Automaten im Untergeschoß der VHS. Aber der Spaß ist da. Auf den Werkbänken im Souterrain liegen laminierte Schilder für die einzelnen Schwerpunkte. „Elektrogeräte“ „Textilien“, „Möbel“, „Computer“, „Fahrräder“ und „Sonstiges“. Für die Radl hat sich Martin Gritschneder zur Verfügung gestellt, für Textilien Heike Wellisch, ein Elektronik-Experte möchte seinen Namen nicht lesen und Herbert Klüg versteht sich als handwerklicher Allrounder.

Nur zwei Fahrrad-Reparaturen wurden angemeldet. Ansonsten ist die Premiere eine Wundertüte. Keiner weiß genau, was ansteht. Die erste Kundin kommt mit zwei schwarzen Kunststoffkästchen am Kabel; Vorschaltgerät und Akku für einen Elektro-Rasenmäher. Ihre selbst gestellte Diagnose: „Ein Wackelkontakt im Netzteil.“ Bei kleinsten Bewegungen stoppt der Ladevorgang. Das Problem: Die Kunststoff-Ummantelung ist nicht aufzukriegen.

Herbert Klüg, erfahrener Reparateur versucht es erst mal hemdsärmelig mit Leatherman und Schweizer Taschenmesser, holt dann Schraubstock und weiteres Werkzeug aus dem Auto. Aber er gibt gerne an seinen Elektronik-Kollegen ab, als sich ein weit filigraneres Objekt abzeichnet. Die kaputte Erzgebirgs-Spieluhr ist dem ersten Augenschein nach aus den 30er Jahren. Die jetzige Besitzerin, Regina Hecht, hat sie „sicher schon 50 Jahre“, von ihrer Mutter geerbt und selbst noch nie spielen hören. Die Walze im Innern dreht sich nicht mehr. Eine schlanke Säule mit Vögelchen ist abgebrochen.

Erkennen Sie die Melodie?

Mit kleinsten Schraubenziehern wird die Spieluhr aus der Holzdose gelöst, verschobene Achsen begradigt und alles gründlich geölt. Und, oh Wunder, es ertönt eine kleine Melodie. „Klingt irgendwie nach Weihnachten“, sind sich die Zuhörer einig, obwohl die Holzfigürchen eindeutig nach Frühling aussehen. Die Musikerkennungs-App von Thomas Mandl muss sich geschlagen geben. Daher der Aufruf an alle Stimme-Leser: Erkennen Sie die Melodie im Video?

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=Ocg5KHEKGeM?rel=0&showinfo=0&w=740&h=416]

Regina Hecht jedenfalls ist schon vom ersten Erfolg komplett begeistert und hält das Repair-Café für eine „supertolle Idee“. Bis allerdings ihre Antiquität „wieder singen, tanzen und die Vogerl fliegen können“, dauert es noch eine Weile. Erst beim nächsten Termin wird Herbert Klüg den Mini-Bohrer dabei haben, um die gebrochenen Säulenteile mit einem Stift zu verbinden.

Keine Konkurrenz zum Handwerk

Das Resümee nach dem ersten Termin: Das Fahrrad mit Speichenbruch ist wieder heil, bei einem weiteren Radl müssen Ersatzteile besorgt werden. Eine Taschenuhr wurde zwar kurzzeitig zum Laufen gebracht, sollte aber möglicherweise von einem Uhrmacher gereinigt werden. Zur aufgelösten Tasche gab es mangels Experten und Material lediglich Tipps zur Selbsthilfe. Der „Wackelkontakt“ am Vorschaltgerät stellte sich als Fehldiagnose heraus. Schuld an der Ladehemmung waren wohl verschmorte Kontakte, die mit Schmirgelpapier gereinigt werden konnten.

Mandls Resümee nach dem ersten Termin lautet: „Eine sehr schöne Erfahrung“, auch wenn nicht allen sieben Klienten aufs erste Mal geholfen werden konnte. In der Nachbesprechung geht es jetzt um die Optimierung. Eine Voranmeldung – telefonisch oder per Mail – mit Beschreibung des Problems könnte da helfen.

Spieluhr
Eine kaputte Spieluhr im Repair Cafe.

Dann könnten Experten, Material und Werkzeug gezielter eingesetzt werden. Denn im Moment sind im VHS-Werkraum nicht mehr als ein paar Schraubenzieher und eine Nähmaschine vorhanden. Mandl betont außerdem, das Repair-Café wolle keine Konkurrenz zu bestehenden Handwerksbetrieben sein.

Wir kümmern uns um aussichtslose Fälle, die so keine Werkstatt annnehmen würde. Und das ohne Gewähr.

Genau dies scheint reizvoll: „Ein neuer handwerklicher Allrounder hat sich noch gemeldet.“ Termine sind jeweils am zweiten Freitag im Monat von 16 bis 19 Uhr, der nächste ist am 13. November.

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