Wenn Alte das Leben verlernen

Die Vergreisung der landkreisweiten Bevölkerung schreitet schneller voran als es Einrichtungen für Senioren gibt. Erwartet wird eine Verdopplung der Pflegefälle bis 2023. Eine Herausforderung für Gemeinden und Rentner, die immer mehr auch das Leben verlernen.

Eine alternde Gesellschaft bringt neue Herausforderungen mit sich.

Vielfach prägen im Tegernseer Tal Senioren das Ortsbild. Ob mit dem Rollator oder schon im Rollstuhl. Die meisten Alten leben dabei in Rottach-Egern. Mehr als jeder Dritte ist über 65 Jahre alt. Laut Statistik sind es 36,3 Prozent der Bürger, gefolgt von Tegernsee mit einem Anteil von 33,3 Prozent. Die Seniorenquote in Bad Wiessee beträgt 30,8 Prozent, in Kreuth 28,3 Prozent und in Gmund sind es 26,3 Prozent.

Außerhalb des Tales sinkt die Quote der Silberager über 65 Jahre. In Waakirchen sind es nur 21,1 Prozent, in Holzkirchen leben mit 17,6 Prozent die wenigsten Senioren. Doch alle eint das gleiche Problem: sie sind oft nicht mehr in der Lage, ihre täglichen Bedürfnisse zu erledigen.

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Bemängelt wird in einer aktuellen, dem Kreistag vorliegenden, 130 Seiten umfassenden Dokumentation, dass „die fortwährende Ausdünnung bei Banken Sparkassen und Postfilialen dazu geführt hat, dass viele Senioren und Seniorinnen Probleme haben, ihre Geschäfte selbst zu regeln“. Online-Bankgeschäfte könne die Gruppe der älteren Bevölkerung nicht mehr bewältigen.

Höhere Lebenserwartung, größere Hindernisse

Laut Studie seien zum Beispiel die kleinen Fahrplanbroschüren der BOB für Senioren wegen der Schriftgröße vielfach nicht lesbar.

Menschen mit Sehbeeinträchtigungen sind meist nicht in der Lage, sich Verbindungen herauszusuchen. Fahrkartenautomaten an den Bahnhaltestellen, bzw. in den Zügen sind für Ungeübte oft nur bedingt bedienbar. Hier ist in jedem Fall Handlungsbedarf zu sehen.

Der RVO sei grundsätzlich bereit, Nutzerkurse für Senioren anzubieten. Doch um im Alltag sicher unterwegs sein zu können, gehören auch weitere Informationen dazu, wie beispielsweise: wo befinden sich die Haltestellen, Sitzgelegenheiten, WCs, soziale Einrichtungen, Briefkästen, öffentlich erreichbare Defibrilatoren für den Notfall, welche Wege sind barrierefrei, haben abgesenkte Randsteine und Zebrastreifen.

Hier ist es Landrat Wolfgang Rzehak (Grüne) „ein besonderes Anliegen“, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung in allen Altersgruppen einzugehen. Die Herausforderung aber sei „die Vielfalt der Lebensstrukturen im Alter, die Wohnwünsche älterer Menschen und die Sicherung der Würde in allen Lebenssituationen“. Hier sei vor allem bei der Barrierefreiheit der Wohnungen noch viel zu leisten. Vor allem bei gemeindeeigenen Wohnungen sollte den Bedürfnissen älterer Menschen Rechnung getragen werden. Denn „die Lebenserwartung wird weiter ansteigen. Für 60-Jährige wird für das Jahr 2050 eine Lebenserwartung von 84 Jahren für Männer bzw. 88 Jahren für Frauen angenommen“, so die Studie für den Kreistag.

Verdopplung der Pflegefälle

Auch die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt stetig zu. Waren im Jahr 2001 noch 1.372 Personen als pflegebedürftig eingestuft, so hat sich dies bis 2010 auf 1.950 Personen erhöht. Der Anteil der Pflegebedürftigen in vollstationärer Dauerpflege beläuft sich derzeit auf Kreisebene bei 31,8 Prozent. Dies bedeute, dass sich rund 620 Personen der Landkreisbevölkerung in einer Pflegeeinrichtung befinden. Dem steht ein Angebot von 1.077 Plätzen gegenüber.

senioren-statistik

Doch Prognosen des Bayerischen Arbeits- und Sozialministeriums gehen davon aus, dass sich die Anzahl der Pflegefälle je 1.000 Einwohner bis 2020 um 16,2 Prozent erhöht. Das bedeutet eine Verdopplung der als pflegebedürftig eingestuften Personen bis 2023 und eine Überschussnachfrage nach vollstationärer Versorgung von mehr als 300 zusätzlichen Plätzen.

„Statistische Kennzahlen weisen darauf hin, dass vor allem im sogenannten „vierten Lebensalter“ (etwa in der Zeitspanne ab dem 75. bis zum 80. Lebensjahr) die gesundheitliche Situation wesentlich negativer eingeschätzt werden muss, da dann das Risiko für chronische körperliche Erkrankungen, Multimorbidität sowie nachfolgend Hilfe- und Pflegebedürftigkeit wegen einer erhöhten Anfälligkeit deutlich zunimmt“, stellt das Gesamtkonzept des Landkreises ernüchternd fest.

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