Tegernsee mit klaren Präferenzen beim Umgang mit der Energiewende

Wenn das Ortsbild an erster Stelle steht

Von Martin

Peter Janssen zierte sich ein wenig, als wir ihn vor vier Wochen zu den Bemühungen der Stadt Tegernsee im Zusammenhang mit der Energiewende befragten. Kein Kommentar, hieß es damals – trotz mehrmaliger Nachfrage – aus dem Rathaus.

Mittlerweile gab es ein Pressegespräch, auf dem Janssen doch noch zu den Zielen der Stadt Stellung bezogen hat. Und das ausführlich.

Die nahezu unbefleckte (Dach-)Landschaft in Tegernsee

Die Satzungen der Gemeinden spielen beim Thema „Energiewende“ eine wichtige Rolle. Darin ist unter anderem geregelt, wie viel Dachfläche für die Gewinnung von Sonnenenergie verwendet werden darf. Rund um den Tegernsee sind in der Zwischenzeit einige Passagen in den Satzungen zugunsten einer größeren Fläche geändert worden. Oder man hat dies – wie in Rottach-Egern – im Laufe von 2012 noch vor.

Anders sieht es in Tegernsee aus. Dort bleibt es bei maximal einem Drittel der Dachfläche. Für Bürgermeister Janssen und den Stadtrat stehen dabei vor allem gestalterische Argumente einer deutlichen Ausweitung entgegen.

Ein schönes Ortsbild

„Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten“, sagt der Tegernseer Bürgermeister selbstkritisch. Dennoch war das bei der Entscheidung im Stadtrat, wie viel Dachfläche mit Solar- und Fotovoltaik-Anlagen bebaut werden darf, am Ende das ausschlaggebende Argument. Der Passus in der Tegernseer Satzung blieb unverändert. So hat es der Stadtrat mehrheitlich im März entschieden.

„Das sind wir dem Ortsbild und den Gästen hier in Tegernsee schuldig“, begründet Janssen das damalige Votum. Eine Überzeugung, die auch von der Satzung widergespiegelt wird, in der unter anderem von „besonderen Anforderungen an das Ortsbild“ die Rede ist.

Darüber hinaus stellt der Tegernseer Rathaus-Chef die Potenziale, die durch Solar- und Fotovoltaikanlagen erzielt werden können, infrage. Eine indirekte Kritik an den Berechnungen der Energiewende Oberland, die dem Klimaschutzkonzept zugrunde liegen.

Aus dem integrierten Konzept des Landkreises geht hervor, dass Tegernsee von allen 17 Gemeinden die wenigsten Dachflächen mit Solaranlagen bedeckt hat. Bei den Potenzialen liegt Tegernsee im gesamten Kreis im vorderen Drittel. Bei den Tal-Gemeinden sogar an erster Stelle.

„Dabei wird die Häuserausrichtung und auch die Wetterlage hier vor Ort nicht genügend berücksichtigt“, sagt Janssen und spielt auch auf die langen Winter an, bei denen Häuserdächer von Schnee bedeckt sind. Nach Meinung des Bürgermeisters sollten Fotovoltaikanlagen zuallererst entlang der Autobahnen errichtet werden. Diese Flächen seien für Janssen „totes Land“, und so könne man teilweise auch gleich das Stromverteilungsproblem lösen.

Der Tegernseer Ortsvorsteher hat jedoch prinzipiell nichts gegen die Ziele der Energiewende Oberland. „Wir unterstützen das Konzept natürlich und haben sogar einen 14-köpfigen Arbeitskreis aus Stadträten und Bürgern gebildet, in dem ich selbst Mitglied bin.“

Tegernsee biete über kostenlose Energieberatungen und bezuschusste Einzelberatungsgespräche hinaus sogar eine eigene Rubrik mit Energiespartipps im Gemeindeboten an. Diese Idee entsprang dem Arbeitskreis, der seit seiner Gründung schon sieben Mal getagt habe, sagt Janssen. „In Sachen Öffentlichkeitsarbeit tun wir sehr viel“, ist der Bürgermeister überzeugt.

Solarzellen Dachkonstruktion Energiewende Oberland Naturkäserei artikelbild breit
Das Dach der Naturkäserei, einem touristischen Aushängeschild Kreuths, ist zu großen Teilen mit Modulen bedeckt

Dabei geht Tegernsee einen eigenen Weg. Zumindest im Tal haben die übrigen Gemeinden sich eigentlich für mehr Dachflächen für Sonnenenergie und gegen das konsistente Ortsbild ausgesprochen. Sie unterstützen damit die Energiewende nicht nur mit „guter Öffentlichkeitsarbeit“, sondern auch mit konkreten Beschlüssen, die es ihren Bürgern erlauben, die ambitionierten Ziele hin zu einer landkreisweiten Energieautarkie mit zu fördern.

Ob Rottach, Wiessee, Gmund und Kreuth dabei einfach übersehen, wie wichtig der Erhalt der früheren örtlichen Dachlandschaft für den Tourismus ist, oder ob Tegernsee diesem Punkt zu viel Einfluss beimisst, ist dabei unklar. Man könnte es auch mit den Worten Peter Janssens formulieren: „Über Geschmack lässt sich streiten“ – vor allem beim Dach.


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