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Jahresrückblick: Der Bäckerei-Skandal in Rottach-Egern

Wenn man sich mit der Falschen anlegt

Von Nicole Kleim

Die Geschichte des Jahres spielte sich im beschaulichen Rottach-Egern ab. Sie handelt von einer kleinen Bäckerei, von Solidarität und einem Ehepaar, das mit einem ausgeprägten Geruchssinn in die kleine Welt am Tegernsee gekommen war und damit den Ortsfrieden massiv störte.

Ganz Rottach-Egern zeigte sich solidarisch mit der Rottacher Konditormeisterin Evi Tremmel (rechts).

Seit 65 Jahren bläst der Geruch von frischen Semmeln durch die Ventilatoren einer kleinen Bäckerei in Rottach-Egern. Seit 25 Jahren steht die heute 51-jährige Evi Tremmel dort in der Backstube ihrer Eltern und widmet sich in altbewährter Tradition der Handwerkskunst des Brotbackens.

Doch der Bäckerei-Duft gefiel den neuen Nachbarn von Evi Tremmel überhaupt nicht. Jeden Morgen stieg das Semmel-Aroma in den zweiten Stock ihres frisch gewählten Altersruhesitzes hinauf und blieb unter einem Dachvorsprung hängen. Genau dort, wo das Rentner-Ehepaar aus Norddeutschland sein Schlafzimmer hatte.

Schlafmangel macht schlechte Laune

Wie Nebelschwaden zog der Geruch durch die Nasengänge der Beiden und legte sich unaufhörlich auf deren Riechnerven. Vorbei war es mit dem erholsamen Schlaf. „Der Gestank störe und beeinträchtige massiv“, teilte man daraufhin der Rottacher Konditormeisterin mit.

So intensiv und bewusst hatte das Rentner-Ehepaar den Geruch bis dato nicht wahrgenommen. Nun ist es auch etwas anderes, ob man seine Tage nur ab und zu in seiner Zweitwohnung am Tegernsee verbringt oder beschlossen hat, seinen Lebensabend darin zu verbringen. Schlafmangel verursacht bekanntlich schlechte Laune. Rücksicht und Taktgefühl fallen den eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen zum Opfer.

Weil es den Nachbarn nicht gefällt…

Also forderte man die 51-jährige Evi Tremmel auf, Ablufventilatoren in ihre Bäckerei einbauen zu lassen oder zumindest „entsprechende Vorkehrungen“ zu treffen, um die Geruchsbelästigungen zu vermeiden. Die wiederum reagierte mit Fassungslosigkeit. Dass ihre Bäckerei „stinkt“ hatte sie ja noch nie gehört. Was ihr dagegen stinkt, ist Geld für Dinge auszugeben, die nicht unbedingt nötig sind.

Sie ist Einheimische. Also blieb sie stur. Eines Tages erhielt sie ein Schreiben, das der Tegernseer Anwalt und Vize-Bürgermeister Heino von Hammerstein verfasst hatte. Fünf Tage räumte man ihr darin ein, um auf die Forderungen zu reagieren und Maßnahmen zur Lösung vorzuschlagen. Damit der Duft verduftet.

Evi Tremmel blieb ruhig, kontaktierte den Bürgermeister und ging mit seiner moralischen Rückendeckung weiter ihrer Arbeit nach. Was dann passierte, hätte keiner für möglich gehalten. Auf Facebook entbrannte ein regelrechter Shitstorm gegen das Rentner-Ehepaar, das gegen den seit Jahrzehnten bestehenden Bäckerei-Duft vorzugehen versuchte.

Plötzlich kochen die Emotionen hoch

Plötzlich zeigten die Einheimischen ihre Verbundenheit mit Evi Tremmel. Sie stellten Schilder vor der Bäckerei auf, um ihre Solidarität zu beweisen. Sie kauften verstärkt in der Bäckerei ein, um „ihrer Evi“ zu helfen. Sie machten klar: Kein „Fremder“ hat das Recht, diese seit Jahrhunderten bestehende Gemeinschaft in irgendeiner Form anzugreifen. Heimatgefühle bekam auch der „Oimara“ Beni Hafner. In einem Song von ihm heißt es:

Nachbar von da Bäckerei, wos is dei Problem? Es war so angenehm, dad’s so Leid wia di ned gem.

Selbst Landrat Wolfgang Rzehak stellte sich auf die Seite von Evi Tremmel. Nach und nach stieg der Bäckerei-Duft auch anderen Medien in die Nase. Schließlich gewann die Geschichte deutschlandweit an Aufmerksamkeit. Vor Evi Tremmel Bäckerei lauerte die Presse, der Kläger traute sich aus Angst vor Ablehnung nicht mehr aus dem Haus, landete sogar im Krankenhaus, und Evi Tremmel wollte nur noch eines: ihre Ruhe. Irgendwann war sie weder telefonisch erreichbar noch in der Bäckerei anzutreffen.

Ein ganzer Ort in Aufruhr

Die Reaktion der Bäckerei-Kunden und das mediale Interesse versetzten ganz Rottach-Egern in Aufruhr. Bürgermeister Christian Köck trat schließlich als Vermittler zwischen den Parteien auf. Im Sinne des Ortsfriedens verzichtete der Kläger auf die gesetzte Frist und zeigte sich lösungsorientiert.

Wie der Bürgermeister nun mitteilt, habe Evi Tremmel ihren Nachbarn in dem damaligen Gespräch eine kleine Maßnahme zur Verbesserung der Situation angeboten. Diese sei zwischenzeitlich mit wenig Arbeits- und Kostenaufwand umgesetzt worden, so Köck.

Frieden ist eingekehrt

Welche Maßnahme das gewesen ist, darüber haben die Parteien ausdrücklich Stillschweigen vereinbart, sagt er. Mittlerweile hat Evi Tremmel ihm aber bestätigt, dass „Ruhe eingekehrt ist“ und „die Angelegenheit wohl erledigt sei“. Der Ortsfrieden ist also zurück.

So unangenehm der Geruch von Evi Tremmels Bäckerei für ihre Nachbarn auch gewesen sein mag, eines haben sie sicherlich gelernt: Leg‘ Dich nicht mit einer Konditormeisterin an, die mit Liebe backt und ihr Herz den Kunden schenkt. Dann hat man schnell mit einem noch ganz anderen Geruch zu kämpfen: Der Dunstwolke der üblen Nachrede.


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