Der Tegernsee als Abbild der bayerischen Energiekrise: Ein Kommentar
Wenn’s doch knapp wird: Was dann, Tal?

von Sabiene Hemkes

Ein wunderschöner Bergsee, schmucke Gemeinden verteilt am Ufer, moderne Hotels im alpinen Stil und Bergsport vom Feinsten zu jeder Jahreszeit. Und das Beste – weder Energiekrise noch Klimakatastrophe weit und breit. Oder doch?

Tegernseer Tal Romantik bei Nacht – mit noch genügend Energie. / Quelle: foto-webcam.org

Ein Kommentar von Sabiene Hemkes:

Ich habe kürzlich einen Menschen auf einer Alm in den Tegernseer Bergen gefragt, was für ihn denn die Auswirkungen der Klimakrise seien. Seine Antwort? Mit ausgebreiteten Armen deutete er auf die Berge im Voralpenland und die saftigen grünen Wiesen mit den Almtieren vor sich.

Siehst du hier irgendetwas, was nach Klimakrise aussieht? Uns betrifft das doch gar nicht!

Na dann. Exakt so fühlt es sich auch an, wenn man durch das Tal fährt. Orte aus der Zeit gefallen. Idylle pur. Kaum eine Photovoltaik-Anlage auf den Dächern stört den bemüht einheitlichen Chalet- und Bauernhau-Charakter der Häuser. Wir leben hier zu 70 Prozent von dem was wir produzieren – eine Wohlfühloase und heile Welt-Romantik im alpinen Tourismusraum. Zumal wir in einem Bundesland leben mit unseren Bergen, das wieder einmal nur Opfer sein will auf der neuen Berliner Bundes-Bühne.

Landesvater Söder steht gerade vor den Trümmern seiner grün angemalten Energie- und Umweltpolitik. Dabei hätte alles so schön sein können ohne die Pandemie und den Krieg in der Ukraine. Der Bienenretter, wenn auch wider Willen, keilt derzeit böse aus in Richtung Berlin. Doch für die letzten 15 Jahre in Berlin und die Abhängigkeit Bayerns vom russischen Erdgas und Öl sind er und seine Partei mitverantwortlich. Dummerweise stehen im Herbst 2023 noch die Lantagswahlen an. Ein Farbenwechsel beim Chamäleon aus München ist wieder einmal gefragt.

Bayerisches Politik-Chamäleon wird es schon richten

Vor 10 Jahren fiel in der Bundesregierung der Beschluss, die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Genug Zeit bei der Energiepolitik im Land umzudenken, könnte man meinen. Doch nun, sollte der Winter hart und lang werden, und das Gas aus Russland versiegen, droht gerade dem Süden und Osten Bayerns eine sehr kalte Zeit. Der Hauptgasspeicher in Österreich ist kaum gefüllt. Der Strom kommt zumeist aus Atomkraftwerken oder wird aus Gas produziert. Von den Windkraftfeldern im Norden der Republik sind wir abgeschnitten, Seehofer sei Dank. Und die drei neuen Windräder bayernweit – alle 10H konform versteht sich – werden das nicht kompensieren. Den Preis zahlt der Bürger – um genau zu sein: WIR

Die Abwesenheit der globalen Klimakrise

Und auch in unserem lokalen Kontext sucht der Klimawandel, die Zerstörung der Natur, die Energiekrise vergebens nach einer Daseinsberechtigung. Größter Feind unserer Kulturlandschaft scheint der Wolf zu sein. Danach die neue Regierung in Berlin und dann irgdendwann mal kommt der böse Klimawandel. Mehr noch – Gedanken an die Fragilität unseres Lebensraums werden total negiert.

Der böse Klimawandel ist schuld. Nicht das, was den Klimawandel erst erzeugt hat: Die Ausbeutung der Natur. Pläne für Solarparks lösen Shitstorms aus, Windräder werden schon vorab und diskussionslos als unsinnig verteufelt, Konzepte für Fernwärmeanlagen verdörren in den Schubladen der Rathäuser, gleich neben den gemeindeeigenen und sehr teuren Energiekonzepten.

Photovoltaik-Anlagen werden zwar inzwischen auf Dächern unter strengen Vorgaben erlaubt, doch dann, wie zuletzt in Tegernsee oder Bad Wiessee, auf neuen öffentlichen Gebäuden mal aus Versehen vergessen – ups. Was soll‘s – ist ja eh irgendwie gegen das Selbstverständnis der diversen Gestaltungssatzungen der Gemeinden. Viel wichtiger als energetisch zu bauen, ist doch den Dachüberabstand akkurat einzuhalten und auf kleine Fensterflächen zu achten, als optisch störende Solaranlagen auf den Dächern installieren zu lassen.

Gehen im Muster-Tal die Lichter aus?

Was aber macht das touristische Muster-Tal, wenn die Stufe 3 des Gas-Notfallplans ausgerufen werden sollte im Herbst? Wenn dann die Heizungen ausgehen in den Hotels, in den Pensionen, den Ferienwohnungen, den Luxusgeschäften und den SPA’s rund um den See? Was, wenn die Brauereien kein Bier mehr brauen können oder die Handwerker wieder daheimbleiben müssen, weil niemand mehr bauen will? Was dann, Tal?

Rund 85 Prozent der landkreisweiten Wärmeproduktion erfolgt über fossile Brennstoffe. Bedrückende 76 Prozent des verbrauchten Stroms stammen nicht aus regenerativen Energien. Nur knapp 7 Prozent der im Landkreis Miesbach für die Solarproduktion in Frage kommenden Dächer (insgesamt 57 Prozent aller Dachflächen sind geeignet) sind auch mit Solar-Anlagen bestückt. Nur 2 Prozent der Fläche im Landkreis ist überhaupt für das Aufstellen von Windrädern ausgeschrieben. Die Ressourcen der Wasserkraft gelten als ausgeschöpft. Und Solarparks sind eher bäh.

Lokale CSU bekennt sich zu regenerativer Energie – ist nicht wahr?

Und wer jetzt noch immer auf den propagierten CO2 neutralen Landkreis Miesbach im Jahr 2035 hofft, ebenso wie auf den vom Landesvater und seinem Freistaat, der das gleiche Ziel 2040 ausgeschrieben hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Durch Nichtstun, leere Worthülsen und Bewahren ist so ein großes Ziel noch nie erreicht worden. Und ob ein Bekenntnis der lokalen CSU zu regenerativen Energien, wie jüngst verkündet, im Jahr 2022 mehr als nur die eigenen Reihen überzeugt, ist zu bezweifeln. Nur eines ist klar – diese Kehrtwende kommt für die nächsten Winter definitiv zu spät.


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