Wer nicht spurt, fliegt raus

von Steffen Greschner

Gastgeberbetriebe, die nicht am Onlinebuchungssystem teilnehmen, werden systematisch benachteiligt. Diesem Vorwurf sieht sich die TTT derzeit ausgesetzt. Grund seien vor allem die zwölf Prozent Provision, die „Offliner“ gegenüber „Onlinern“ sparen ‒ sagen die Betroffenen.

Doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes: wer nicht online ist, fällt einfach durchs Raster. Integrationsprobleme am Tegernsee.

Ohne Bankkonto wird man schnell ausgesperrt. Ohne Internet auch.

Wer heute kein Bankkonto hat, hat es schwer, überhaupt einen Job zu bekommen. Gehälter in braunen Lohntüten lassen jedem Arbeitgeber die Haare zu Berge stehen – und das Finanzamt misstrauisch werden. Bargeld verbuchen ist kompliziert und zusätzlicher Aufwand.

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Kein Konto, kein Job. Nicht weil ein Bewerber ohne Konto schlechter oder weniger fleißig als seine Konkurrenten wäre, sondern weil er schlicht nicht integrierbar ist. In ein System, das sich durchgesetzt hat.

Wer nicht online ist, ist nicht existent

Mit Erschrecken mussten einige Gastgeber in letzter Zeit feststellen, dass sie wohl bei der Buchungsvermittlung von „ihrer“ Tourismusorganisation ebenfalls benachteiligt werden. Weil ihre freien Zimmer und Ferienwohnungen nicht über das optionale Onlinebuchungssystem buchbar sind. Benachteiligt, weil sie lieber die gewohnte Lohntüte der Überweisung aufs Konto vorziehen. „Offliner“ fallen durchs TTT-Raster wie Arbeiter ohne Konto.

Ob es sich um systematische Benachteiligung und offizielle Anweisungen aus der Geschäftsführung zugunsten höherer Provisionen handelt, muss erst noch bewiesen werden. Durchaus naheliegend ist ein einfacher Grund: Die „Offline-Gastgeber“ sind im gewohnten Arbeitsablauf der TTT-Mitarbeiter schlicht schwer integrierbar. Bei telefonischen Anfragen nach verfügbaren Zimmern bemühen die Vermittler den Computer – was der Bildschirm nicht als online buchbar anzeigt, ist oft nicht existent. Zu mühsam, zu teuer wäre die Vermittlung.

Onlineverweigerer werden zur Kasse gebeten

Nicht nur bei der TTT, sondern in vielen Bereichen des Alltags wird mangelnde Integration in die digitale Welt inzwischen bestraft. Bahnkarten kosten Aufpreis, geht man an den Schalter anstatt ins Internet. Banken lassen sich Papierüberweisungen bezahlen, während Online-Überweisungen kostenlos sind. Postalisch verschickte Telefonrechnungen sind teuer, die Rechnung per E-Mail dagegen frei Haus.

Neue Buchungsterminals ‒ die Frage ist, ob für alle

Doch der Integrationszwang scheint zunehmend auch für die Gastgeber im Tal zu herrschen. Auch wenn das in der Schonungslosigkeit bisher vielleicht noch nicht ausgesprochen wurde. „Es gibt eine Priorisierung“, sagt TTT-Geschäftsführer Georg Overs. Sicher zahlende (Online-)Betriebe würden zuerst genannt.

Einen anderen Grund schiebt der TTT-Chef aber gleich selbst hinterher, indem er Probleme bei offline gemeldeten und teils unzuverlässigen Verfügbarkeitsdaten sieht: „Wenn wir Zimmer vergeben, die dann nicht frei sind, haben wir ein Problem. Auch ein rechtliches“ ‒ dann lieber erst gar nicht vermitteln, scheint die Devise zu lauten.

Stiller Ausschluss für Systemverweigerer

Was man der TTT dabei durchaus vorwerfen kann, ist ihr zuweilen verbesserungswürdiger Umgang mit dem komplexen Integrationsprozess: Gastgeber, die den Touristikern viel Arbeit abnehmen, indem sie sich selbst verwalten, Onlinekalender pflegen und so viele Anrufe in den Tourist-Infos ersparen, werden für die Bereitschaft, sich in die Arbeitsabläufe der TTT zu integrieren, mit Vermittlungen belohnt. Nur eben gegen zwölf Prozent Provision.

„Offliner“ würden am Tegernsee bei erfolgreicher Vermittlung und sogenannter Einbuchung ebenfalls zwölf Prozent Provision zahlen. Darauf, dass sie gleichberechtigt vermittelt werden, können sie sich aber offensichtlich nicht verlassen ‒ offen aussprechen will das bei der TTT derzeit keiner. Man scheint den stillschweigenden Ausschluss eines Teils der Gastgeber aus dem Vermittlungssystem zu bevorzugen.

Dieses Stillschweigen schürt vollkommen zu Recht Misstrauen. Ehrlicher wäre es, Betriebe, die online nicht verfügbar sind, aus der Vermittlung komplett auszuschließen. Oder beispielsweise eine zusätzliche Gebühr für den Aufwand zu verlangen. So wie es die Bahn mit ihren „Offline-Kunden“ inzwischen ebenfalls macht. Das ist allemal besser, als allen Kunden am Bahnschalter zu erzählen, dass heute kein Zug mehr fährt ‒ in der Hoffnung, dass sie morgen nicht wieder kommen.

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