Interview mit E-Werk-Chef Norbert Kruschwitz zur Energiewende

Wieviel Potential steckt im Tal?

Kürzlich berichtete die Tegernseer Stimme am Beispiel von Bad Wiessee über ein Pilotprojekt, bei dem vor allem das Wasser eine große Rolle spielt. Laut der Studie könnte Wiessee seinen „kompletten Energiebedarf mit Hilfe erneuerbarer Energien decken“.

Der Direktor des Tegernseer E-Werks hält dagegen. Einiges, so Norbert Kruschwitz im TS-Interview, sei einfach nicht zu Ende gedacht.

Norbert Kruschwitz, Direktor des E-Werks Tegernsee über das Potential für erneuerbare Energien im Tal.
Norbert Kruschwitz, Direktor des E-Werks Tegernsee, über das Potential für erneuerbare Energien im Tal.

Herr Kruschwitz, wie steht es aus Ihrer Sicht im Tegernseer Tal um die erneuerbaren Energien?

Norbert Kruschwitz: Unser Schwerpunkt ist die Wasserkraft. Wir haben zwei neue Turbinen in unseren Wasserkraftwerken. Eines ist das Weissach-Werk und das andere am Söllbach in Bad Wiessee. Einen Eingriff in den Söllbach für eine weitere Turbine würde ich nicht befürworten. Man müsste ihn anstauen und dies halte ich aus Gesichtspunkten des Hochwasserschutzes nicht für ratsam. Wir prüfen aber gerade eine weitere energetische Nutzung der Trinkwasserversorgung in Wiessee. Denn bislang schöpft nur ein hydraulisches System aus dem Gefälle die Kraft, um die Wasserspeicher zu füllen. Möglich wäre auch, den Wasserdruck des Gefälles zur Stromerzeugung zu nutzen. Aber das ist noch nicht spruchreif.

Kürzlich berichteten wir von einem kleinen Kraftwerk unterhalb der Schwarzentenn-Alm, die sich die Autoren der Studie über erneuerbare Energien vorstellen könnten. Wäre dort oben eine Turbine Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Norbert Kruschwitz: Wir halten dies für extrem aufwändig und befürworten dies nicht. Denn der Gurnbach, um den es hier geht, dient in erster Linie dem Bauern in der Au. Außerdem wurde in der Studie nicht berücksichtigt, dass 50 Prozent des Wassers nicht in eine Turbine fließen darf, sondern als Restwasser vorhanden bleiben muss. Diese Überlegung ist einfach nicht zu Ende gedacht worden.

Der See als Energiequelle

Wie steht es um die Wärmegewinnung aus dem Tegernsee, die das Pilotprojekt „Energiecoaching für Gemeinden“ favorisiert?

Norbert Kruschwitz: Die Idee kam von uns. Wir befürworten diese Überlegung, die aber nicht ganz Wiessee mit Wärme versorgen könnte, sondern nur die geplante neue Therme auf dem Jodbad-Areal. Diese könnte man mit Wärme aus dem See versorgen. Es wäre ungeheuer aufwändig, in ganz Wiessee ein Nahwärmenetz zu verlegen. Da es irrsinnig teuer wäre, sehe ich da auch keine Wirtschaftlichkeit.

Woher stammt die Idee ursprünglich?

Norbert Kruschwitz: Aus der Schweiz. Dort ist man am weitesten damit. Die haben am Züricher See eine große Wärmepumpe und eine kleinere im Silser See bei St. Moritz, wo ein Grandhotel mit der Wärme aus dem See versorgt wird. Das halte ich für eine sehr clevere Lösung, denn es sind bislang auch keine negativen Effekte darüber bekannt. So ein Einzelprojekt stört die Ökologie auf keinen Fall.

Könnte man das ganze Tal auf diese Art mit Wärme versorgen?

Norbert Kruschwitz: Wenn das gewünscht wäre, würde man das intensiver berechnen müssen. Vier bis fünf Einzelprojekte dürften kein Problem sein, aber die Versorgung des ganzen Tegernseer Tals könnte die Ökologie nachhaltig stören.

Wie stehen die Bürgermeister dazu?

Norbert Kruschwitz: Da gibt es noch keine Meinungsbildung. Bislang steht nur Bürgermeister Peter Höß der Sache positiv gegenüber. Entscheiden kann man dies aber nur, wenn eine vernünftige Kosten-Nutzenberechnung vorliegt. Aber die gibt es noch nicht. Auch in der Schweiz geht es nicht um Wirtschaftlichkeit, sondern nur um die Vermeidung von CO2 und den umweltschädlichen Treibhausgasen.

Für Kruschwitz
Für Kruschwitz ist die Versorgung des gesamten Tals mit Seewärme keine Option.

Wie steht es um die Solarenergie-Bilanz?

Norbert Kruschwitz: Dies ist für uns kein Thema. Wir haben einfach nicht die Flächen. Das ist eher etwas für den Privathaushalt. Tegernsee sieht diese Solaranlagen auch sehr restriktiv, wenn die Dächer damit vollgepflastert werden. Man glaubt, dass der Blick von oben über den Ort nachhaltig gestört werden könnte.

Windenergie scheidet im Tal wohl aus?

Norbert Kruschwitz: Wir sind Ausschlussgebiet. Erst nördlich von der Kreuzstraße ist der Bau von Windrädern zulässig. So steht es im Landesentwicklungsplan. Ob sich das einmal ändert, weiß ich nicht. Es wäre auch fachlich unsinnig, auf Berggipfeln Windräder zu bauen. Die muss man dort hinstellen, wo sogenannte Düsen entstehen, nämlich in den Senken.

Ist die Geothermie hier machbar?

Norbert Kruschwitz: Es ist keine Frage, dass ich ein Anhänger dieser Wärmegewinnung aus dem Boden bin. Vor etwa 13 Jahren habe ich schon einmal eine Geothermie-Studie in Auftrag gegeben, die von Professor Otto Beisheim mit 50 Prozent gefördert wurde. Auch er war sehr daran interessiert. Wir haben die Bücher zugemacht, weil dies hier im Tal nicht geht.

Aus welchem Grund?

Norbert Kruschwitz: Wir haben hier in den Bergen Schrägklüftungen, in denen das Wasser in ganz große Tiefen abhaut. Genauso hoch wie die Berge sind, sind auch die Klüftungen nach unten. Die geologischen Formationen erlauben keine vernünftige Geothermie nach jetzigem Stand der Technik. Es ginge zum Beispiel nur auf den Schuttkegeln der Weissach oder des Söllbachs. Dort kann man das Grundwasser in etwa sieben Metern Tiefe zur Wärmegewinnung nutzen. Da wo es möglich ist, halte ich sehr viel von einer Oberflächen-Geothermie. Aber hier am Leeberg werde ich nie auf Grundwasser stoßen.

Herr Kruschwitz, vielen Dank für das Gespräch.


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