Kommentar

Wie viel Vision verträgt die Stadt Tegernsee?

Von Christopher Horn

Ein Kommentar von Christopher Horn

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt“ – lautet ein Sprichwort. „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“ ein anderes. Realitäten und Visionen sind es auch, die die seit zwei Jahren andauernde Parkhausdebatte beherrschen. Und manchmal geht es auch um Wunder.

Die Frage dabei ist: Wie viel Vision verträgt eine Stadt wie Tegernsee?

Bauchgefühl versus Zahlen und Fakten

Geht es nach Bürgermeister Peter Janssen, sind Visionen ein wichtiger Bestandteil der Zukunft der Stadt Tegernsee. Dies unterstrich er nochmals in einer der letzten Stadtratsitzungen im Mai 2012. „Der Steg vor dem Rathaus oder unsere Seesauna – alles Projekte, die erfolgreich ausgegangen sind, obwohl uns andere davon abgeraten haben. Wir haben Visionen, und langfristig werden wir auch Recht behalten.“

Peter Janssen kämpft für seine Vorhaben. Hier steht er am Ort des geplanten Stegs an der Macke-Anlage.

Was aber kann man unter dem Begriff der Vision verstehen? Ursprung ist das lateinische Wort „videre“, zu Deutsch: „sehen“. Sie lässt sich als aktiv-kreatives Wunschbild von einem zu erreichenden Sollzustand in der Zukunft verstehen. Der Begriff ist demnach durchaus positiv besetzt und symbolisiert „Aktivität“ und „Entwicklung“.

Eine Vision zu definieren und sich demnach Gedanken über die langfristige Entwicklung Tegernsees zu machen, ist dabei sicherlich zu begrüßen. Nichtsdestotrotz sollte eine Vision immer auch einer gewissen Kausalität folgen, andernfalls glaubt der Visionär zwar an ihre Richtigkeit, kann sie aber nicht mit Fakten belegen.

Gerade Zahlen und Fakten scheinen für den Tegernseer Bürgemeister dabei aber zumindest weniger von Bedeutung zu sein als seine Überzeugung und das eigene Bachgefühl. „Wir dürfen nicht immer so gutachterhörig sein“, sagte Janssen zum Beispiel auf der vorletzten Stadtratsitzung und unterstrich damit die eben geäußerte Vermutung. Unterstützt wird Janssen dabei von einem Großteil des Tegernseer Stadtrates.

Fluch oder Segen für Tegernsee?

Der Tegernseer Bürgermeister ist streitbar. Sogar seine Gegner gestehen dem früheren SPDler eine erstaunliche Durchsetzungsfähigkeit zu. Janssen versteht es wie kein Zweiter, seine Ziele zu erreichen. Aus seiner Sicht immer mit dem Ziel für eine bessere Zukunft der Stadt.

Für eine bessere Zukunft der Stadt Tegernsee ist sicherlich ein ehrenwertes Ziel, die Frage, die sich hier stellt, lautet aber: Führen Janssens Visionen Tegernsee tatsächlich in eine bessere Zukunft, oder bürden die mit einem Parkhausbau verbundenen Millionenausgaben der Stadt eine nur schwer zu schulternde Last auf?

Ist das Vertrauen auf ein Bachgefühl bei Investitionen in einer derartigen Höhe nicht fahrlässig? Kann sich ein Gremium, bestehend aus Laien, erlauben, ein von Experten erstelltes Gutachten alternativlos zu streichen, ohne es zumindest in abgewandelter Form in die anstehenden Entscheidungen mit einzubeziehen? Dabei gilt grundsätzlich, dass stichhaltige Argumente auch für eine Vision nicht von Nachteil sind.

Wie aus einer Vision eine fixe Idee wird

Auch wenn Bürgermeister Janssen bei Projekten wie dem Seeufersteg zwischen Länd und Rathausplatz oder der Verschönerung des Ortsbildes im Kurgarten und Hauptstraße Erfolge erzielen konnte, sollten diese niemanden im Stadtrat dazu verleiten, lieber auf sein Bachgefühl als auf Zahlen und Fakten zu hören. Insbesondere nicht bei einer für Tegernsee finanziell so richtungsweisenden Entscheidung wie dem Bau eines Parkhauses.

Visionen zur langfristigen Stärkung der Stadt Tegernsee sind begrüßenswert – sie sollten aber stets auf realen und nachvollziehbaren Annahmen beruhen. Sonst kann aus so einer Vision auch schnell eine fixe Idee entstehen. Und das wird kein Bürger der Stadt wollen.


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