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Jäger beklagen Vernichtungsfeldzug gegen Gämse

“Die werden geschossen, wo sie gehen und stehen”

Schon im Vorfeld der Miesbacher Hegeschau schlugen die Wellen hoch. Vor allem der Gams gehe es an den Kragen. Deren Bestand sei desolat, da der ganze „Mittelbau“ weggeschossen werde. Eine Wildbiologin sprach bei der gestrigen Hegeschau sogar von “Kindermord”.

Dr. Christine Miller und Herzogin Helene in Bayern - beide vom Verein "Wildes Bayern".
Dr. Christine Miller und Herzogin Helene in Bayern – beide vom Verein “Wildes Bayern”.

Sprach man bei der Trophäenschau im vergangenen Jahr an gleicher Stelle in der Oberlandhalle von einem „wildbiologischen Offenbarungseid“, so ist die Zustandsbeschreibung in diesem Jahr nicht weniger dramatisch, wie die beherzte Anwältin des Wildes, Dr. Christine Miller aus Rottach-Egern, schildert.

Als Mitstreiterin in ihrem Verein „Wildes Bayern“ hat sie Herzogin Helene in Bayern an ihrer Seite, die Zeugin der drastischen Schilderungen bei der Hegeschau mit etwa 1.000 Trophäen wurde. Nicht nur die Rehböcke werden bereits im Jugendalter erlegt, vor allem beim Gamswild erlebe sie einen „Kindermord“, schildert Miller gegenüber der Tegernseer Stimme. Deshalb seien Altersangaben auf den Trophäenanhängern so wichtig, um mehr über die körperliche Verfassung des Wildes und die strukturellen Entwicklung der Wildbestände zu erfahren.

Genaue Altersangabe Fehlanzeige

Doch diese Angaben verweigern die Bayerischen Staatsforsten in ihren Revieren. Zuletzt bei der Hegeschau in Garmisch-Partenkirchen wurden die Altersangaben bei den Böcken sogar geschwärzt. Von der Tegernseer Stimme damit konfrontiert, meinte Rudolf Plochmann von den Staatsforsten, das Alter einer erlegten Gams lasse sich auch an der Krücke durch das Abzählen des jährlich erfolgten Wachstums bestimmen. „Insofern kann man das Alter einer Gams nicht verbergen“, so Plochmann.

Der kämpferischen Wildbiologin Miller reicht das jedoch nicht. Sie bemängelt, dass die geschossenen Gamsböcke der Bayerischen Staatsforsten bei der Miesbacher Hegeschau nur in zwei Altersgruppen eingeteilt werden. Klasse zwei sei das Alter zwei bis sieben Jahre, Klasse eins stehe für ein Alter über acht Jahre. „Bei den Geißen ist bei der Abschussplanung keine Klassifizierung vorgesehen. Ihr Alter in Jahren steht auf keinem dieser Zettel“, deutet Miller auf eines dieser vielen Krucken.

Geschossene Gamsen immer jünger

Im Jagdgesetz stehe aber für die Hegeschau, dass diese der Information der Bevölkerung diene. Diese soll mehr über die Erfüllung der Abschusspläne, der körperlichen Verfassung des Wildes und der strukturellen Entwicklung der Wildbestände erfahren. „Dafür muss ich unbedingt das Alter der Geißen wissen“, erklärt die Wildbiologin.

Es sei nun die fünfte Hegeschau, die sie sieht, sagt Miller, „aber so dramatisch, wie in dieser Hegeschau in Miesbach ist es nirgendwo. Denn die Tiere hier werden geschossen, wo sie gehen und stehen. Von einer Tierart wie der Gämse, die ein natürliches Lebensalter von 16 Jahren und mehr hat, sehen wir hier vielleicht nur noch zwei oder drei Prozent, die mehr als acht Jahre erreichen“. Dies beklage zwar auch der Jagdverband, doch jetzt müssen den Worten auch mal Taten folgen.

Gamskrucken ohne genaue Altersangaben.
Gamskrucken ohne genaue Altersangaben.

Damit rennt Miller bei der Kreisgruppe Miesbach des Jagdverbandes offensichtlich offene Türen ein. Denn deren Vorsitzender, Martin Weinzierl, bedauert ebenfalls, dass „sich der Freistaat Bayern bei diesen Daten so wegduckt.” In Österreich sei es dagegen Pflicht, das Alter der Gämsen anzugeben. “Wenn man bei uns so viel in der „Mittelklasse“, der Altersgruppe von drei bis sieben Jahren wegschießt“, so Weinzierl auf Nachfrage, dann gebe es bei den Gamsbeständen keine stabilen Verhältnisse mehr.

Da werde zu stark in die Jugendklasse eingegriffen, so der Tenor seit Jahren. Doch geändert hat sich nichts, „die geschossenen Gämsen werden immer jünger“, mahnt Weinzierl, daher wäre es wichtig zu erfahren, wie viele zwei-, drei-, vierjährige Tiere geschossen werden, „um den Bestand des Gamswildes dokumentieren und um dessen Entwicklung abschätzen zu können“.

“Wild ist ein Stück Heimat”

Wenn es nach dem scheidenden stellvertretenden Revierleiter vom Forstbetrieb Schliersee, Gerhart Zwirglmaier, geht, sei es entscheidend, „dass wir nach wildbiologischen Maßstäben jagen“. Denn Wild, so Zwirglmaier, “ist ein Stück Heimat“.

Den Gamsgeißen wird offenbar zum Verhängnis, dass ihre Krucken auch begehrte Jagdtrophäen sind, wie es der Tiroler Veterinär Dr. Christian Messner in seinem Gastvortrag bei der gestrigen Hegeschau formulierte. Insgesamt wurden 488 Gämsen im vergangenen Jahr im Landkreis geschossen. Im Jahr zuvor waren es noch 567 Tiere.

Ein ZDF-Team drehte bei der gestrigen Hegeschau.
Ein ZDF-Team drehte bei der gestrigen Hegeschau.

Gämsen liegen im Trend, sie werden im Landkreis „weiterhin sehr intensiv bejagt“, so das Klagelied der für den Jagdschutz Verantwortlichen. Vermutlich sei auch für das nächste Jahr keine Besserung in Sicht, ist von Teilnehmern der Trophäenschau zu hören.

Ein Kamerateam des ZDF drehte auf der Hegeschau für die Produktion „Wem gehört die Natur?“. Ausgestrahlt werden soll die 90 Minuten lange Dokumentation im nächsten Jahr zunächst auf ARTE. Das TV-Team bekam offenbar genügend Anschauungsmaterial in Miesbach, es filmte unentwegt.


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