Passt eine Ringbahn in das Tegernseer Konzept?

Verkehrsprobleme und ein Parkhauswunsch

Von Steffen Greschner

Der Verkehr am Tegernsee ist ein leidiges Thema. Zu viele Autos, zu enge Straßen, zu wenig Parkplätze. Zumindest lässt die Diskussion um das geplante Parkhaus letzteres vermuten. Belegen lässt sich das freilich nicht.

Dabei ist das Argument für neue Parkplätze nördlich des Alpbachs langfristig ausgerichtet. So sagt Bürgermeister Peter Janssen: “Wir wollen bestimmte Mieter und vor allem neue Gewerbetreibende. Doch die kommen nicht ohne dass ausreichend Parkraum zur Verfügung steht.”

So sind auch die geplanten Investitionen Tegernsees im visionären Kontext einer völlig neuen Ausrichtung der Stadt zu sehen. Was sind – im Falle der sogenannten Luxuslösung – 5,1 Millionen reine Baukosten für 164 neue Stellplätze, wenn man der Gemeinde damit neue Chancen eröffnet? 164 Stellplätze für mehr Geschäfte und mehr Kunden. 164 Stellplätze für mehr Familien als neue Mieter. 164 Stellplätze als notwendige Investition in die Zukunft der Stadt.

Ideen sind da

Leise Stimmen stellen in dem Zusammenhang aber auch die berechtigte Frage: Wo genau will die Stadt Tegernsee in der Zukunft überhaupt hin? Also nicht nächste Woche oder nächstes Jahr, sondern langfristig. Möglicherweise bedeuten ja mehr Parkplätze mittelfristig die erwünschten mehr Touristen, mehr Kunden sowie mehr Familien und damit vielleicht die Chance der Überalterung entgegenzuwirken.

Mehr Parkplätze bedeuten aber automatisch auch mehr Verkehr.

Und so ist der Verkehr selbst auf der anderen Seite ebenfalls eines der Hauptthemen für die Zukunft am Tegernsee. Der Wunsch nach einer Umgehungsstraße ist fast so alt, wie der Tagestourismus selbst. Ein Tunnel als Lösungsidee taucht immer wieder auf. Es wird über Parkplätze an der Kreuzstraße und zielführende Ampelschaltungen diskutiert.

Erst im Januar hatte die CSU zum Thema „Verkehrskollaps im Tal?“ eingeladen und mit 120 Bürgern diskutiert. Die größte Aufmerksamkeit bekam damals wohl der Vorschlag von BOB Geschäftsführer Heino Seeger, eine Ringbahn um den Tegernsee zu bauen.

Könnte so die zukünftige Ringbahn aussehen? / Copyright: Tobias Stürzl

Seegers Überlegung zielt darauf ab, eine Ringbahn von Tegernsee über Gmund und Wiessee weiter nach Kreuth fahren zu lassen. “Preiswert, naturverträglich, praktisch,” so bezeichnet der BOB-Chef das etwas andere Mobilitäts-Konzept.

Der Vorteil zum Bus würde laut Seeger hauptsächlich in der Unabhängigkeit von zugestauten Straßen bestehen. Man müsse eben “anfangen auch mal etwas anderes zu denken,” so der BOB-Chef, der wörtlich sagte: “Wir brauchen eine neue Lösung, wie wir im Tal wieder mobil werden können.”

Keine klare Linie bei den Zielen

Anfangen auch mal etwas “anderes zu denken” und sich unabhängig von mittelfristigen Zielen und Planungen überlegen, was man langfristig rund um den See will, bietet vielleicht wirklich ganz neue Chancen für die Zukunft.

Nur über die Richtung des Denkens und der Planungen sollte man sich dabei klar werden. Viel Geld in Parkplätze zu investieren, um damit die Geschäfts- und Bevölkerungsentwicklung positiv zu beeinflussen, ist eine der möglichen Richtungen und nicht verkehrt. Sofern man das für sich als langfristiges strategisches Ziel definiert.

Viel Geld beispielsweise in eine Ringbahn um den Tegernsee oder anderweitige Projekte des öffentlichen Nahverkehrs zu investieren, um die Straßen zu entlasten und uns und unseren Gästen Mobilität unabhängig vom Auto zu bieten, ist dagegen genauso nachvollziehbar und sinnvoll.

An beiden Themen gleichzeitig zu arbeiten, ist jedoch ziemlich inkonsequent und wirft die Frage auf: Sehen wir unsere Zukunft in einer besseren, auf den Autoverkehr abgestimmten Infrastruktur oder in der Entlastung der Straßen und einem effizienten und akzeptierten öffentlichen Nahverkehr?

Beide Ansätze sind logisch und verständlich. 5,1 Millionen für 164 Parkplätze bringen, den Erwartungen nach, mehr Komfort für potentielle Kunden und damit auch mehr Geld und Wohlstand. Eine Ringbahn so gesehen das fast identische Ziel: Mehr Komfort, mehr Mobilität und Kunden und dadurch ebenfalls mehr Geld und Wohlstand.

Kurzfristige Wünsche oder langfristige Erfolge?

Klar ist, dass ein Parkhaus in wenigen Jahren fertiggestellt werden und direkte Erfolge bringen könnte. Der Ausbau des Nahverehrs und die damit verbundene Reduzierung des Autoverkehrs braucht Vorlauf, Planung, mehr Zeit und auch erstmal mehr Geld. Die wahrscheinliche Entscheidung für “kurzfristige und sichere Erfolge” und gegen “langfristige Unsicherheiten” ist somit auch eine Entscheidung für das Parkhaus.

Dabei ist in dem Fall nicht mal klar, wo die Unsicherheiten zu suchen sind. Die tradierten Vorstellungen besagen, dass Touristen mit dem Auto kommen. Das Fahrrad, die Wanderstöcke, die Skier – all das muss getragen werden. Öffentliche Verkehrsmittel tut sich damit keiner an.

Doch gerade die im Stadtrat angesprochenen Tagestouristen aus dem Millionen-Einzugsgebiet München stehen laut mehreren Studien vor einer Wende beim Nutzungsverhalten ihrer Fahrzeuge, wenn sie denn noch eins besitzen.

Die Mobilität steht vor einem drastischen Wandel: Weltweit sind immer mehr Menschen bereit, auf den Besitz eines Autos zu verzichten. Vor allem in Metropolregionen setzen die Menschen stattdessen auf einen Mix aus verschiedenen Transportmitteln.

Wenn man das liest ist es plötzlich auch eher zweitrangig, welche Ergebnisse eine Bedarfsanalyse am Ende zu Tage fördert. Denn möglicherweise ist die Frage “Wieviele Parkplätze brauchen wir im Jahr 2020” falsch gestellt. Und man müsste sich als Stadt Tegernsee, zusammen mit den anderen Talgemeinden, die viel komplexere Frage stellen “Wie schaffen wir es uns auf das sich verändernde Mobilitätsverhalten unserer zukünftigen Touristen so einzustellen, dass wir deren Bedürfnisse optimal bedienen.”

Die Antwort könnte dann immer noch heißen: “Wir machen das mit dem Parkhaus.”

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