Tegernseerstimme
Newsletter Tegernseer Stimme Anmeldung

Temperatur Tegernsee 20, 5°C

Die neuesten Nachrichten aus dem Tegernseer Tal. Der kostenlose Newsletter der Tegernseer Stimme täglich um 18 Uhr
Anzeige | Hier können Sie werben

Gmunder Ehepaar erzählt von der Erfahrung ein Pflegekind aufzunehmen

“Wir wollten einem Kind eine Chance geben!”

“Ein Pflegekind ist kein Kinderersatz”, da waren sich Linda und Hans-Georg Bechthold aus Gmund von Anfang an einig. Sie wollten einem Kind eine Chance geben. Enrico lebt mittlerweile sechs Jahre bei der fünfköpfigen Familie und ist nicht mehr wegzudenken. Trotzdem gab es auch schwere Momente.

Linda und Hans-Georg Bechthold aus Gmund haben ein Pflegekind bei sich aufgenommen

Enrico (Name von der Redaktion geändert) ist erst zwei Jahre alt, als sich seine Großmutter an das Miesbacher Jugendamt wendet. Seine Eltern sind zu dieser Zeit beide drogenabhängig, nicht in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern. Das Amt greift ein. Enrico wird aus der Familie geholt.

Nur kurz zuvor hatten sich Linda und Hans-Georg Bechthold aus Gmund entschieden, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. „Meine Frau wollte sich unbedingt im Bereich mit Kindern sozial engagieren. So ist diese Idee entstanden“, erzählt Hans-Georg Bechthold. Eigentlich sei das Ganze ihr Herzensprojekt gewesen. Ihr Mann habe es dann mitgetragen, so die Mutter von drei Söhnen und ergänzt: „Uns geht es verdammt gut. Da kann man auch was abgeben.“ Außerdem habe man noch ein viertes Kinderzimmer gehabt, lacht die 48-Jährige.

Und dann ging alles ganz schnell …

Damals ging dann alles ganz schnell. Nach einigen Gesprächen mit dem Jugendamt und zwei Seminaren, wurde die Familie auf die Liste der Pflegeeltern im Landkreis Miesbach gesetzt. „Wir hatten noch nichtmal die Unterlagen, da hat schon das Telefon geklingelt“, erinnert sich Linda Bechthold.

Erstmal sei sie dann alleine mit dem Leiter des Jugendamts zur Großmutter von Enrico gefahren. Linda Bechthold erinnnert sich an diesen Tag, als sei es gestern gewesen und beschreibt, was sie damals empfunden hat:

Vor der Tür, das war ein ganz bewegender Moment. Ich wusste, da wartet ein kleines, fremdes Kind, das unsere Hilfe braucht. Das war keine Freude, aber auch keine Angst. Es war etwas, was ich einfach nicht einschätzen konnte.

Man habe dann dort bei der Großmutter gemeinsam Kaffee getrunken und sei bald wieder gefahren. Das sollte nicht das letzte Treffen bleiben. Linda Bechthold wird diese aufregende Zeit wohl nie vergessen. Sie erzählt: „Das macht man dann ein paar Mal so. Und dann heißt es irgendwann ‚So Enrico, du fährst jetzt mit der netten Dame mit‘.“ Enrico habe dann hinten im Auto gesessen und die ganze Zeit gegrinst. „Ich dachte mir, Mensch ist das ein nettes Kind, das grinst die ganze Zeit. Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das alles nur Fassade war.“

Die erste Zeit in der Familie, mit den drei großen Brüdern, sei dann überraschend unkompliziert verlaufen. „Er hat toll funktioniert, möchte ich fast sagen. Aber irgendwann merkt man dann, das ist sehr unterkühlt und da ist keine Nähe“, so Linda Bechthold.

Diese Kinder brauchen Zeit …

Enrico habe einfach einen sehr schweren „Rucksack“ mitgebracht. In den zwei Jahren, bevor er zu den Bechtholds nach Gmund kam, hatte er schon fünf Stationen durchlaufen. Auch die Zeit im Mutter-Kind-Heim hat den kleinen Jungen sehr geprägt. Schon damals entwickelte er eine Essstörung. „Im Kindergarten hat er immer allen die Pausenbrote weggegessen, weil er dachte er verhungert“, erinnert sich Hans-Georg Bechthold.

Seine Frau ist sich sicher, dass hier vor allem Zeit ein wichtiger Aspekt ist. „Man muss den Kindern erstmal Zeit geben und die Möglichkeit sich zu öffnen.“ Mittlerweile habe sich Enrico voll eingelebt. Was bleibt, sind die Verlustängste. “Er fragt schon wenn er aus dem Bus aussteigt, wo die Mama ist”, erzählt Hans-Georg Bechthold.

Einig ist sich das Ehepaar, dass es gut ist, dass Enrico nicht als Einzelkind in eine Familie kam. So lag nicht das ganze Augenmerk auf ihm. Ihr jüngster Sohn ist heute elf und versteht sich sehr gut mit Enrico. „Die spielen wirklich schön miteinander”, finden die beiden. Und auch von den anderen sei er voll akzeptiert. „Wenn sie gefragt werden, sagen sie immer, sie sind vier.“

“Ein Pflegekind ist kein Kinderersatz”

Trotzdem habe es natürlich auch schwere Momente gegeben. „Es gab eine Phase am Anfang, da haben die Kinder schon gefragt ‚Mama muss der denn kommen, jetzt bist du ja voll genervt’“, gibt Linda Bechthold zu. Sie ist sich aber sicher, dass die Erfahrungen auch ihren Kindern etwas gebracht hat – nämlich zu verstehen, dass es nicht selbstverständlich ist, so aufzuwachsen.

Eine leichte Aufgabe oder gar ein Kinderersatz sei ein Pflegekind aber in jedem Fall nicht, betont ihr Mann. „Er braucht einfach viel mehr Aufmerksamkeit. Das ist für meine Frau schon anstrengend und erzeugt auch Reibung innerhalb der Familie“, erklärt der selbstständige Familienvater.

Angst, dass Enrico irgendwann wieder gehen muss, hatten die beiden jedenfalls nie. Zwar sei es aktuell nicht sehr wahrscheinlich, dass die Eltern wieder in ein geregeltes Leben zurückfinden. „Ich würde mich aber trotzdem auch freuen“, betont Hans-Georg Bechthold und ergänzt:


Wenn er es woanders schöner haben sollte als hier, freue ich mich von Herzen. Wir wollten von Anfang an nicht ein Kind mehr, sondern einem Kind eine Chance geben.

Vielleicht wird er mit 16 ausbüchsen, seine Wurzeln suchen und sich ausprobieren, dessen sind sich beide bewusst. „Aber wenn er wiederkommt, hat er einen Schlüssel. Das hier ist sein Zuhause.“

Enrico ist heute acht Jahre alt. Er geht auf die Förderschule in Hausham. „Das war genau die richtige Entscheidung. Dort geht alles etwas langsamer“, weiß Linda Berchthold. Ihre anderen drei Söhne besuchen das Tegernseer Gymnasium. Enrico sei einfach in seiner Entwicklung zwei Jahre zurück, das mache aber gar nichts. „Er kann auch mit 20 noch Abi machen, wenn er das will“, findet die Gmunderin.

Das jüngste Familienmitglied der Bechtholds ist auf jeden Fall ein echter Herzensbrecher. „Wenn der hier rein kommt, würden alle sagen ‚toller Typ‘“, schmunzelt Hans-Georg Bechthold. Das Ehepaar ist sich einig: Es ist einfach toll einem Kind diese Chance zu geben. „Ich würde Enrico nie mehr hergeben wollen. Er gibt mir sehr viel zurück“, sagt Linda Bechthold, stolze Mutter von vier Söhnen, abschließend.

Der Landkreis sucht dringend Pflegefamilien

Eine Pflegefamilie bietet einem Kind, das aus unterschiedlichen Gründen nicht bei seinen leiblichen Eltern leben kann, ein familiäres Umfeld mit wertvollen Chancen für eine gute Zukunft.

In der Regel haben Pflegekinder Eltern, denen sie sich gefühlsmäßig verbunden fühlen, bei denen sie aber aus verschiedenen Gründen nicht leben können oder dürfen. Solche Gründe sind etwa körperliche oder seelische Vernachlässigung, fehlende Erziehungsfähigkeit oder materielle Defizite, meist als Folge von psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder eigener Mangelversorgung in der Kindheit der Eltern.

Pflegekinder müssen die Trennung von ihren Eltern verarbeiten und brauchen Unterstützung darin, wieder Vertrauen aufzubauen und gleichzeitig mit dem Erlebten zurecht zu kommen. Pflegefamilien leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft. Kinder, die aus unter-schiedlichen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, finden in Pflegefamilien ein neues Zuhause, Geborgenheit und Unterstützung, auf kurze oder lange Zeit.

Der Landkreis Miesbach sucht engagierte, aufgeschlossene Menschen, die einem Kind oder einem Jugendlichen ein neues Zuhause – auf Zeit oder dauerhaft – geben möchten. Bei Interesse und weiteren Fragen rufen sie unverbindlich an oder schreiben eine Email:
Pflegekinderdienst- pkd@lra-mb.bayern.de. Unter der Telefonnummer 08025/704 – DW – 4224, – 4227 oder – 4223 erreichen sie die zuständigen Fachkräfte Frau Mix- Weinzierl, Frau Mostofi oder Frau Westphal des Pflegkinderdienstes.

 

Anzeige | | Hier können Sie werben

Aktuelle Jobangebote aus der Region

Seit dem 25. Mai 2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Wir haben unsere Seite und das Kommentarsystem technisch umgestellt und so DSGVO-konform gemacht.

Das bedeutet für die Kommentarfunktion, dass man sich zum Kommentieren bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden muss. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Das Lesen der Kommentare ist selbstverständlich weiterhin möglich. Sie müssen nur auf den unten stehenden Button "Kommentare anzeigen" klicken.

Nettiquette

Tegernseerstimme

Tegernseerstimme