Wirecard-Skandal schlägt Wellen bis zum Tegernsee

von Sabiene Hemkes

Ein in Kreuth geborener Wirtschaftsdetektiv taucht bei großen Kriminalfällen immer wieder in den Medien auf. Aktuell sucht Sepp Resch den flüchtigen Wirecard Manager Jan Marsalek. Die Suche führt in auch zu uns ins Tal. Bei einem nicht konspirativen Treffen mit der TS erfahren wir mehr.

Es gibt nur wenige Fotos von Josef Resch, was wohl seinem Beruf als Privatermittler geschuldet ist. Dieses stammt aus seiner Privatsammlung/ Quelle: Privat

Wir treffen Josef Resch, ein Kind des Tegernseer Tals mit Wohnsitz an der norddeutschen Küste, in einem beschaulichen Café in Enterrottach. Der ältere, freundliche Herr, der uns gegenübersitzt, wirkt eher wie ein ganz normaler Senior, der seinen Urlaub am See verbringt, und nicht wie der bekannteste deutsche Privatermittler.

Zuhause in der Welt des Verbrechens, doch immer noch daheim in Kreuth

Reschs Stimme ist eindringlich, seine Erscheinung imposant. Trotzdem fällt es auf den ersten Blick schwer zu glauben, dass dieser Mann aktuell in den größten deutschen Finanzskandal involviert sein soll. Ganz davon abgesehen, dass Resch früher einmal für Pablo Escobar Kaiserschmarren gekocht haben soll, den Juwelen aus dem Juwelenraub im Grünen Gewölbe hinterher spürt, oder auch eine der Schlüsselfiguren bei den Ermittlungen zum Absturz der MH17 am 17. Juli 2014 über der Ostukraine war. Alles nachzulesen in seinem Buch “Gefahr ist mein Beruf“. Aber vielleicht ist es auch das Unscheinbare an Resch, was seinen Erfolg ausmacht.

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Die hochbrisanten Geschichten, die Resch in seinen Lebenserinnerungen erzählt, spielen zwar nicht auf der Schwaigeralm in Kreuth, wo Resch seine Kindheit und Jugend verbrachte, doch ist er dem Tegernseer Tal immer noch tief verbunden. Eine Wohnung hat der Bad Schwartauer hier immer noch. “Heimat bleibt Heimat”, wie er mit einem breiten Grinsen gleich zur Begrüßung klarstellt.

250.000 Euro für die Kontaktherstellung zum flüchtigen Ex-Wirecard-Manager

Sogleich kommt der Privatermittler ohne Umschweife auf sein aktuelles Rechercheprojekt zu sprechen. Ja, es stimme, so Resch, er suche tatsächlich im Kundenauftrag den Kontakt zu Jan Marsalek. Seit Juli 2020 steht der Ex-Wirecard Vorstand als einer der mutmaßlichen Hauptschuldigen des Milliarden-Crashs beim DAX-notierten Finanzdienstleister ganz oben auf den Fahndungslisten des deutschen Bundeskriminalamtes. Der flüchtige Österreicher wird wegen des besonders schweren Falls der Untreue und des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Doch auch Resch hat großes Interesse daran, mit dem flüchtigen Betrüger Kontakt aufzunehmen, wie er uns erklärt:

Meine Agentur hat offiziell 250.000 Euro Belohnung für Hinweise auf den genauen Aufenthaltsort des Ex-Wirecard-Managers Jan Marsalek ausgeschrieben.

Der Ex-Vorstand von Wirecard soll sich inzwischen als russischer Staatsbürger und beschützt vom russischen Geheimdienst in dem abgeschirmten Villenviertel Meyendorff Gardens in Moskau aufhalten, wie die Süddeutsche Zeitung gemeinsam mit der Agentur Dossier Center im Juli berichtet.

Kontaktmann steht am Morgen vor Reschs Haustür

All das ist Resch natürlich längst bekannt, wie er uns gegenüber durchblicken lässt. Wie aber kommt ein Privatermittler dazu, eine so hohe Belohnung auf Informationen über den Aufenthaltsort dieses Kriminellen auszusetzen?

Eines Morgens hat bei mir daheim jemand an der Tür geklingelt. Der Mann fragte mich, ob ich den Auftrag übernehmen wolle, den Kontakt zu Marsalek herzustellen.

Weiter berichtet Resch, dass nach der Begegnung an seiner Haustür noch zwei weitere Treffen mit den unbekannten Auftraggebern stattgefunden haben – das Erste noch am selben Tag in einem Hotel in Travemünde, ein weiteres im Hotel Überfahrt in Rottach-Egern. Also nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, an dem wir mit dem Ermittler gemütlich beim Kaffee zusammensitzen.

“Diskretion und Erfahrung ist mein Kapital”

Eigentlich befindet sich der 73-Jährige im Ruhestand, doch bei spannenden Fällen wie diesem werfe er gern seine guten Vorsätze über Bord, wie er uns zwischen Mailänderkirschtorte und einem Haferl Kaffee berichtet. In Reschs Agentur “WIFKA” – Wirtschaftsfahndung und Inkassobüro gilt Diskretion als oberstes Gebot. Er verspricht etwa Kunden, die ihr Geld verloren haben, dieses mit “unkonventionellen Methoden wiederzubeschaffen”. An diesem Nachmittag in Rottach erklärt uns der Ermittler mit 40-jähriger Berufserfahrung: “Es geht mir nicht darum, den Straftäter auszuliefern oder Verbrechen aufzuklären.” Das sei die Aufgabe der Behörden.

Doch gerade im Fall des Jan Marsalek scheine es Personen zu geben, die den persönlichen Kontakt zu dem Ex-Vorstand von Wirecard suchen. Ob das die ehemaligen Kollegen sind, Partnerunternehmen oder betrogene Anleger ist dem 73-Jährigen egal, wie Resch betont: “Mich interessiert es nicht, wer mich beauftragt, solange die Sache nicht illegal ist.” Seine Vermutung:

Vielleicht will ja jemand vor dem bald beginnenden Prozess noch etwas mit Marsalek klären.

Denkbar sei aber auch, dass man dem Ex-Vorstand einen Deal anbieten wolle. Er wisse es wirklich nicht.

Ermittler trifft zumeist nur die Anwälte und andere Mittelsmänner

Insgesamt äußert sich der Kreuther im Gespräch mit der TS sehr optimistisch über die Erfolgschancen seiner Marsalek-Mission. In Kürze werde sicherlich Bewegung in die Sache kommen, lässt er uns wissen und erklärt: Zumeist kommen, seiner Erfahrung nach, die Kontakte durch Personen aus dem direkten Umfeld des Gesuchten zustande. Auch wenn in diesem Fall zusätzlich noch der russische Geheimdienst seine Finger im Spiel habe. “Da ist nun mal viel Geld im Spiel. Das vereinfacht solche Aufträge nicht.” Auf unsere Frage, wie er überhaupt mit Informanten, aber auch seinen jeweiligen Auftraggebern in Kontakt tritt, erklärt Resch:

Die Personen, auf die ich bei diesen Meetings treffe, sind zumeist Mittelsmänner, oft Anwälte, doch nur selten die wirklichen Auftraggeber oder Informanten.

Mehr will uns der Ermittler mit Tal-Vergangenheit nicht verraten. Immerhin ginge es ja nicht nur um die bisher ausgeschriebenen 250.000 Euro für die Kontaktherstellung zu Marsalek. Bei dem Zustandekommen eines Treffens zwischen Resch, dem Auftraggeber und dem untergetauchten Manager werde der Informant eine weit höhere Belohnung kassieren.

Wenig später verlässt uns der 73-Jährige – vielleicht schon auf dem Weg zu einem nächsten Geheim-Meeting. Seitdem herrscht Funkstille zwischen uns und dem Privatermittler. Gespannt sind wir aber immer noch, wie es weitergehen wird bei Resch und seinen Spezial-Aufträgen. Womöglich werden wir aber nie erfahren, ob jemand die Belohnung kassiert.

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