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Reportage: Die Fahrdienstler beim BRK

Wo Bufdis schnell erwachsen werden

Sie stehen im Warteraum und starren auf ihr Handy. Die Zeit, die ihnen in diesem Augenblick zur Verfügung steht, scheint unbegrenzt. Kurz ist man geneigt zu glauben, das Leben der jungen Herrschaften sei pink und flauschig. Bis die Uhr den nächsten Einsatz anzeigt.

Die Fahrdienstler beim BRK: Sie sind jung – und helfen. / Foto: N. Kleim

„Bewegen Sie sich“, haben die Ärzte zu dem 77-jährigen Friedbert gesagt, der im Warteraum der Sozialstation des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in der Wendelsteinstraße in Miesbach seinem nächsten Fahrdienst entgegenfiebert. Und Friedbert bewegte sich. Er lief von Hausham nach Gmund. Nur, um sich beim Café Wagner ein Stück Kuchen zu holen.

Kurz zuvor hatte Friedbert einen Dauerlauf von einer Operation zur nächsten hingelegt. Der verdammte Blasenkrebs war filmreif und machte Friedbert zu Forrest, genauer gesagt zu Forrest Gump. Wegrennen funktionierte aber nicht. Also wohin? Was blieb, war die Rückkehr zum Fahrdienst beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK). „Wenn ich alt bin, gehe ich wieder zurück“, hatte sich der 77-Jährige immer wieder geschworen. Heute sitzt der ehemalige Marketing- und Anzeigenleiter lächelnd mit am Tisch, wenn die jungen Leute auf ihren Einsatz warten.

Im Warteraum

Die jungen Leute – das sind lauter „Bufdis“, die beim BRK den Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Auch die 18-jährige Veronika und die 17-jährige Yvonne gehören dazu. Ihr Einsatz als Bufdi dauert zwölf Monate. Wann er heute beendet ist, wissen sie noch nicht genau. Seit viertel nach neun – beide Zeiger der Wanduhr stehen auf eins – warten sie auf den nächsten Fahrdienst. Und der besteht darin, geistig und körperlich behinderte Kinder von der Schule abzuholen, und wieder zur Lebenshilfe oder nach Hause zu bringen.

Ab und zu müsse man schon seine Autorität gegenüber den Kindern zeigen, beschreibt die 17-jährige Yvonne ihren Job, aber allein „die Freude in den Augen der Kinder zu sehen“, sei Grund genug, um morgens aufzustehen. Sie strahlt durch ihre Brille hindurch. Vroni nickt zustimmend. Beide wissen vermutlich, dass der Wert ihrer Arbeit mit den 390 Euro Taschengeld, das sie für einen 38,5 Stunden-Job bekommen, keinesfalls ausgeglichen ist. Zeit, um darüber nachzudenken hätten sie jedenfalls.

Kaffee trinkt keiner der zehn Anwesenden im Raum. Während die einen mit gesenktem Kopf aufs Telefon in ihrer Hand schauen, stehen die anderen in Fensternähe und ratschen leise. „Normalerweise vertreiben wir uns die Zeit mit Kartenspielen“, sagt Yvonne und fügt lachend hinzu: „Bisher hatte jede Generation ihre eigene Zeitvertreib-Variante“.

Der Warteraum beim BRK in der Wendelstraße in Miesbach. / Foto: N. Kleim

Bufdi Klaus springt auf. Seit Februar ist der 26-Jährige im Fahrdienst eingeteilt. Jetzt warten fünf Kinder auf ihn. Er soll sie von der Lebenshilfe zur Schule fahren. Klaus nimmt den 17-jährigen Flori mit, der hier beim BRK sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert und irgendwann Notfallsanitäter werden möchte. „Gute Fahrt“, ruft die 50-jährige Heidi – ausnahmsweise keine Wartende, sondern die Bürofrau – den beiden hinterher und schiebt sich wieder einen Löffel Joghurt in den Mund. „Das ist wichtig“, lacht sie. Schließlich könne immer was passieren. Ihren Löffel hält sie dabei fest.

Im Auto

Das Fahrzeug steht in der Tiefgarage. Ein kleiner Bus mit BRK-Aufschrift setzt sich in Bewegung. Klaus ist gelernter Berufskraftfahrer. Die Strecke zur Lebenshilfe beherrscht er im Schlaf. Am Zielort angekommen, hilft Flori den Kindern beim Einsteigen. „Auf geht’s!“ motiviert er die drei Jungs und zwei Mädels. Ein Junge schmollt. Viel lieber hätte er weiter vorne gesessen. Stattdessen muss er hinten Platz nehmen.

Unterwegs spielt Flori den Entertainer. In lockerer Art erkundigt er sich nach dem Befinden der Kinder. Gewonnen. Fünf Minuten lang ist er ihr Held. An der Schule werden die Kinder den Lehrern übergeben. Zwischenfälle gibt es keine. Nicht jede Fahrt laufe so glimpflich ab, erklärt Flori. Manchmal seien die geistig und körperlich behinderten Kinder aufgebracht, würden schreien und seien schwer zu beruhigen.

Doch er habe gelernt, damit umzugehen. Klaus navigiert den Bus zurück zum BRK. Hinter ihm schließt sich das Tiefgaragentor. Schnell noch der Eintrag ins Fahrtenbuch – und dann wieder ab in den Warteraum. Das Autowaschen für Flori entfällt heute, obwohl er normalerweise als Beifahrer dazu verdonnert ist, den Innenraum zu putzen. Ist billiger. als wenn es der Fahrer macht.

Im Schmerz anders sein

Zwei Stunden später. Szenen- und Fahrerwechsel. Eine Patientenfahrt steht an. Auch hier stellt das BRK dem Fahrer einen FSJler zur Seite. „Damit sich der Fahrgast wohlfühlt“, wie Ausbildungsleiter Manfred Edenhofer später erklärt. Wieder ein Auftrag für Flori. Dieses Mal ist es ein Rollstuhlfahrer, der gerade von der Dialyse kommt.

Jetzt soll er zurück ins Altenheim. Fahrer Patrick wählt ein Fahrzeug mit Laderampe. Zu zweit schieben die Jungs den Mann ins Auto. Dort wird er doppelt und dreifach gesichert. „Bis jetzt ist noch nie jemand rausgeflogen“, scherzt Patrick. Er soll Recht behalten. Ein letzter Check, ob das Dialysebuch dabei ist, und schon geht’s weiter. Die ersten Kilometer spricht niemand im Auto. In die Stille ruft Patrick: „Alles okay, Herr Müller?“ (Name von der Red. geändert). Von hinten ist ein leises „Ja“ zu hören. Wenige Minuten später sitzt Herr Müller allein in seinem Zimmer im Altenheim. Immerhin hat er Aussicht zum Hof.

Der 17-jährige FSJler Florian (links) und der 26-jährige Bufdi Klaus (rechts), der Fahrer. / Foto: N. Kleim

Fünf bis sechs Touren fährt Patrick pro Tag. Seine Fahrgäste haben die unterschiedlichsten Erkrankungen. Vom Schlaganfall über Demenz bis Parkinson ist alles dabei. Schmerzen verändern Menschen, sagt er. „Man muss nur wissen, wie man damit umgeht.“ Das Beste sei, menschlich zu bleiben, und jeden normal zu behandeln anstatt zu sagen: „Mein Gott, Du Armer.“ Nichtsdestotrotz bräuchte man ein dickes Fell, sagt Patrick. Denn nicht selten werde man beschimpft.

Anfangs war es schon brutal – so viele kranke Menschen auf einen Haufen. Aber irgendwann musst Du den Kopf ausschalten und es akzeptieren, wie es ist.

Dass das Leben nicht nur aus Gaudi besteht, haben die beiden Jungs schnell lernen müssen. Ebenso, wie wichtig Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit ist. Weil nämlich jedes Zuspätkommen Folgen haben kann. Ob sie dadurch erwachsener geworden sind? „Ich weiß nicht, wie man „erwachsen sein“ am besten umschreibt“, sagt Patrick, „ich weiß auf jeden Fall meine Gesundheit zu schätzen und bin dankbar dafür“.

Wären sie nicht mit dem Herzen dabei, würden die Fahrdienstler sich nicht beschimpfen oder teilweise sogar bespucken lassen. Ein Job, der nicht mit Geld aufzuwerten sei, findet Ausbildungsleiter Manfred Edenhofer. Wer eine solche Geringschätzung ertrage, um Menschen zu helfen, verdiene höchste Anerkennung. Zu Zivildienstzeiten habe man immer zwanzig Zivis gehabt, sagt er. Das habe sich mit Abschaffung von Wehrpflicht und Zivildienst und mit Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) um etwa die Hälfte reduziert.

Im Ehrenamt wachsen

Niemand gehe mehr ins Ehrenamt, bemängelt der Ausbildungsleiter. Viele seien nach dem Zivildienst beim BRK geblieben, erinnert er sich. Warum das jetzt nicht mehr der Fall ist, wo man es doch freiwillig machen kann, sei für ihn unverständlich. Dabei sind die etwa 120 Mitglieder im Kreisverband auf Unterstützung angewiesen. Allein im Fahrdienst fehlen mindesten acht Freiwillige, sagt Edenhofer. Und auch der Rettungsdienst könne noch ein bis zwei Leute gebrauchen.

Die Zeiger der Uhr im Warteraum stehen auf vier. Noch ist es nicht kurz vor zwölf. Noch scheint die Zeit, die ihnen in diesem Augenblick zur Verfügung steht, unbegrenzt. Kurz ist man geneigt zu glauben, das Leben der BRKler sei pink und flauschig. Bis man erkennt, dass die Wahrheit sehr wohl Stunden kennt. Aber dass der Flausch aus dem Warteraum trotz allem in die Welt hinausgetragen wird.

Fahrer Klaus hochkonzentriert.
Fahrer Patrick vor seinem BRK-Fahrzeug mit Laderampe für den anstehenden Transport eines Dialyse-Patienten im Rollstuhl.

Der Warteraum.
Das BRK-Fahrdienst-Team – links im Bild Ausbildungsleiter Manfred Edenhofer.

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