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Im Wiesseer Bürgerstüberl ist es heimelig

Wo der Borschtsch köchelt …

Von Sabiene Hemkes

Bad Wiessee hat schnell reagiert, als die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine in der Gemeinde eintrafen. Als eines der ersten Unterstützungsangebote hat die Gemeinde das Bürgerstüberl für die Neu-Bürger geöffnet. Wird der Treffpunkt angenommen?

Ein Besuch im Bürgerstüberl in Bad Wiessee – so viele Geschichten an einem Ort der Begegnung.

Wir kommen zur Mittagszeit in der Seestraße in Bad Wiessee an. Vor der Tür des Wiesseer Bürgerstüberls stehen zwei Jungs. Im Gespräch vertieft. Lachend. Wir gehen durch die Tür in den zirka 40 Quadratmeter großen Raum. Es empfängt uns der Duft von Essen – es riecht richtig lecker.

Links in der Küche drängen sich einige Frauen und Kinder. Alle reden, so scheint es wild durcheinander. Stimmengewirr und das Brodeln eines Topfes auf dem Herd. Wir gehen weiter in den Raum. An der Wand rechts von uns hängt eine riesige Pinnwand. Darauf Veranstaltungshinweise, Behördenwegweiser, und viele Zettel in einer Sprache, der wir nicht mächtig sind – russisch oder ukrainisch wahrscheinlich.

Keine Showküche – hier wird gekocht und gelebt.

Vor uns liegt der helle Hauptraum. Hier stehen einige Tische und Stühle. Hinten am Fenster stecken fünf Frauen die Köpfe zusammen. Sie brüten über einen großen Plan, der auf dem Tisch ausgebreitet zwischen ihnen liegt. Eine junge Frau übersetzt russisch – deutsch – ukrainisch hin und her. Auch Karen Lange von der Gemeinde Bad Wiessee ist voll bei der Sache. Später erklärt uns Lange, dass es bei dem Gespräch um die Unterbringung ging.

Stüberl finanziert sich über Spenden und der Gemeindekasse

Die Mitarbeiterin der Gemeinde berichtet später auch, dass bis zu 40 Männer, Frauen und Kinder den Treff jeden Tag aufsuchen. Und gekocht werde immer von einer der Frauen. Allein um die 2.000 Euro würde der Treff die Gemeinde trotz der hohen Spendenbereitschaft im Ort kosten, aber das sei es wert:

Hier im Bürgerstüberl haben die Flüchtlinge einen Ort, an dem sie sich austauschen können. Da bisher das Geld vom Landratsamt ausbleibe, seien viele Menschen, die herkommen, so gut wie mittellos. Hier können sie herkommen – Essen, Trinken, Reden oder einfach mal zur Ruhe kommen.

Auf allen Tischen im Stüberl liegt etwas – hier Willkommens-Leitfäden, Bücher und Deutsch/Ukrainisch Übersetzungen mit Bildern.

Bei den Gastfamilien sei das natürlich auch kein Problem, aber die Flüchtlinge legen schon Wert darauf, niemandem zu sehr zu Last zu fallen, berichtet Lange weiter und erklärt: „Zudem können wir hier auch Unterstützung anbieten bei den Behördengängen oder auch bei Arztbesuchen und auch bei allen anderen Herausforderungen des Alltags in einem fremden Land helfen.“

Bad Wiesseer Kinder backen für die Flüchtlinge

Eine Frau mit zwei Kindern kommt herein. In den Händen tragen die beiden je einen Teller mit köstlich aussehenden, frisch gebackenen Waffeln. „Wir haben für die Flüchtlinge heute gebacken“, verkündet die Mutter und fragt weiter in die Runde: „Wo sollen wir das Hinstellen?“. Frau Lange zeigt auf den Tisch und antwortet: „Da werden sich alle heute über die Waffeln freuen. Ein lautes „Величезне спасибі!!“ (Vielen Dank) wird aus der Küche herübergerufen.

Zwei Bad Wiesseer Kinder backen zuhause und bringen die Fisch-Waffeln gleich selbst mit der Mutter ins Bürgerstüberl.

Das gehe hier den ganzen Tag so, berichtet uns die Mitarbeiterin der Gemeinde. Hier ist immer was los. Nicht nur die Mütter, Väter, Omas und Opas genießen es ein Stück Heimat anzutreffen, auch die Kinder. An einem der Tische sitzt Natalia mit ihrem kleinen Sohn. Sie scrollt auf ihrem roten Mobiltelefon herum, während der Kurze begeistert ein vor ihm liegendes deutsches Kindermalbuch bearbeitet. Die junge Mutter erzählt uns:

Wir kommen aus Kiew. Mein Mann arbeitet daheim bei der Gastfamilie in Wiessee am Laptop. Da ist es schön mal rauszukommen mit dem Jungen.

Von früh morgens bis spät in der Nacht sei ihr Mann beschäftigt. Sie selbst arbeite als Social-Media-Managerin in der Ukraine. Zuletzt in Teilzeit wegen des Kleinen, erzählt sie und versucht dabei den lauthals krakeelenden Nachwuchs zu beruhigen.

Die Mutter erklärt dem Knirps, was das Kindermalbuch so zu bieten hat.

Beide fangen an zu lachen. Später erzählt Natalia noch, die sehr gut Englisch spricht, dass sie gern ihren Teil beitragen wolle bei der Betreuung der Landsleute und bietet an, Grafiken oder Beiträge in den sozialen Medien zu erstellen.

Natalia und der „Ukrainischer-Borschtsch“

Zum Schluss unseres Besuches landen wir im gemütlichsten und kommunikativsten Ort des Stüberls – wie überall auf der Welt wohl die Küche. Von Frau Lange wissen wir, dass Ulli Hoeness die Fleischwaren spendet, die Wunderlichs zweimal die Woche Gemüse anliefern, der Felix mal Kaffee bringt und auch sonst viele Unternehmen der Gemeinde den Treffpunkt unterstützen. Ein großer Topf mit Borschtsch steht auf dem Herd.

Ukrainischer-Borschtsch – sieht nicht nur gut aus – schmeckt auch lecker!

Das Nationalgericht der Ukraine wie uns Köchin Natalia erklärt. Sie ist seit dem 14. März in Bad Wiessee. Zusammen mit ihren Schwiegertöchtern, den Enkeln und den anderen Omas. Von der jungen Oma bekommen wir auch sogleich in Englisch eine Einführung in die Welt des „ukrainischen Borschtsch“, dabei lacht sie:

Mein Mann isst den jeden Tag. Mit einer Zwiebel oder Knoblauch, Sauerrahm und Brot. In den Borsch kommen Zwiebeln, Speck, pürierte Tomaten, Paprika, Kohl, Kartoffeln und Porree.

Das Gemüse holte sie daheim, in einem kleinen Dorf 60 Kilometer vor Kiew, direkt aus dem Garten, wie Natalias etwas traurig berichtet. Siglinde, die neben der Ukrainerin steht, bemerkt die aufkommende Trauer und streicht ihr mitfühlend über die Schulter.

Seit 25 Jahren befreundet – Natalia (re.) und Siglinde (li.)

Die Frau aus Bad Wiessee und Natalia sind seit einem Vierteljahrhundert schon befreundet, wie sie uns berichten. Doch über die Geschichte dieser besonderen ukrainisch – deutschen Freundschaft erzählen wir euch in der nächsten Woche mehr. Den Borschtsch haben wir natürlich probieren dürfen, bevor wir das Bürgerstüberl wieder verlassen haben. Lecker war es – bis auf den fetten Speck.


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