Zum Königsmord da entlang

von Martin Calsow

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In der Mitte des Flusses wechselt man nicht die Pferde – die Welt ist voll mit Sinnsprüchen für die Situation, welche die Landkreis-CSU gerade erlebt. Ihr Kandidat Jakob Kreidl ist wegen seiner Vielzahl an Schmutzeleien der lahmende Gaul, um im Bild zu bleiben. Per demütigem Bettelbrief an die Parteifreunde bat er vergangene Woche um Nachsicht und Unterstützung. Kraftvoll geht anders.

Mit einem frischen Kandidaten, unbelastet von gefälschter Doktorarbeit und anderen Fouls, wäre für die CSU vielleicht mehr Staat zu machen. Denn jeder sieht, wie Kreidl täglich bei der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit verliert, wie angesichts undurchsichtiger Zahlungen der Kreissparkasse selbst eingefleischte Schwarze schamesrot im Gesicht werden.

Die Basis murrt, Parteikollegen ballen die Faust – in der Tasche. Eigentlich müsste Kreidl weg. Aber dazu bedarf es in der CSU eines Königsmörders. Einer, der aufsteht, den Abgang fordert und sich selbst in den Ring begibt. Nicht einmal zehn Wochen vor der Wahl ist das ein Ritt über den Tegernsee. Wer käme infrage?

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Als Adler gestartet …

Als Erstes nennen viele in der Partei den Kreuther Bürgermeister Josef Bierschneider. Parteiintern gilt der einstmals jüngste Bürgermeister Bayerns als „ewiges Talent“. Häufiger Kritikpunkt vieler Parteifreunde: der Mann ist blass und scheut jegliches Risiko. Bierschneider fand zwar intern mahnende Worte für Kreidls Fehler, traute sich aber sonst nicht auf die Lichtung. Manche meinen, dass er zum Jagen getragen werden müsse.

Sonst wird es im Tegernseer Tal mit möglichen Kandidaten schon eng. Den meisten sind die Landratsschuhe zu groß, andere, wie der Gmunder Bürgermeister Georg von Preysing, gehen munter auf den Ruhestand zu. Wenn man über das Tal hinausschaut, gibt es den Lechner Josef, Bürgermeister von Fischbachau. Aber auch der ist mit knapp 60 bereits ein wenig zu gesetzt für eine längerfristige Lösung und will wohl auch bis 2020 sein Bürgermeisteramt ausfüllen.

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Die größte Konkurrenz für Kreidl residiert nur wenige Meter Luftlinie vom Amtssitz des Landrats: die Miesbacher Bürgermeisterin Ingrid Pongratz gilt als frisch und unbelastet, macht in Miesbach nach Meinung vieler einen sauberen Job und wäre auch mit ihren 56 Jahren noch vermittelbar. Sie soll, so war es aus internen Kreisen zu hören, die Einzige gewesen sein, die bei der Kreistagssitzung der CSU am Spitzingsee vor wenigen Tagen den Widerstand gegen Kreidl geprobt haben soll. Allein – der männliche Rest ließ sie im Regen stehen. Ihre Forderung nach einem Rücktritt von der Kandidatur verpuffte.

Als Adler gestartet, als Suppenhuhn gelandet: nicht das erste Mal, dass bei den Christsozialen das Beil im letzten Moment doch noch im Keller bleibt. Dabei zählen weniger moralische, sondern vielmehr taktische Gründe. Denn was könnte passieren, wenn Kreidl in den unfreiwilligen Vorruhestand gehen müsste? Binnen weniger Wochen müsste die CSU erstens öffentlich den Komplettumschwung begründen. Zweitens müsste die neue Kandidatin oder der neue Kandidat sich bekannt machen und profilieren. So kurzfristig eine neue Wahlstory aufzubauen, traut man sich im Oberland scheinbar nicht zu.

Die Hoffnung der CSU

Und wenn der neue Kandidat scheitert, werden noch in der Wahlnacht die alten Kreidl-Seilschaften die Messer wetzen und sich an den Königsmördern rächen. Wer im Kernland der Christsozialen scheitert, kann in der CSU nur noch den Ortsschatzmeister geben. Also schleppt man sich mit Kreidl in die Wahl und hofft auf die Stammwähler. Zum strategischen Kalkül gesellt sich auch eine emotionale Komponente. Kreidl hat für viele in der CSU ja auch eine gute Amtszeit hinter sich gebracht. Will man da wirklich zulangen?

Doch selbst wenn der 61-Jährige im März das Rennen macht, werden auch in den nächsten Jahren die Vorwürfe, die Hinweise auf seine Fehler nicht vergehen. Das hatte in den letzten Wochen sicher auch etwas Rituelles an sich. Im Volk spürt man, wenn jemand angeschossen ist. Und das Wahlvolk mag keine schwachen Politiker. Fehler werden ungern verziehen. Auch wenn man mit den eigenen Fehlern gern großzügiger umgeht.

Die überreizten und zuweilen geschmacklosen Vorwürfe sind ja meist nur ein Schlaglicht, zeigen selten die Meinung der schweigenden Mehrheit. Es wird also spannend am 16. März. Aber vielleicht überrascht uns der amtierende Landrat ja auch mit einem neuen Fehler …

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