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Eine Glosse zur winterlichen Lärmbelästigung am Tegernsee

Zuzug – eine evolutionäre Herausforderung

Von Nina Häußinger

Adaption – das ist der wissenschaftliche Begriff für evolutionäre Anpassung. Was hat das mit Schneeräumen im Oberland zu tun? Wir verraten es euch anhand einer, also total fiktiven Story:

Hund Tschokki stört der Lärm so gar nicht / Beispielbild – Dank geht raus an Kristina Roedel, Best-Gemeinderätin aus Kreuth

Eine Glosse von Nina Häußinger

Jeder von uns kennt den berühmten Film “Der mit dem Wolf tanzt”. Ein US-Soldat kommt in einem Indianerstamm unter, lernt, schaut zu, versteht und kann bald seine einstige soziale Gruppe nicht mehr verstehen. So ist der Idealfall für Fremde in der Fremde. Beobachten, verstehen, nicht alles annehmen (auch der Indigene macht Fehler), aber Grundregeln akzeptieren.

Eine Grundregel im Winter: Schnee kommt, Menschen müssen früh raus, Bürgersteige frei sein. Da wird geräumt. Räumen erzeugt Lärm. Gilt ja generell für Arbeiten. Wenn aber nun der vielleicht zugezogene Frühst-Rentner nicht an diesen Lärm gewohnt ist und in seinem neunstündigen Schönheitsschlaf dadurch gestört wird, haben wir ein Dilemma.

Kirchen- und Kuhglocken – und im Winter Schneefräsen

Draußen röhrt der Nachbar mit der Fräse gegen 30 Zentimeter Neuschnee, drinnen will Karen ihre Schlafmaske nicht herunterreißen. Also wird der magere Mann angestoßen, die örtliche Polizei gerufen und müde und erschöpft “Ruhestörung” in den Hörer gehaucht.

Nun ist das Problem mit heimischen Geräuschen und Zugezogenen ja eine fast schon traditionelle Angelegenheit, die seltsamerweise meiner Kenntnis nach noch von keinem Bauerntheater aufgenommen wurde. Mal sind es Kirchen-, mal Kuhglocken, die das zarte Gehör des Neubürgers stören. Auch Kinderlachen kann das Gemüt belasten.

The Sound of Fräse – für den Tal-Bürger eigentlich normal

Auftritt Staatsmacht. Gut, bei 30 Zentimeter Neuschnee gibt es auf unseren Straßen unter Umständen anderes für die Männer und Frauen in Uniform zu tun. Aber natürlich fährt man zur Fräse. Denn es gibt ja eine Ortssatzung. Still soll es sein im Kurort, in dem gefühlt an jeder zweiten Ecke auf Baustellen gebaggert, gehämmert und gesägt, gern auch mal die Fassade eisgestrahlt wird.

Überhaupt: Jene Zugezogene, die sich über den Sound of Fräse echauffieren, hatten mit Lärm kein Problem, als ihre frisch gekaufte Haziette renoviert wurde. „Schuldigung, is halt so.“ Jetzt aber will man die eingesetzten Mittel genießen. Der Nachbar möge still sein. Wie macht man sich in fremden Ländern Freunde? Genau, man adaptiert. Aber genau das will das Paar oder der einsame Rentner im Herbst ihres Lebens eben nicht mehr. Jahrzehntelang gebuckelt, will man jetzt mal den Herrenreiter spielen. In der Evolutionsbiologie kennt man solche Fälle und nennt sie Fehlanpassung: kleine Gelege bei Meisen, fehlende Impulskontrolle bei Zuzüglern.


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