Besser sterben im Tal - Das Leben mit Anfang 50

Ab 50 schwitzen Männer laut

Frauen altern wie Rotwein – sie werden immer besser. Männer sind wie offene Milch. Irgendwann riecht es halt. Unser Autor liegt nun vier Jahre über dem Altersdurchschnitt im Tal. Da fallen ihm an sich und anderen ganz neue Dinge auf. Er gießt sie in Kolumnen. Heute: Männer in Bienenkostümen auf Alpenpässen mit Rennmaschine.

Einmal zurück in die Zukunft …

Eine Kolumne von Martin Calsow:

Mamils – middle aged men in lycra. So bezeichnet man im angelsächsischen Raum jenen Männertyp mittleren Alters, der sich trotz unvorteilhafter Körperform in engen, dafür aber bunten Lycra-Trikot-Stoff zwängt und mit seiner Zweirad-Rennmaschine den Verkehr im Tal aufhält. Nie auf Radwegen – immer raumgreifend auf der Straße von Kaltenbrunn nach Wiessee. Mir doch egal, ob hinter mir Menschen in ihren Fahrzeugen kriechen. Ich bin in der Firma der Boss, also ich bin ich es auch auf der Straße. Ab 50 senkt sich auch bei Vatti der Hormonspiegel.

Während Frauen im Bett still vor sich hin schwitzen, kaufen sich Männer in diesem Alter allerlei Sportgerät und schwitzen laut. Allein – das Gesicht wird mürrisch, der Bauch bleibt. Stellen wir uns den Weg von Achenkirch nach Glashütte jetzt vor: Sehen Sie die Kolonnen an Fahrzeugen? Da, irgendwo, zwischen vorbeibrausenden LKW und Motorrädern, sehen Sie die verlorene Seele eines Mittfünzigers auf einem Rennrad, soviel Feinstaub einatmend wie sonst nur am Neckartor in Stuttgart. Aber seine Apple Watch am Arm verrät davon nichts.

Das Elend der Welt kennt viele Gesichter

Kommt der Herbst des Lebens, droht das leere Nest Syndrom, werden viele wunderlich. Auch deswegen darf die Frucht der eigenen Lenden noch bis zur ersten Eheschließung im elterlichen Wohnraum bleiben. Danach werden Mutti wie Papi eskapistisch. Die einen verlieben sich in junge Kellnerinnen vom Italiener in Rottach, lassen sich nach Feierabend Schlangengift in die Stirn spritzen, andere suchen ihr Heil in blutdrucksenkenden Mitteln mit erstaunlicher Nebenwirkung.

Das Elend der Welt kennt also viele (erstarrte) Gesichter, aber das schmerzverzerrte Antlitz eines in die Wechseljahre gekommenen Mannes, der sich den Achenpass hinaufquält, das ist einzigartig. Angeblich sind überdurchschnittlich viele Mediziner und Versicherungsmakler unter den Amateur-Athleten mit Ambition dabei (andere sprechen auch von minderbegabten Kolumnisten). Aber man sollte kein schlechtes Wort über die Renn-Rentner verlieren. Sie stehen daheim nicht mehr im Weg, sind an der frischen Luft und tippen keine Wut-Kommentare ins Netz.

Kein Fahrradl – eine Rennmaschine

Stattdessen geben sie auf Partys Antworten auf Fragen, die nie einer gestellt hat: Wie viel Kilometer habe ich gemacht? Was war mein Ruhepuls? Wie ist mein Bodymass-Index? Wie teuer ist meine einzigartige Maschine, die ich mehrfach bei Instagram gepostet habe? (zwei likes – vom Hersteller und von Mutti) Drei Gottesregeln im Gespräch mit den Herren auf dünnen Rädern sind unbedingt zu beachten: Das Gefährt muss aus Italien oder Frankreich stammen. Niemals, wirklich niemals, vom „Fahrradl“ sondern von „Rennmaschine“ sprechen. Denn Vatti ist ja jetzt Formel 1 und nicht Hollandrad mit Gepäckträger.

Der Herr Vettel fährt ja auch keine „Karre“, sondern einen Boliden. Eh klar. Letzte, und wichtigste Regel: Kommen Sie diesen verbissenen Tretern von trauriger Gestalt nicht mit einem E-Bike. Schön kommt von Schinden, giftet dann der Pedal-Purist, verzieht das ausgemergelte Gesicht, setzt den Helm auf, den er von Mutti zu Weihnachten mit Bedacht geschenkt bekommen hat („Du bist schon ohne Sturz mental mühsam!“) und schnauft den Pass hinauf, ins letzte Licht der untergehenden Sonne…


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