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Ein Kommentar zur Kreidl-Affäre von Martin Calsow

Bayerische Bescheidenheit

Von Martin Calsow

Man kann sich das so schön vorstellen: Kurz vor Weihnachten des Jahres 2011. Adventsstimmung, das Jahr geht zu Ende. Die Familie schmückt daheim den Christbaum. Papa glüht schon mal als Sparkassen-Verwaltungsrat im Stubaital vor. Der Gastgeber hält die Weinkarte vor sich. „Schaut mal, dieser hier. Schlappe 920 Euro. Hatte ich schon mal. Sehr empfehlenswert.“

Peanuts links, Peanuts rechts. Dazwischen Jakob Kreidl.

Ein Kommentar von Martin Calsow:
Die Staatsanwaltschaft erhebt gegen ehemalige Mitglieder des Aufsichtsrats der Sparkasse Miesbach Klage. Besonders sticht ein Ausflug der Herren ins Auge. Es war ein Jahresabschlusstreffen. Man feierte. Trank Wein. Speiste vorzüglich. War alles etwas teurer. Kann man machen. War ja auch anstrengend, so eine Aufsicht. Hier im Tal hörte und hört man immer wieder nach Bekanntwerden des Skandals: Das seien doch nur Peanuts. War halt so, damals anno 2011.

409 Euro erhält ein alleinstehender Hartz 4 Bezieher im Monat. Die Herren sollen eine Flasche Wein für gut 2.000 Euro getrunken haben. Davon muss der „grundgesicherte“ Hartz 4 Empfänger fast fünf Monate leben. Für mehr als 40 Prozent der Deutschen ist diese Summe das Brutto-Monatseinkommen. 8,84 Euro beträgt der Mindestlohn in Deutschland, zum Beispiel für Putzfrauen, Arbeiter in der Gastronomie oder Lagerarbeiter. Die Herren sollen insgesamt für Getränke an zwei Abenden 12.000 Euro (nein, da ist keine Null zu viel dran) ausgegeben haben.

Die Putzkräfte, Gastronomie-Mitarbeiter oder Lagerarbeiter schuften also über ein Jahr, um das zu verdienen. Insgesamt soll der dreitägige Ausflug der Herren mit über 42.000 Euro zu Buche geschlagen haben. Davon lebt eine Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern in der Mittelschicht Deutschlands ein Jahr lang. Der entscheidende Punkt: Es ist nicht das Geld der Ausflügler gewesen, das verprasst wurde. Dann seien ihnen die Freuden gegönnt.

Der Punkt ist, das Geld gehörte nicht ihnen. Es war das Geld der Sparkasse, das dort in Österreich so freigiebig ausgegeben wurde. Keiner der Beteiligten hat sich für diesen Ausflug jemals entschuldigt. Man warte das Gerichtsurteil ab, sagen einige. So, als sei alles in Ordnung, wenn es formal und „de jure“ unangreifbar gewesen sei. Neben der formaljuristischen Beurteilung, deren Ergebnis noch aussteht, gibt es aber immer noch etwas, was meine Eltern mit „Das tut man einfach nicht“ kommentierten… Der Gipfel aber ist: Einige der Herren, die bei der Reise ins Stubaital dabei waren, sitzen noch immer in öffentlichen Ämtern.


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