Streit um Saurüsselalm: DAV bezieht Stellung
Almen sind nicht für Eventisierung der Alpen da

von Sabiene Hemkes

In der Diskussion um die Saurüsselalm in Wiessee wird der Deutsche Alpenverein gern als Vergleichsgröße genommen, ganz nach dem Motto: “Beim Alpenverein sind die Hütten auch luxuriös”. Sogar Landrat Olaf von Löwis erklärte die einfache Brotzeit auf der Alm als „längst überholt“. Ein Vertreter des Alpenvereins kam bisher allerdings nie zu Wort. Das ändern wir jetzt.

Der Deutsche Alpenverein wehrt sich gegen die Vereinnahmung und korrigiert Aussagen von Landrat Olaf von Löwis nach dem Urteil zur Saurüsselalm. / Quelle li.: DAV – Tobias Hase

Vor einigen Wochen verhandelte die neunte Kammer des Verwaltungsgerichtes eine Klage des Vereins zum Schutz der Bergwelt (wir berichteten) gegen das Land Bayern und das Landratsamt im Miesbach. Der Verein klagte auf die Rücknahme der im letzten Jahr erteilten Umbaugenehmigung und der damit verbundenen Erlaubnis zum Betrieb einer Almgastronomie in der Saurüsselalm in Wiessee. Im Urteil, für das die offizielle Begründung noch immer nicht vorliegt, wird die Klage abgelehnt – unter der Bedingung, dass die ebenfalls vom Landratsamt erlaubten 15 Events nicht mehr stattfinden.

Sowohl bei der Verhandlung auf der Alm als auch in den Kommentaren zum Urteil wurde immer wieder der Deutsche Alpenverein (DAV) in der Argumentation der Beklagten bemüht. So zeigte der Justitiar des Landratsamtes mitten im Verfahren den Prozessbeteiligten ein Bild der Höllentalangeralm an der Zugspitze. Damit wollte er unterstreichen, dass es im DAV neue Praxis sei, luxuriöse Almen mit einem gehobenen Speiseangebot zu betreiben.

Ins gleiche Horn stieß auch Landrat Olaf von Löwis in seiner Stellungnahme zum Ausgang des Verfahrens. Die DAV-Hütten würden zeigen, „dass die Zeiten, in denen es nur Brotzeit auf Hütten gab, verklärt und längst überholt“ seien. Zudem rügte der Landrat den klagenden Verein zum Schutz der Bergwelt, weil dieser gegen die Interessen des DAV handle, der ihn doch finanziere. Wir haben Hanspeter Mair, der hauptamtlicher Bereichsleiter ‘Raumordnung’ und Vorstandsmitglied des DAVs ist, zu der Thematik der Saurüsselalm und der Rolle des DAV befragt.

Herr Mair, Sie sind in den letzten Wochen bestimmt des Öfteren auf die neue Saurüsselam in Bad Wiessee angesprochen worden, oder?

Mair: Ja – allerdings. Ich war verwundert und verärgert über die Vergleiche und Aussagen, die dort in der Diskussion zum Deutschen Alpenverein getroffen worden sind. Ich hatte tatsächlich schon die Absicht, dem Landrat einen Brief zu schreiben, um ihn zu fragen, wie er auf seine Aussagen kommt.

Was sagen Sie konkret zu dem Vorwurf des Landrats Olaf von Löwis zu der Finanzierung des Vereins zum Schutz der Bergwelt durch den DAV?

Mair: Da muss man unterscheiden zwischen Bundesverband, bei dem ich hauptberuflich tätig bin, und den einzelnen Sektionen des Verbands.

Der Bundesverband ist nicht Mitglied des Vereins zum Schutz der Bergrwelt. Das ist ein vollkommen eigenständiger Verein.

Dessen Mitglieder sind Einzelpersonen und Vereine wie auch Sektionen des DAV. Der Verein arbeitet völlig unabhängig von uns. Und manchmal sind wir auch durchaus unterschiedlicher Meinung.

Es gibt also keine direkte Finanzierung des Vereins zum Schutz der Bergwelt durch den DAV?

Mair: Nein, keineswegs.

Und was Sie zum Vorwurf der „Rückwärtsgewandheit“ des Vereins, die im Gegensatz zu den Interessen des DAV stehen würden?

Mair: Zum Verein zum Schutz der Bergwelt kann ich nichts sagen. Das ist deren Angelegenheit.

Hat der Verein den Interessen des DAV mit der Klageerhebung geschadet?

Mair: Wir waren in das Thema nicht involviert. Der Verein braucht uns nicht fragen was er tut. Das ist ein rein lokales Thema, das dem DAV nicht schadet.

Doch der DAV hat schon eine Meinung zum Verkauf von Almen an Privatpersonen oder Unternehmen?

Mair: Ja, wir beobachten die Entwicklung im Tegernseer Tal sehr wohl. Wir haben keinen Einfluss darauf, wenn sich Investoren für den Kauf einer Alm entscheiden. Aber wir sehen es kritisch und sobald behördliche Verfahren eingeleitet werden, sind wir mit unserer Expertise und Stellungnahmen im Boot.

Almen sind für die Beweidung durch Rinder und Schafe geschaffen worden und nicht für die Eventisierung der Alpen.

Es ist immens wichtig diese Jahrhunderte alte Kulturlandschaft zu erhalten, weil sie sehr wichtig ist für den Erhalt der Biodiversität.

Der DAV und seine Hütten wurden sowohl in der Gerichtsverhandlung zur Saurüsselalm als auch im Statement des Landrates als Rechtfertigung genutzt. Besonders wird dabei immer eine Schutzhütte an der Zugspitze als Referenz genannt.

Mair: Zu der neuen Höllentalangerhütte kann ich sehr gern etwas sagen. Grundsätzlich: Wir bauen beim DAV keine neuen Hütten. Wenn, dann sind es Ersatzbauten. Die Höllentalangerhütte ist daher auch nur ein Ersatzbau. Die alte Hütte, die dort seit über 100 Jahren ihren Platz hatte, konnte man nicht mehr instandsetzen.

Das besondere an der Höllentalangerhütte ist, dass dort oben eine besondere Lawinengefahr besteht. Deshalb hat die Sektion München als Bauherrin auf eine harmonische Architektur sehr viel Wert gelegt. Deswegen die neue Bauform und eine Bauweise mit Vollholz, um an diesem bergsteigerisch sehr interessanten Standort ein Beispiel für nachhaltiges Bauen zeigen zu können.

Was bietet der DAV den Wandergästen auf der Hütte?

Mair: Eine einfache Verpflegung. Keine Spitzengastronomie, sondern eine Verpflegung, die gesund sein soll und einen hohen Nährwert besitzt. Für die Alpenvereinsmitglieder gibt es das Bergsteigeressen und Teewasser. Und es gibt auch das Recht auf Selbstverpflegung für die Mitglieder auf den Hütten.

Anders als bei der Saurüsselalm?

Mair: Das ist bei der Saurüsselalm, soweit ich gehört habe, überhaupt nicht der Fall. In der Hütte an der Zugspitze haben wir Matratzenlager mit drei Stockbetten übereinander. Also überhaupt keinen Luxus. Und es gibt die Hüttenruhe um 22:00 Uhr. Die Höllentalangerhütte ist zeitgemäß gestaltet worden, um alle behördlichen Auflagen erfüllen zu können.

Wie Sie sehen, ist der gezogene Vergleich mit der Saurüsselalm völlig abwegig.

Es gab in den letzten Jahrzehnten aber auch Hütten, die Menüs mit mehreren Gängen angeboten haben?

Mair: Ja – die kenne ich auch. Von dem aber wollen wir insgesamt wegkommen. Das unterstreichen wir auch mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie, die auf der Hauptversammlung 2021 verabschiedet worden ist.

Mehr Einfachheit, eher kleine Speisekarten. Es genügt auch, wenn die Gäste zwischen zwei oder drei Gerichten aussuchen können. Da wollen wir hin.

Wir haben ja auch die Kampagne „So schmecken die Berge?“, bei der die Hüttenwirtsleute regionale Produkte anbieten, um die regionalen Kreisläufe zu stärken. Brot, Fleisch, Milch aus der Region.

Also Trüffelpizza auf der Speisekarte gibt es nicht?

Hanspeter Mair: Das ist ein Schmarrn – überhaupt nicht.

Das gilt offensichtlich auch für die beiden kürzlich übernommenen DAV-Hütten am Taubenstein am Spitzing und die renovierte „Tegernseer Hütte“ in den Kreuther Bergen?

Mair: Ja genau. Das sind Hütten, die sich die neue Strategie des DAV auf die Fahnen geschrieben haben. Einfache Verpflegung und eine gute und sichere Unterkunft – bestimmt keinen Schnick-Schnack.

Die Saurüsselalm bietet erst seit einem halben Jahr ein gastronomisches Angebot. Vorher wurde dort nur durch einen Bauern die Alm bewirtschaftet. Jetzt gibt es einen ausgebauten Weg, den man auch locker in Flip-Flops bewältigen kann. Gibt es da noch Ähnlichkeiten mit den DAV- Hütten?

Mair: Das hat mit uns gar nichts mehr gemein. Wir bauen keine neuen Wanderwege. Der DAV betrachtet die weitere Erschließung der Alpen als abgeschlossen. So ist das auch in unserem Grundsatzprogramm zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung des Alpenraumes sowie zum umweltgerechten Bergsport festgeschrieben.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.


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