Trostlosigkeit in Gmund:
Heute: Der Ludwig-Erhard-Platz

In wenigen Wochen ist Bürgermeisterwahl in Gmund. Schauen wir auf die Ecken, die in den letzten Jahren vernachlässigt wurden.

Trostlos in Gmund. / Foto: Redaktion

Vom Bahnhof kommend, senkt sich eine Pflasterflucht hinab zur Ampelkreuzung, eine Via Appia der Trostlosigkeit. Links und rechts wird sie von Mehrzweckwaben, Praxen, Wohnungen etc. begrenzt. An ihrem Ende umkränzt sie ein Kunstwerk von solch einer ästhetischen Scheußlichkeit, ein plötzliches Aufstoßen von Magensäure wäre nur verständlich. Der goldfarbene Kopf unseres Altkanzlers Ludwig Erhard schaut wie bei einer Guillotine durch eine Metalllatte. Kalt, abweisend, nichts an diesem Metallunsinn ist warm und optimistisch, deutet auf den Erfolg des Wirtschaftswunder-Managers hin. Zwei Bänke (Metall, na klar) sollen zum Sitzen verleiten, scheinen aus den Restbeständen einer Firmenauktion zu stammen. Dahinter steht verschüchtert ein Waschbeton-Pärchen, Relikt des vergangenen Jahrhunderts. Einziger Farbtupfer: Das grüne “Kriegsgräberstätte”-Schild.

Gegenüber wartet ein Ort auf uns, der an Tristesse und gestalterischer Ohnmacht vermutlich in die Top Ten des Tals gehört. Eine Daddel und Wettbude, die für sensible Menschen nur mit einem Fass Diazepam auszuhalten ist. Draußen donnernder Verkehrslärm, drinnen blinkende Lichter und seltsame Gestalten. Schnell zurück in die Pflasterhölle, sofern es die abbiegenden Autos erlauben, die den Fußgänger als lästigen Störfall in ihrem Vorankommen wahrnehmen. Hier, an dieser Ecke, schreit jeder Zentimeter “Weiterfahren, gibt nichts zu sehen.”

Klar, der Ort legte Wert auf Barrierefreiheit. Aber diese Pflasterrampe zur meistbefahrenen Kreuzung des Tals ist schlicht eine Frechheit. Der Versuch einer Arkaden-Anmutung ging deutlich schief. Was in Bologna gefällt, mutiert hier nur zum Hundebeine-Heben. Das Gesamt-Ensemble ist das Erbe eines langjährigen Bürgermeisters, der sich gern und häufig öffentlich über die Fehler anderer Gemeinden ausließ. Dieser Platz hätte zu einem Umzug der handelnden Personen nach Dienstende in die Einkaufspassagen des Ruhrgebietes führen müssen.

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Joseph Beuys, der große Künstler, hat einmal Unorte verwandelt. Er sah, was wir meist übersehen: Für eine Arbeit goss er den Raum unter einer Fußgängerüberführung in Münster ab. 1977 war er dort zu den Skulpturprojekten eingeladen, wollte aber keine Kunst in den öffentlichen Raum stellen. Stattdessen holte er den Stadtraum ins Museum. Er machte den Unort, die Schräge unter der Brücke, zur Skulptur aus Talg, aus Unschlitt, einem alten Material. Vielleicht wäre diesem Alptraum aus Pflasterwahn und architektonischem Mittelmaß mit einer gigantischen Fetthaube ein Gefallen getan. Früher hat man harsch gesagt: Der Ort gewinnt eigentlich nur durch Artilleriebeschuss. Das ist nicht nötig. Denn bald wird der neue Gemeinderat neben dem kleinen Bahnhof ein Allerwelts-Parkdeck hinrotzen. Dieses Monster könnte der Platz-Fistel an der Mangfall den Rang ablaufen.

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