Der Muhaggl des Monats - Eine Kolumne von Martin Calsow

Die Erben-Heuschrecke

Sie haben Geld geerbt. Was machen Sie nun damit? Sie versorgen die Familie, helfen Bedürftigen – oder bauen Stellplätze. Was allerdings passiert, wenn die deutsche Erbengeneration das Tal für sich als Spielplatz entdeckt, sieht man heuer am Tegernseer Ostufer.

Ach wie schön ist Tegernsee … / Archivbild

Und der HERR trieb einen Ostwind ins Land, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und am Morgen führte der Ostwind die Heuschrecken herbei.

Aus dem Buch Mose

Ein Kommentar von Martin Calsow:

Jeder, der aus der Stadt zu uns auf’s Land kommt, ist traumatisiert. Nicht nur vom Lärm, der Kriminalität, sondern vor allem von der ewigen Suche nach Parkraum für die Autosammlung. Kennt ja jeder. Zum Beispiel Alex Birkenstock. Der ist ein bekannter Partygast in VIP-Kreisen von Kitzbühel und Erbe des gleichnamigen Pantoffel-Herstellers. Die Firma hat zwar ein scheinbar duftes Softie-Image, aber auch eine lange Geschichte von Angriffen gegen Arbeitnehmerrechte. Mit beidem verdiente Birkenstock so viel, dass er sich auch mal eine bescheidene Bleibe leisten konnte.

Jetzt möchte der Mann, dessen Leben zwischen Miami, New York, Kitzbühel und Neuwied dahinmäandert, am Ostufer des Tegernsees eine kleine, heile Welt für sich schaffen. Es soll ein Einfamilienhaus werden. 51 Meter lang, eine Glasfront, wie es schon am Berghof schick war, und, jetzt kommt die Traumabewältigung dazu, Stellplätze. Richtig. Denn Stellplätze sind das neue Statussymbol. Hat schon ein Ex-Siemens-Manager auf der anderen Seite vorgemacht. Ich baue ein fades Landhaus, und unter meinen Altholzdielenboden befindet sich ein U-Bootbunker für meine Autosammlung.

Das will ich auch, ruft der Schuh-Erbe vom Ostufer. Zwanzig Stellplätze, quasi unterseeisch, sollen es für die Familie sein. Das fängt beim Aufsitz-Rasenmäher an und hört bei den sechzehn Oldtimern noch nicht auf. Ist das sinnvoll? Dazu gibt es zwei Theorien:

  • Nicht sinnvoll. Aber wenn man Geld zum Verschleudern, zum dicke Hose machen hat, dann muss das eben raus. Ist wie ein Zwang. Der eine sperrt Alm-Wirtschaften zu, der andere lässt U-Bootbunker im Hochwassergebiet stanzen. Es gibt anscheinend niemanden im Umfeld Birkenstocks, der ihn mal zur Seite nimmt und sagt: „Ist gut, Alex. Wir kaufen dir eine Modelleisenbahn, mit Miniatur-U-Bootbunker, versprochen.”
  • Sinnvoll. Denn schon in New York und Miami hat der smarte Mann aus der Provinz gezeigt, was er mit seinen Immobilien vorhat. “Günstig” kaufen, extrem kostspielig umbauen und deutlich teurer weiter verscherbeln. Die Klientel wird es geben: Meist Menschen aus, sagen wir mal, eher demokratie-aversen Gegenden dieser Welt, sind immer an Protz und maximal dicker Hose interessiert.

Es sind meistens wenige Menschen, die das Bild des Tegernseer Tals nachhaltig verändern. Man muss sie sich sehr genau anschauen. Für sie ist das Tal ein Investment-Grund. Ist es leergefischt, ziehen sie weiter, und hinterlassen vor allem eines: Beton.


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