Die Talmutti

Meist hat sie der Reichtum des Mannes hoch in die Hänge des Leebergs gespült. Sie war seine Assistentin, Kollegin, oder zufällig bei einer Sause dabei – drüben beim Schampus-Preysing. Kurz vor Toreschluss hat sie dann dem Gatten noch die Leonie, den Lasse, die Clara oder den Finn geschenkt. Die Rede ist von der “Talmutti”.

Stil muss man haben.

Ein Kolumne von Martin Calsow:

Während der Gatte der Talmutti außerhalb des Tals die Welt rettet, sorgt Sie daheim fürs Wohnliche. Bis hierher ist alles dufte und vorhersehbar. Nur trifft Mutti in der üppigen Tagesfreizeit auf arbeitendes Personal, vulgo Handwerker. Jetzt wird der Ton rauer, die Aussagen pampiger und das Gesamtverhalten zänkischer.

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Zur Kolumne:
Das Oberland ist ein Paradies. Von Zeit zu Zeit tauchen aber ein paar faule Äpfel der Marke Quälgeist, Nervensäge und Meckerzwiebel auf. Sie verbreiten Unmut, schlechte Laune und stören die Lebensqualität. Ob an der Fleischtheke, im Gemeinderat, auf der Alm, im Café oder beim Arzt. Kurz, es sind jene Benimm-Allergiker, die unser Leben im Paradies mühsam werden lassen. Martin Calsow spürt sie einmal im Monat auf und beschreibt ihre Auswüchse. Auch eine Form der Therapie.

Es sind ja nur Leute ohne Abschluss. Sie hat wenigstens einen Bachelor in Kunstgeschichte. „Das muss hier alles ganz anders werden, moderner, nicht so landhausig“, sagt sie mit ausladender Geste dem heimischen Schreiner, Elektriker oder Monteur. Der nickt, weil er den Sound schon seit Jahren im Ohr hat.

Achtung, der Prosecco-Hahn tropft…

Kurz vor Fertigstellung läuft die Talmutti zu Hochform auf. Es wir erst langsam und zäh herumgenörgelt (Soooorrrry, das geht gaaaarnicht.“), dann dauerhaft moniert, nur um am Ende den vereinbarten Lohn/Preis nicht oder zumindest nicht vollumfänglich zahlen zu müssen.

„Entschuldigen Sie. Aber das geht so nicht. Ich weiß nicht, wie ich das meinem Mann erklären soll….“ Wichtige Pause. „…der ist ja Anwalt in München…“ Denn das ist das Hobby der Mustergattin: Am Abend, wenn der Haushaltsvorstand heimkehrt (wahlweise mit dem Fallschirm abspringt), will sie beiläufig beim Safranrisotto von den glorreichen Kämpfen gegen das heimische “Handwerkergschwerl” berichten.

Reich sind nicht die Mundwerker

Da wird der Rotwein für 70 Euro heraufgeholt und stolz vom verdutzten Gesicht des Handwerkers berichtet, dem man “es heute aber gegeben hat”. Wobei unter “es” nicht “Geld” zu verstehen ist. Denn das ist ein echter Spaß: Einfach nicht zahlen. Reicht eigentlich auch nach der dritten Mahnung. Soll er doch klagen, der Handwerker, der Dödel. Er wird schon nicht wegen 2.000 Euro vor Gericht ziehen.

Und wenn bekommt er bestenfalls einen Vergleich und hat nur Ärger am Hals. Aber dafür hat die Mutti wieder genug gespart, um sich in der Seestraße einzudecken. Leider hört der Göttergatte nicht immer zu. Also muss Mutti im Golfclub mit halblauter Stimme von ihren siegreichen Schlachten en detail erzählen, während die anderen Damen mit viel Tagesfreizeit ihre gestrafften Münder vor Staunen nicht mehr zukriegen.

„Da hilft nur die harte Hand“, trompetet die Tal-Mutti, erntet Nicken und bestellt den dritten Prosecco. Kann sie sich ja leisten. Geht sie aber mal mit Besuch von außerhalb ins Bräustüberl, dann grüßt sie aufgeregt zum Handwerker-Stammtisch, säuselt den blonden Kunstschmied an, macht einen Backfisch-Witz und zieht im teuren Trachten-Outfit von dannen. So: genug Kontakt mit der Basis.

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