Nach zwei Jahren Corona-Weihnachten
Geht mehr, wenn alles wieder geht?

von Sabiene Hemkes

Die weihnachtliche Kommerz-Folklore im Tal erstrahlte heuer wieder. Das Fest ist einfach wieder Supi ohne Pandemie. Alles geht. Aber was war wirklich schlimm – was nicht?

Das Weihnachtsessen kam bei einigen aus der Kiste 2020 – abgeholt am Vortag von der Stadlbergalm / Quelle: Redaktion

Wir Menschen sind wirklich eine ganz besondere Laune der Natur. Krisen perlen an uns ab, wie Wasser an den vor dem Fest schnell noch eingewachsten Autos in der Waschstation. Wer noch in der Pandemie leise dachte: Vielleicht überdenken wir mal das ganze Kommerz-Spektakel am Fest der Liebe, sieht sich 2022 bitter enttäuscht. Auch der Blick in den heimischen Spiegel zeigt nur das eigene Unvermögen zur in der Krise erhofften Reflexion.

Als die Inder den Himalaja wieder sehen konnten

Was haben wir uns nicht alle vorgenommen am ersten Weihnachtsfest in der Pandemie? Dem einsamen Fest. Besinnlich gefangen im Hausarrest am See. Getrennt von der Familie im Norden der Republik. Gemeinsam nur in Zoomkonferenzen. Aber es gab sie auch – die kleinen Wunder. In Venedig sah man die Fische im Kanal vor dem Markusplatz, in Indien tauchte der Himalaja seit Jahrzehnten zum ersten Mal aus dem Dunst auf. Das war schön, doch zu schnell vergessen.

Die verwaiste Hauptstraße in Miesbach am Vormittag des Heiligabends 2020 / Quelle: Redaktion

Bei uns wurden die weihnachtlichen Staus auf der A8 zu Geschichten aus einer vergangenen Zeit. Die Kreisstadt wirkte am Heiligen Abend wie ausgestorben. Von Weihnachtschaoten im Last-Minute-Shoppingwahn wie letzten Donnerstag keine Spur.

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Keine Urlauber, keine Silvesterfeuerwerke und keine Weihnachtsmärkte – ruhig ruhte der See. Nur das Fest, die freien Tage, die engste Familie. Das war auch mal schön, wenn auch schnell vergessen.

Grausam war der Lockdown für alle Singles und sonst Einsamen (wir berichteten). Aber haben die es 2022 wirklich besser angetroffen? Ich weiß es nicht. Meine Kleinstfamilie und ich schon. Unsere vier Senioren haben dank der Maßnahmen die Pandemie überlebt. 6,6 Millionen Menschen auf der Welt hatten nicht so viel Glück. Das entspricht der Gesamtbevölkerung von München, Hamburg und Berlin zusammen. In Bayern gab es “nur” 27.482 und bei uns im Kreis 225 Verstorbene im Kontext der Pandemie. Meine Eltern und Schwiegereltern haben sogar nach der vierfachen Impfung den Virus selbst besiegen können. Dafür bin ich dankbar an diesem Weihnachtsfest. Und zwar mal so richtig und werde es keineswegs vergessen.

Was mir wirklich gefehlt hat in der Pandemie?

Wenn mich allerdings heute im ersten vorsichtigen Nachgang der Pandemie jemand fragt, was mir am Pandemie-Weihnachten wirklich abgegangen ist, dann war es nicht die Bewegungsfreiheit oder Freiheit allgemein. Nicht die Weihnachtsmärkte, nicht die Familien-Treffen oder die Unbeschwertheit. Das alles war zu organisieren. Wenn, es auch ganz anders war als bisher erlebt.

Die Vorbereitungen für den Heiligen Abend 2020 sind abgeschlossen – die Bescherung kann beginnen in Köln, Nordhorn und Miesbach / Quelle: Redaktion

Sehr gefehlt haben mir einige Freunde, die anders auf die Pandemie reagierten als ich. Zum Glück hat sich der Kontakt inzwischen wieder normalisiert. Über die Pandemie reden wir halt nicht – muss auch nicht. Hauptsache doch, wir reden wieder miteinander.

Was mir ansonsten wirklich gefehlt hat während der Pandemie? Also, was mir jetzt so erst so richtig auffällt? Das ist etwa stellvertretend das freundliche Lächeln, der Verkäuferin beim Killer in Dürnbach, als diese neulich meinte “passt schon” als mir 50 Cent fehlten für die Leberkas-Semmel. Das war in der Pandemie hinter der Maske versteckt. Oder das verängstigte Kindergesicht beim Anblick des Nikolaus am fünften Januar. Mit Mund-Nasen-Bedeckung ungesehen. Die kleinen unscheinbar daherkommenden “Neuentdeckungen” am Rande von Corona.

Immer noch DANKE – Stellvertretend an alle Helfer in der Pandemie / Quelle: Krankenhaus Agatharied 2020

Und ganz besonders auch, dass keiner der ungezählten freiwilligen Helfer der Pandemie zum Beispiel in den vielen Teststationen, den Krankenhäusern, den Seniorenheimen, bei den Tafeln oder den Bringdiensten jemals unsere Dankbarkeit an den Gesichtern ablesen konnte.

Vielleicht versuche ich heute deshalb jeden Menschen, den ich treffe, einfach nur erst mal anzulächeln. Freundlich, offen und voller Hoffnung, er möge es mir zurückschenken – das Lächeln. An Weihnachten und an jedem anderen Tag. Einfach, weil ich es kann und der andere es sieht. Naiv und doch so unglaublich schön – und das bleibt. Krisen hin oder her – das bleibt.

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