Eine Kolumne
Zuagroaste allein zu Haus

von Sabiene Hemkes

Nein – wir sind nicht allein. Im Tal leben viele Menschen, die es lieben, hier zu leben und doch verwurzelt sind an anderen Orten der Welt. Oder solche, die einfach dem weihnachtlichen Trubel auf der Piste oder in der Sonne entfliehen wollen. Aber ist man als Zuagroaster heuer nicht doch ein bisschen mehr allein?

Zuagroast allein zu Haus.

Eine Kolumne von Sabiene Hemkes

Unser achtes Weihnachten hier und doch wird dieses unser erstes Weihnachts-Mal im Tal. Schon komisch. In den Jahren zuvor sind wir entweder in ferne Länder gejettet oder haben die Feiertage im Pott und Südniedersachsen bei der Familie verbracht. Wir haben lange gebraucht, um uns selbst definitiv einzugestehen, dass wir coronabedingt weder in die Karibik noch zum elterlichen Heiligabend reisen werden. Auch viele befragte Freunde und Arbeitskollegen rund um den See haben sich gegen den weihnachtlichen Besuchs-Marathon inklusive Dauerfestessen in der Heimat entschieden.

Wir hätten Euch eh nicht reingelassen

Mit dieser Entscheidung nahm der alternative Weihnachtsstress erst einmal richtig Fahrt auf. Zuerst hieß es, die Nichtbesuchbaren zu informieren. Vollgepumpt mit schlechtem Gewissen die Eltern anrufen und dann nur vollstes Verständnis ernten, war mal eine neue Erfahrung. Von einem “Das holen wir nach”, “Es gibt wirklich Schlimmeres”, bis hin zu “Wir hätten Euch eh nicht reingelassen” – war bei den vier Jungsenioren über achtzig die einhellige Reaktion verständnisvoll.

Wollen die uns etwa gar nicht? Stimmt natürlich nicht, aber die Alten sind einfach krisenerprobter. Ist wahrscheinlich so, wenn du als Kind im Bombenhagel im Keller sitzt, Monate getrennt von den Eltern in der Kinderlandverschickung verbringst oder einfach jeden Tag viel Hunger hast.

Politisch korrekt, sozial verträglich und klimafreundlich

Nach der Entscheidung ist vor dem Stress. Plätzchen backen, Geschenke kaufen, Päckchen packen und alles innerhalb der Timeline zur Post schaffen. Bei uns kamen neun verschieden gepackte Pakete zusammen – gefüllt mit Köstlichkeiten der Region. Heumilchliqueur und Käse aus Kreuth, schokoladige Exzesse aus Warngau, Hochprozentiges und Vorgekochtes aus Hausham, wohl Duftendes aus Gmund.

Als Krönung noch die nicht schönen, aber mit Liebe gebackenen Kreationen mit Nuss aus dem heimischen Ofen. Der regionale Gutmensch in mir ist zutiefst befriedigt. Allein die Fahrerei hat drei Tage gedauert, gekrönt durch den harten Lockdown zwischendurch. Am schwierigsten gestaltete sich am Ende der Versand des Chili-Leberkas für die Schwiegereltern. Aber sie lieben ihn doch so.

Weihnachtsdeko 2020 …

Heut – am Heiligen Abend – wird auch das in Aschheim vergessene letzte Paket an meine Eltern ausgeliefert. Nach zwei Stunden in der DHL Warteschleife und der Anwendung diverser Telefontricks war auch das geregelt. Alles pünktlich beliefert. Danke an dieser Stelle mal allen Sortierern und Auslieferern, die Tag und Nacht dafür geschuftet haben. Auch unsere Karten und Pakete trafen gestern ein. Unsere Leute denken an uns.

Und jetzt? Im Gegensatz zu unseren Eltern, deren Weihnachtsroutinen stehen, sind wir mit über Fünfzig als völlige Novizen vor diesem Fest. Ich habe die Familienkrippe, aber die liegt in irgendeinem Karton irgendwo. Weihnachtsdeko ansonsten Fehlanzeige. Und ohne Baumarkt das Baumequipment ranschaffen – aussichtslos. Wir haben dann mal zwei tolle Kerzen gekauft und auf das Hirschgeweih aus Filz gestellt. Geht auch!

Kulinarische Genüsse und weihnachtliche Gefühle

Auch wenn es sich nach regionaler Verbundenheit anhört, auf der Lieblingsalm das Weihnachtsessen zu bestellen, kaschiert es bei uns eher die Unfähigkeit mit einer Bauernente in den Nahkampf zu gehen. Gestern am Stadlberg abgeholt und dabei fast wie beim Dalmeyr in München in der Schlange gestanden. Der Karton steht jetzt ungeöffnet auf der Terrasse. Im Kühlschrank ist nach einem Megaeinkauf einfach kein Platz mehr. Keine Ahnung, wer das alles essen soll.

Bauernente, Rotkraut. Klöße und zum Nachtisch lecker Bratäpfel

Und jetzt? Theoretisch ist alles bereit. Die heilige Nacht kann kommen. Ehrlich gesagt, waren wir seit Jahrzehnten bei keiner Christmette mehr. Und hier am Tegernsee gibt es trotz Lockdown viele davon. Einige direkt am See. Aber wohl eher ohne uns.

Bei Weihnachtsmusik müssen wir auch passen. Da müssen Element of Crime, Björk oder Johnny Cash für die heilige Stimmung sorgen. Und kommt mir nicht mit der Spotify, Deezer und sonstwie Weihnachtskollektion. Das passt schon.

Wir sind allein, allein – oder doch nicht?

Wir sind etwas nervös. Werden wir die Eltern in der Zoom Konferenz, die vom Familienrat in Köln auf 21:00 Uhr terminiert wurde, wirklich sehen? Schafft es der 88-jährige Onlinefreak wirklich, alles rechtzeitig zu installieren? Und wird Schwiegermutter Helga bereit sein, in der Whatsup Konferenz ihr immer noch schönes Gesicht zu zeigen? Oder bekommen wir viel Bein und Teppichboden mit dem Kommentar “Ich mag das einfach nicht” geboten?

Fraglich ist auch, ob wir es rechtzeitig schaffen werden, alle Geschenke wieder in die Kartons zu verfrachten – so, als hätten wir sie nicht gestern direkt schon geplündert. Und dann die Kleiderfrage. Meine Mama ist da eher eigen und meine Schwester immer schick. Auch die Schwiegereltern sind immer top gekleidet. Also werden wir notgedrungen das liebgewonnene Homeoffice-Jogger-Outfit gegen Hemd und Blüschen tauschen. Aber egal – dieser Heilig Abend verspricht, spannend zu werden – so traurig auch die Umstände sind.

Am Rande Gedanken – sozusagen quergedacht

Und während ich hier sitze und schreibe, muss ich daran denken, wie gut wir es haben in all dem Mist des letzten Jahres. Klar hatten auch wir Tiefschläge zu verdauen – wie so viele von euch hat auch uns die fiese Pandemie heftig gebeutelt. Allerdings auf hohem Niveau. Viele hat sie umso härter getroffen. Am schlimmsten die Menschen, die vor der Zeit gehen mussten. Jeder einer zu viel.

Die Coviderkrankten, die noch immer an den Spätfolgen leiden. Alle, deren Existenz durch die monatelangen Schließungen bedroht ist. Kinder und Mütter, teils auch Väter, im Dauerstress zwischen Homeschooling und Homeoffice. Menschen, die allein und verzweifelt das Fest verbringen. Polizisten und Justizbeamte, die sich mit Aluhüten und “Freidenkern” herumschlagen müssen – auch wenn demonstrieren Jedermanns Recht ist und bleibt. Und zu guter Letzt allen im Gesundheitsbereich, die jeden behandeln, bis sie selbst nicht mehr können.

Die Internationale Solidarität

Und wenn ich mir in meinem persönlich nationalen Leiden mal erlaube, über den Tellerrand zu schauen, gibt es Menschen, die Mitgefühl mehr als ich verdienen. Wie muss es den Flüchtlingen hier in den Unterkünften ergehen? Teils abgeschottet mit einem Bauzaun in der verhängten Quarantäne. Oder all den Menschen weltweit, die mitten in der Pandemie, vertrieben von daheim in Zelten hausen müssen? Oder auch jenen, deren Leben durch Krieg und Terror bedroht ist – trotz all dem Weihnachten.

Ok, Relativierung hat noch nie Leiden gelindert. Und Vernunft beschützt niemanden vor der Unvernunft der anderen. Wir leben zum Glück in einem freien Land. Jeder gestaltet sein Weihnachten, wenn er die Wahl hat, so wie er es mit sich verantworten kann. Als Träumerin, die ich immer noch bin, hoffe ich, dass jeder auch ein wenig an den anderen denkt. In diesem Sinne – Allen im Tal und sonst wo ein frohes Fest – seid lieb zu uns Zuagroasten.


Diskutieren Sie mit uns
Melden Sie sich an und teilen Sie
Ihre Meinung.
Wählen Sie dazu unten den Button
„Kommentare anzeigen“ aus