Wo wird es im Tegernseer Tal eng? (Teil1)
Kritische Hochwasser-Prognosen für den Tegernsee: Gefährdete Orte im Tegernseer Tal

Der Regen hat sich verzogen. Im Tegernseer Tal sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Vollgelaufene Keller hier und da überflutete Straßen wie in Dürnbach. Doch was bedeutet das für Hochwasserschäden in der Zukunft? Eine Katastrophen-Runde um den See … Heute Teil 1 Bad Wiessee, Kreuth und Rottach-Egern

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Wo liegen die Überschwemmungs-Hot Spots im Tegernseer Tal? Foto: Peter Posztos

Bad Wiessee

Noch am vergangenen Sonntagabend schien alles ruhig. Doch dann traf der Mega-Regen auch unsere Region. Beispiel: Am Yachtclub Bad Wiessee fielen binnen drei Stunden über 100 Liter Regen. Der Ort am Westufer hat massive Gefahrenpunkte. Übertretende Bäche: Im Norden den Breitenbach und weiter südlich den Zeiselbach.

Breitenbach

Der Breitenbach hat drei wesentliche Herausforderungen. Zum einen füllt er sich im oberen Bereich mit großen Mengen aus diversen Wildbächen, zum anderen führt er, kaum aus dem Bergwald kommend, an dicht besiedeltem Gebiet vorbei. Er ist zwar bis zu Auerstraße vom Wasserwirtschaftsamt ausgebaut (Ufer verstärkt, Sohle ausgebaut, aber schon weiter oben auf Höhe des Rupertiwegs könnte der Bach über die Ufer treten und angrenzende Häuser links und rechts bedrohen.) Auf der südwestlichen Seite wurde mit dem Quercherfeld in den letzten 20 Jahre eine große Wiese bebaut.

Unterhalb der Auerstraße wird es noch enger. Hier sieht der Umweltatlas Bayern, die eine Risikokarte für Hochwasser bereitstellen, das größte Problem. Laut Berechnungen der Experten schwappt der Bach hier bei Extremwetter sehr wahrscheinlich aus seinem Bett. Bauprojekte im Breitenbachanger haben zunehmend Fläche versiegelt. Unterhalb der Bundestraße wird der Bach zur Gefahr für die dort angesiedelte Polizei, Feuerwehr und das Bayerische Rote Kreuz. Erst nahe des Yachtclubs in Tegernsee endet der Wildbach. Von West nach Ost zeichnet der Atlas eine über mehrere Quadratkilometer sich hinziehende Gefahrenzone. Das weiß man auch bei Versicherern.

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Der Zeiselbach wird mit Sandsäcken und Gewerk in Schach gehalten. Foto: Peter Posztos

Versicherungsfragen

Bürgermeister Robert Kühn berichtet von sehr kostspieligen Versicherungen für gemeindliche Häuser. “Unser Versicherer hat für diese Region besondere, also deutlich höhere Tarife verlangt.” Dazu zählen die Häuser des Kommunalunternehmens sowie die Rettungszentrale. In der Ortsmitte fließt der Zeiselbach; das andere Sorgenkind der Blaulicht-Einheiten und der Verwaltung.

Das Gewässer kommt auf Höhe des Sportplatzes an der Hagngasse aus dem Wald und mäandert dann nach Norden hinunter in den Ort. Die ehemalige Gemeinderätin Klaudia Martini (SPD), jahrelang als Kämpferin für Hochwasserschutz gern auch mal belächelt, hat schon vor Jahren vor den Gefahren gewarnt. 2017 wurden dann wenigstens Geschiebe- und Wildholzsperren im oberen Verlauf des Zeiselbachs realisiert.

Das hat sich auch in den vergangenen Tagen als hilfreich erwiesen. Ein ursprünglich geplantes Rückhaltebecken oberhalb des Sportplatzes konnte hingegen nicht verwirklicht werden. “Man hatte, so das Wasserwirtschaftsamt damals, kein Geld dafür bereitgestellt. Und als 2018 die Behörde in Bad Wiessee Pläne zum Hochwasserschutz vorstellte, gab es bei der Versammlung massiven Gegenwind von Bürgern. “Das Romantische geht verloren”, oder “dann gibt’s da keine Fische mehr” waren die Aussagen.

Auch jetzt kämpft Bürgermeister Kühn mit Anwohnerinnen um jeden Meter, der für den Hochwasserschutz an Grundstücksflächen von Privatpersonen abgegeben werden soll. Er berichtet von “fragwürdigen” Angeboten einiger Hausbesitzer zum lukrativen Grundstückstausch, vom dauerhaften Querstellen einiger Besitzer. Es ist mühsam. Aber wenn das Wasser kommt, hoffen alle auf die Freiwillige Feuerwehr der Kommune.

Bad Wiessee, das wird gern vergessen, war einst ein Sumpf- und Wiesengebiet. Die einzige Ansiedlung lag auf einer Anhöhe in Altwiessee – aus gutem Grund. Aber im 20. Jahrhundert wuchs der Ort in fast alle Richtungen.

Dort, wo Weide- und Wiesenflächen Starkregen-Mengen aufnehmen konnten, wie im nördlichen Bereich der Gemeinde, reihen sich nun Straßen, Häuser und oft auch Tiefgaragen aneinander. Sie versperren unterirdische Wasserströme, erhöhen mit der Verdichtung des Bodens die Fließgeschwindigkeit des Wassers, leiten es in schnell überflutete Kanalisationsrohre um. Moorgebiete wurden zugunsten von; und das hat eine gewisse Klima-Ironie – Autohäusern ersetzt.

Kreuth

Mit über 122 Quadratkilometern ist Kreuth flächenmäßig die größte Gemeinde Landkreises. Die Weißach durchzieht das Gebiet von Glashütte an der Landesgrenze, bis sie nach 18 Kilometern in den Tegernsee fließt. Unterwegs wird sie von fünf Hauptbächen und diversen Wildbächen gespeist. Obwohl für das Triften begradigt, hat das Wasser der Weißach erhebliche Ausweichflächen im südlichen Bereich.

Der geografische Nachteil der südlichsten Gemeinde? Stauen sich Regenwolken an der Bergkette der Blauberge regnet hier besonders lange und heftig. Das Wasser, was oben noch ausweichen kann, wird spätestens am Eisernen Steg wild und bei Extremwetter zu einer Gefahr für umliegende Wohngebiete.

Notwendige Wiesenflächen wie sie zwischen der Kreuzung in Kreuth-Weißach, dem Biotop “Grea Wasserl” und dem Weißach-Damm vorhanden sind, wurden und werden mit Gewerbegebieten versiegelt.

Das Feld an der Wiessseer Straße zwischen altem Gewerbegebiet und dem Steakhouse muss aktuell einer Bebauung weichen. Kreuths Bürgermeister Sepp Bierschneider braucht Einnahmen aus Gewerbe. Die Gemeinde ist chronisch klamm.

Um das Projekt an der Wiesseer Straße in Weißach zu bekommen, zahlte man für eine Ersatzfläche am Chiemsee. Das dürfte bei Starkregen wenig vor Ort helfen. Und weiter Richtung Wiessee ist es auch kritisch, wurde aber von den kommunalen Nachbarn entschieden:

Laut Umweltatlas dürfte das Gebiet “An der Barthsäge” bei Extremwetter besonders betroffen sein. Und dann versiegelt auch der gemeindliche Nachbar: Seit 2019 hegt der Früchtegroßhandel Max Wunderlich aus Gmund den Plan, den Firmensitz nach Rottach-Egern zu verlegen. Die Gemeinde Rottach-Egern und andere Behörden sind einverstanden. Direkt neben dem Fluss wollte der Unternehmer eine 45 mal 18 Meter große Gewerbehalle bauen. Ob der Bau realisiert wird, ist aber derzeit noch unklar. Nachbarn waren nicht begeistert.

Rottach-Egern

Ende Juli 2019. In der Nacht werden die Bürgermeister von Tegernsee und Rottach-Egern, Johannes Hagn und Christian Köck, an die Rottach gerufen. Ein Dammbruch droht an dem Fluss, der die beiden Gemeinden voneinander trennt. Hunderte Menschen müssten evakuiert werden, die Infrastruktur inklusive der stark befahrenen Bundesstraße würde zu Erliegen kommen. Zum Glück können die Einsatzkräfte den Bruch verhindern. Der Deich hält.

Wie viel es im Landkreis geregnet hat:

• Miesbach: 198 l/ m2
• Schaftlach: 180 l/ m2
• Holzkirchen: 177 l/ m2
• Rottach-Egern: 101 l/m2
• Bad Wiessee: 97 l/m2

Schutzmaßnahmen nach 2013

Die Baustelle war das Ergebnis von Hochwasserschutz-Maßnahmen nach der großen Überflutung 2013. Der Ort im Süden des Tals hatte erhebliche Schäden zu erleiden. Die Anwohner in der Seestraße litten massiv. Danach wurden Dämme erhöht, Ufermauern gebaut. Die Überflutungsszenarien für extreme Wetterlagen im Umweltatlas sehen zwischen Elmösl und Ortsmitte, sowie auf der südlichen Seite der Rottach zwischen Elmau, dem Dammweg und der Ludwig Thoma Straße massive Überschwemmungsrisiken.

Hauptgrund: Die Rottach folgte in Frühzeiten einem anderen Bett, konnte sich von Enterrottach bis zum Abfluss in den See immer wieder in dem Tal zwischen Rieserstein und Wallberg ausbreiten. Mit zunehmender Bebauung und Regulierung wurde der Fluss in seiner Bewegungsfreiheit eingeengt. Dabei ist das Gebiet sowohl für Tegernsee als auch Rottach-Egern von großer Bedeutung:

Im Unterwallberg liegen wichtige Wasserquellen für die Gemeinden. Eine großflächige Wassermenge mit Abgängen von den Hängen birgt zumindest ein kurzfristiges Risiko für die Versorgung der Kommunen.

Im Norden lässt die Rottach das Wasser aus den Bergen abfließen, weiter im Süden ist es die Weißach, die Rottach-Egern von Kreuth abgrenzt. Auch sie ist besser ausgebaut, trägt im Sommer meist kaum Wasser. Bei Starkregen aber schwillt sie an, lässt Nebenbäche volllaufen.

Denn hier kommt das Wasser aus den südlichen Gebieten wie Wildbad und Glashütte. Dort hatte es 2013 massiv Regenfälle über Tage gegeben. Im Kreuther Ortskern war davon nicht viel zu spüren, das Wasser konnte gut in den Weißach-Auen gehalten werden. Aber kaum kommt die Weißach in dichter besiedeltes Gebiet Richtung Rottach-Egern, zeigt das Szenario im Umweltatlas massive Überschwemmungsgebiete.

Trinis und Oberhof sind zuerst zu nennen. Hier hatte es schon zum Wochenbeginn einige Keller getroffen. Dabei war die Menge an Regen dort noch überschaubar. Die Weißach ließ das allermeiste Wasser abfließen. Aber die Region bis zur Bundesstraße ist mit Bächen und Seitenarmen versehen.

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Ein Platz im Wasser. Foto: Peter Posztos

Seeufer

Und dann ist da das Seeufer. Auch hier empfiehlt sich ein Blick auf Google Earth. Dort kann man eine virtuelle Zeitreise anhand von Satellitenaufnahmen in der Region machen. Aber auch alte Fotos vom Wallberg aus aufgenommen zeigen: Zwischen Weißach und See nahm die Bebauung in den letzten 50 Jahren massiv zu. Wo früher Kühe weideten, haben große Landhausvillen mit Pool und Garagen Platz gefunden.

Der Boden wurde massiv versiegelt: Zwischen Popperwiese und Überfahrt, so der Umweltatlas, bestehe massive Überflutungsgefahr, einerseits durch Hochwasser des Sees, andererseits auch bei Starkregen.

Gebiete zwischen Forellenstraße, Werhinerstraße und Asamstraße müssten bei Extremwetter mit einer Evakuierung rechnen. Der Platz in der ersten und zweiten Reihe am See kann mindestens nasse Füße und feuchte Keller verursachen. Angesichts der kleinen Straßen setzten viele Besitzer auf Tiefgaragen. Auch die dürften dann volllaufen. Einziger Vorteil in Rottach-Egern: Große Gefahren durch Hang-Abrutschungen sind kaum gegeben. Da hat Tegernsee mehr zu bieten. Das aber kommt im zweiten Teil zur Sprache…

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