Langlaufen – die Rache an den wirklich Alten

Seit Abfahrts-Ski etwas für unsere Nachbarn aus dem Westen mit den gelben Nummernschildern und für präpotente Münchner mit Hang zur Cabriolette geworden ist, wechseln die wahren Wintersport-Connaisseure auf die Loipe.

Geht ihr selbst auch langlaufen? / Foto: Redaktion

Das ist natürlich Quatsch. Man wechselt auf die Loipe, weil die um Kondition und Herzgesundheit besorgte Ehefrau das sagt, oder weil man in einem Alter ist, in dem man Begriffe wie „Baker-Zyste” kennt. Kurz: Weil man den Boandlkramer schon in der Ferne sieht.

Der ungeübte Mann hat schnell Erfolgserlebnisse, vermeidet jedoch anfangs die wichtige, aber nicht so einfache Technik des Bremsens. Wer bremst, verliert. Haha. Schade, dass es keine Lichthupe beim Langlauf gibt. Die besorgten Blicke der Kenner ignoriert man höhnisch. Im Hinterkopf wackelt noch immer der törichte Gedanke: Langlauf ist doch nichts anderes als Walken auf Brettern, also Sport für Menschen im Klimakterium oder mit Haarausfall oder eben Baker-Zyste.

Munter schiebt sich der Anfänger also über die frisch gespurte Loipe (hier noch einmal einen herzlichen Dank an all jene, die morgens und abends spuren). Der Mann wurde beim örtlichen Sportgeschäft kompetent beraten, hat aber nur zur Hälfte zugehört, weil ihn die Farben der Skier mehr interessierten. Nun stemmt er seine 50 Jahre alten Beine in die Skier, hält mühsam das Gleichgewicht und presst die Lippen zusammen. Hier zwickt es im Adduktorenbereich (oder ist es doch wieder die Leiste, die bereits repariert wurde?), da spannt es (der Ranzen, kein Zweifel). Unklugerweise wurde auch noch zuvor ein hautenges, aber atmungsaktives Oberteil von der Gattin gekauft. So fährt also Barba-Papa durch das winterliche Kreuth, schwitzend, schwankend, schweigend. Warum? Wegen der anderen … Jene, die das besser können. Da wäre die rüstige Hundertjährige mit blauen Haaren, sie zieht in der lavendelfarbenen Ski-Mode des Jahres 1977 an einem schwungvoll und mit Stockeinsatz nach Lehrbuch vorbei. Dort der buckelige Mann, der Luis Trenker einst die Skier wachste, und mit einem zünftigen „Servus” auf die linke Spur geht und von dannen zieht. Zu guter Letzt die Mutter, skatend, den Kleinen (maximal siebenjährigen Sohn auf der linken Spur antreibt und mit einem leisen “Vorsicht der ältere Herr übt noch”) eben jenen hinter sich lässt. Da ziehen die Profis also vorbei.

Zurück bleibt der fassungslose Anfänger, der doch einst jede, wirklich jede Sportart (Billard, Dart etc.) schnell und professionell erlernte. Dieser Traum wird nun jäh am nächsten Hang zerstört. Fährt Gevatter Tod und Großmutter im Blumenmuster-Overall entspannt mit den Stöckern unter den Achseln hinunter, zittern dem Mann oben an der Kante zum Abgrund schon die Knie. Denn unten wartet eine tückische Kurve und damit der unweigerliche Sturz ins Ungewisse. Meist rauscht noch rechts oder links die Weissach, und man sieht sich auf peinliche Weise in einem kniehohen Wasser ertrinken.

Hier ist Rhodos, hier springe ich: abwärts. Immer schneller geht es, die Nase ist schon fast am Ziel, so weit reckt man sie nach vorn. Wie bei einer Nonne aus dem Emsland werden die Beine zusammen gepresst, und man schafft es in die rettende Ebene – fast. Denn irgendein Depp war schon vorher hier und hat die Spur beschädigt. Glaubt man zumindest. Irgendeiner ist immer schuld. Jedenfalls zieht auf mirakulöse Weise das rechte Bein hinaus in die Weiten der Spur, das linke zurücklassend. Das Resultat ist ein unwürdiger Versuch eines Spagats, der mit einem Sturz in Slow Motion endet. Das ist meist Youtube-videowürdig. Hier liegt nun der Mann in Schmerzen. Keine Mutter weit und breit, die einen Pietà-gleich tröstet. Vielleicht schaut er in den Himmel, akzeptiert den Bruch des Steißbeins als eine notwendige Strafe und das wochenlange Sitzen auf müffelnden Gummiringen als Prüfung.
Dieser Mann begreift dann das Langlaufen und speziell den Sturz als eine Gesamt-Metapher auf das Leben: Wir wollen elegant in die Spur des Lebens steigen, aktiv und selbst das Tempo unserer Lebensfahrt bestimmen. Zurück bleiben wir als unfähige Käfer, auf der Loipe krabbelnd, verzweifelt auf die Beine kommen wollend, als mahnendes Beispiel für alle, die vorbeiziehen und denken: was für ein Depp!

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