Ein Kommentar zur Bauwut im Tal

Macht das weg, ich will alles neu

Wenn der bayerische Ureinwohner über das Gschwerl aus dem Norden grantelt, steckt darin immer auch eine ästhetisch-moralische Kritik an den schmallippigen Protestanten. Jene Spalter und Sektierer, denen die Zurschaustellung von Reichtum wie im Katholischen üblich, ein Graus war. Hier im bayerischsten aller Bayern schätzt man den Prunk. Ein Blick hinter hohe Hecken im Reichen-Ghetto Rottach.

Macht das weg, ich will alles neu / Quelle: Martin Calsow

Protz als Ausweis von „weil ich es kann“, findet sich heute nicht mehr nur in Märchenschlössern mit handels- und zeitüblichen Rokoko-Schnickschnack. Verschwendung als offensiver Lebensinhalt findet sich in der absurden Bauwut der hiesigen Vollreichen. Wenn sie zum Beispiel der Vorstand eines deutschen Unternehmens sind und mit ihrer unterbeschäftigten Frau nach Rottach-Egern ziehen, weil Mallorca zu heiß, die Toscana politisch unsicher und Sylt zu windig sind, dann müssen sie ein Zeichen des Protzes eben hier setzen.

Das geht gar nicht anders. Sie kaufen ein Haus, das tiptop vom Vorgänger (ebenfalls vollreich) schon umgebaut worden ist. Neuer Kamin, neues Dach, neuer Pool. Alles deutlich und vor allem sichtbar teuer. Aber: Und das ist der Pferdefuß: Eben noch nicht vom neuen Besitzer oder Besitzerin selbst in Auftrag gegeben. Denn bei den Abenden mit Ihresgleichen müssen doch Geschichten über lahme Elektriker, grässlich dumme Schreiner oder versagende Gärtner erzählt werden können.

Deswegen baut man um in diesen Kreisen.

„Pool hat jeder im mittleren Management. Ich will einen Teich. Einen Schwimmteich. Weg mit dem zwei Jahre alten Pool, das ist so Mittelschicht. Schwimmteich mit Seerosen aus Frankreich. Auf dem Dach will ich eine Feuerglocke haben. Die Proportionen stimmen nicht? Mir egal. Goldener Schnitt ist so last season.“ Hauptsache, man hat als Entscheider den längsten – Glockenständer.

Protzlose Protestanten in den Niederlanden – noch ohne Campingwagen. Quelle: Ferdinand Bol “Die Vorsteher der Amsterdamer Weinhändlergilde”, 1659, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München

Wem eine zweijährige Umbauphase zu fad erscheint, der reißt gleich die ganze Haziette ab. Wie? Nur neun Jahre alt, das Haus? Egal. Ich will’s größer, denkt der Zugreiste-Zampano und macht das alte G‘lump weg. Der örtliche Handwerker schaut still und schmunzelnd zu. Denkt, von den Kosten für diese Superideen könnten er und seine Familie mehrere Jahre ohne Not leben.

Aber andererseits: Er hat Aufträge. Aufträge, von Menschen, die Verschwendung als solche gar nicht mehr erkennen. Mein lieber Freund H, ein ausgewiesener Konservativer, sagte nur kürzlich: „Sehe ich diese Verschwendung von Ressourcen und Geld, freunde ich mich zunehmend mit dem Gedanken der Zwangsenteignung an.” Der ist aber auch Protestant.


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