Kommentar
Manuel Neuer: Soll er jetzt der Binden-Held sein?

von Sabiene Hemkes

Einen Tag nach der hyperpeinlichen Fremdschäm-Aktion des DFB in Katar soll der Tegernseer Nationaltorwart Manuel Neuer den bundesdeutschen Funktionärs-Arsch retten. Die deutsche Ehre wiederherstellen? Ernsthaft? Ein Kommentar.

Kein unbekannter im Tegernseer Tal – Manuel Neuer. Hier zu sehen bei einem Termin mit seinem Freund und Geschäftspartner Johannes Rabl vor dem Forsthaus in der Valepp.

Gleich zu Beginn meines Kommentars oute ich mich mal als eine der großen Anhängerinnen des sich schon seit Längerem selbst ins Abseits stellenden Kommerz-Fußballs. Ich bin ein weiblicher Fußball-Nerd. Nur bei Gemeinderatssitzungen verzichte ich aufs heimliche Linsen auf die entsprechenden Apps. Was nicht leicht fällt bei gelegentlichen Marathonsitzungen in Tegernsee oder Gmund. Doch gestern, als die Niederländer gefühlt zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder bei der Weltmeisterschaft auflaufen durften, war es mir von Herzen egal. Total egal. Wäre es nach mir gegangen, hätte Bürgermeister Johannes Hagn noch stundenlang die Ortsplanungssitzung ausdehnen können.

Anzeige

Bis heute habe ich immer noch gedacht: ‘Vielleicht bescheiße ich mich selbst ein wenig und schaue mir doch noch ein paar Spiele der “vermaledeiten WM” in Katar an.’ Doch seit dem blamablen Binden-Einknicker der großen europäischen Verbände gestern bin ich nur noch beschämt! Enttäuscht und desillusioniert vom Sportgeschäft bin ich allemal schon seit Jahrzehnten.

Die Entscheidung, ob jemand die WM schauen oder ignorieren will, ist in meinen Augen eine persönliche. Kein Dogma.

Sabiene Hemkes

Das Wegschauen macht keinen besseren oder politisch verantwortlicheren Mensch aus mir. Die Gründe, warum eine Vergabe nach Katar unmöglich für westliche Fußballfreunde zu tolerieren ist, sind ausreichend diskutiert. Laut einer Umfrage der TS zu der Fußball-WM vor einer Woche haben bei uns im Tal gerade mal noch ein Viertel der Leute Bock auf die WM. 15 Prozent wissen noch nicht, ob sie schauen, und ganze 61 Prozent interessieren sich nicht für die Fußball Weltmeisterschaft 2022.

Spieler-Bashing ist voll daneben

Das Netz und die deutschen Medien quellen derweil heute über mit Forderungen an den 34-jährigen Nationaltorhüter Manuel Neuer, Haltung angesichts der Schwäche der europäischen Verbände zu zeigen. Trotzdem aber nehme ich Abstand vom aktuellen Neuer/Kane/Lloris/vanDyke-Bashing in den sozialen Netzen. Nein, nicht die Spieler sind schuld an der größten Fußballpeinlichkeit der Geschichte. Auch sollten sie diese nicht ausbaden müssen. Natürlich ist es einfach, an einem Tag, an dem die iranische Nationalmannschaft aus Protest geschlossen gegen die Zustände in ihrer Heimat auf das Mitsingen der Hymne verzichtet, an die Haltung Neuers zu appellieren.

Einfach bestimmt, doch inhaltlich voll daneben. Es ist in diesem Fall nicht die Aufgabe eines Spielers, auch wenn er noch so viele Millionen verdient, das Gesicht der Funktionäre des DFB zu retten. Zumal die peinliche “OneLove”-Binden-Minimalprotest-Aktion einiger europäischer Fußballnationen es gar nicht wert ist, so einen Wind zu machen. Die Binde war ein Witz, wurde nicht mal mit den offiziellen Farben der LGBTQI+-Community gestaltet, und sprengt gerade alle Grenzen dieses Genres. Eine Schande, wenn die als Merchandising noch der Renner wird.

Haltung bekommt man nicht für Kohle

Eine Geldstrafe hätte man laut Aussage vom DFB Präsi noch bezahlt, wenn Neuer die Binde morgen getragen hätte, aber eine Gelbe Karte oder andere Sanktionen dann doch nicht. Dabei war die Drohung der FIFA eher nebulös formuliert. Übrigens, entgegen dem eigenen Regelbuch, wie die Erben Collinas im Focus analysieren. Nee – dann doch lieber auf Protest verzichten.

Die europäischen Verbände sind ein Trauerspiel! Selbst entlarvender geht’s doch gar nicht. Wäre da nicht der DFB Marketing Held Oliver Bierhoff, für den sich die Aktion gar “wie Zensur anfühlt”. Oh Mann Oliver – das ist Zensur und fühlt sich nicht nur so an. Im DFB scheint man echt immer noch zu glauben, dass man mit Kohle Haltung einkaufen kann. Ich sehe da keine Hoffnung mehr, leider.

Aber sollen jetzt ernsthaft Spieler wie der Wahl-Tegernseer Neuer Größe beweisen und am Mittwoch mit der unglückseligen Binde am Arm auflaufen? Seinen Kopf für einen nationalen Verband in bunten Farben einfärben und hinhalten? Schützen wollten sie die Spieler, sagten die Funktionäre gestern, während sie sich abduckten und wie ein ängstliches Kind jammernd hinter den angeblich Schutzbefohlenen in Deckung gingen. Na, ist ja super gelungen!

REWE zeigt dem DFB, wie Haltung geht

Oft ist in den hunderten Kommentaren gestern und heute zu lesen: Der Tegernseer könne sich unsterblich machen. In die Fußballgeschichte eingehen. Immerhin schmücke auch sein Konterfei die Wolkenkratzer, die Wanderarbeiter in der Metropole Doha unter menschenverachtenden Bedingungen in den Himmel zauberten. Und es ist auch unbestritten, dass die FIFA und das Gastgeberland sich brüsten mit dem internationalen Status des 34-jährigen Ausnahmekeepers vom Katar-Club Bayern München. Alles gute Argumente.

Und ich bin mir sicher, Adidas oder McDonalds als Big Player der FIFA-Sponsoren würden intervenieren, wenn Manu morgen Haltung zeigen würde und sich dafür die Gelbe oder Rote Karte abholt. Da hat sich der DFB gerade zurecht vom Einzelhandels-Riesen REWE die erste Rote Karte der eigenen Sponsoren abgeholt. Das Unternehmen beendet mit sofortiger Wirkung die Kooperation mit dem Deutschen Fußballbund, wie der Kicker meldet.

Die skandalöse Haltung der FIFA ist für mich als CEO eines vielfältigen Unternehmens und als Fußballfan absolut nicht akzeptabel.

Lionel Souque, CEO der REWE Group, 22. November 2022

Doch Neuer ist nicht REWE? Sicherlich hat Neuer eine Meinung zu allem, was in Katar passiert. Und auch zu den korrupten Fußballverbänden und den verkauften Weltmeisterschaften. Doch für mich soll der nur noch seinen Kasten sauber halten, wenn ihm schon für den scheinheiligen europäischen Protest der “OneLove”-Binde die Rückendeckung vom eigenen Verband entzogen wird.

Ich stehe da eher bei Jürgen Klopp, Trainer der Liverpooler und ebenfalls Kritiker der Vergabe an Katar und Russland 2012. Klopp sagt: “Lasst sie einfach die Spiele spielen – die Spieler und die Trainer.” Also Manu – komm danach einfach heim und baue dein Forsthaus in der Valepp fertig. Ob du nun den Pokal mitbringst, ist den meisten hier im Tal bei dieser WM reichlich egal.

SOCIAL MEDIA SEITEN

Anzeige
Aktuelles Kommentar

Diskutieren Sie mit uns
Melden Sie sich an und teilen Sie
Ihre Meinung.
Wählen Sie dazu unten den Button
„Kommentare anzeigen“ aus