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Ein Brauch und seine Geschichte

Osterfeuer soll vor Brand schützen

Von Martin Calsow

Es ist die Zeit der Osterfeuer. Wochenlang wird aufgestapelt. Neben dem Johannisfeuer im Juni ist jenes zu Ostern das bedeutendste. Denn Feuer hatte bei den Menschen zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung.

Aus der Reihe „Mythen und Sagen“ des Wiesseer Schriftstellers Martin Calsow:
Wer je erleben musste, wie sein Hab und Gut in Flammen aufging, wer sah, wie wenig zu retten war, verstand die Angst unserer Vorfahren vor dem alles verzehrenden Feuer. Schnelle Feuerwehren, gute Versicherungen und schnell hervorgezauberte Baupläne lassen uns heute manchmal die Urangst vor diesem Element vergessen.

Aber noch immer fasziniert es uns. Auch deswegen wussten Kirchenmänner, diese Gefühle für den eigenen Budenzauber zu vereinnahmen. So nimmt es nicht Wunder, dass wir am Ende der langen Fastenzeit zu Ostern ein großes Feuer entzünden. In ganz Europa brennen von Ostersamstag bis zum Ostermontag Holzstapel, mit leichten regionalen Unterschieden, was Termine und Hintergründe betrifft.

In Oberbayern gab es zum Beispiel lange Zeit die Tradition der Judasverbrennung. Die Burschenschaft stellte eine Holzfigur, die den Verräter Jesu symbolisieren sollte, auf die Stapelkrone. Zuweilen war es im Mittelalter in einigen Gegenden auch manchmal ein leibhaftiger Jude. Übergriffe gegen diese Gruppe waren über die Jahrhunderte alltäglich – dem Katholizismus wohnte schon immer ein Antisemitismus inne.

Wenn der Schamane kommt

Nach der Reformation kam ein neuer Feind hinzu. Jetzt verbrannten im Oberland auch einmal Strohfiguren, die Luther und seine Frau zeigen sollten. Lange Zeit ordneten die Menschen hier im Oberland dem Feuer eine Persönlichkeit zu. Man war überzeugt, das Feuer lebte und sprach dem Element höchste, reinigende Heilkraft zu. Und so nahm auch das Osterfeuer einen großen Rang im Leben der Bauern und einfachen Menschen ein. Der Winter war endgültig gebrochen. Das Vieh konnte bald auf die Almen.

Nicht verbrannte Holzstücke aus dem Osterfeuer legte man neben den Herd. Sie sollten den Brand im Haus verhindern und vor Blitzschlag bewahren. Holzfäller in Oberbayern verwendeten die schwarzen Holzstücke als Keil, den noch heute bekannten Donnerkeil (zuweilen auch als Schimpfwort…). Auch wenn in heutigen Zeiten der „heiße Abriss“ für einige Hausbesitzer eine sinnvolle Renovierungsform darstellt, nützt man das Feuer für weitaus weniger profane Dinge. Moderne Therapeuten, manche von ihnen bezeichnen sich als Schamanen, entzünden nach erfolgreichen Ehegesprächen im Garten der Familie ein Feuer.

Man stelle sich die Familie auf dem Grünstreifen hinterm Haus vor. Jeder wirft einen Scheit ins Feuer. Eine hennarotgefärbte Frau mittleren Alters beschwört mit raunender Stimme die Kraft des Feuers. Mit den Scheiten werden dann symbolisch der Ärger und die Wut verbrannt. Danach kehrt Friede und Liebe ins Haus zurück. Dieser Ärger kommt dann meist erst wieder, wenn der Schamane die Rechnung stellt.


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