Michail Sergejewitsch Gorbatschow ist tot: Das Tal nimmt Abschied von einem, der die Welt veränderte
Pfiat di Gorbi und Dangschee für ois

von Sabiene Hemkes

Am Dienstagabend ist nach langer und schwerer Krankheit Michail Sergejewitsch Gorbatschow in der Nähe von Moskau verstorben. Gorbi, wie der ehemalige russische Präsident von einer ganzen Generation liebevoll genannt wird, liebte den Tegernsee. Auch das Tal nimmt heute Abschied.

Michail Gorbatschow in Bad Wiessee.

Michail Sergejewitsch Gorbatschow verstarb laut Angaben der russischen Nachrichtenagentur TASS am Dienstagabend im zentralen klinischen Krankenhaus in Moskau. Das ehemalige Staatsoberhaupt der UDSSR und spätere russische Präsident litt schon seit vielen Jahren an diversen Erkrankungen. Diese verhinderten in den letzten Jahren auch seine von ihm sehr geliebten Urlaube am Tegernsee.

Der eher kleine unscheinbare Mann mit dem Hut fiel kaum jemanden auf, wenn er schon gebeugt und schwer auf seinen Stock gestützt an den Ufern des Tegernsees spazieren ging. Dabei war Michail Sergejewitsch Gorbatschow eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der Mann mit dem markanten Blutschwamm auf dem Kopf gilt als einer der Architekten der Deutschen Einheit. Doch sein Lebenswerk ist noch ungleich größer einzuschätzen.

Gorbatschow liebte die Ruhe am See und das Essen

Der Friedensnobelpreisträger (1990), der am 2. März in Priwolmoje als Sohn eines Mähdrescherfahrers und einer Bäuerin geboren wurde, veränderte den Lauf der Zeit, ohne dass auch nur ein Schuss fiel. Gorbatschow war es, der mit der Politik des Glasnost (‚Offenheit‘) und den wirtschaftlichen Reformen der Perestroika (‚Umbau‘) das vorübergehende Ende des Kalten Krieges einleitete. Der letzte Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und spätere Staatspräsident Russlands. Am 25. Dezember 1991 endete seine von Intrigen, Putschen und politischen Auseinandersetzungen geprägte Laufbahn mit der Auflösung der UDSSR. Die Welt war eine andere, als noch sechs Jahre zuvor.

Nach dem Tod seiner geliebten zweiten Frau Raissa im Jahr 1999, besuchte Gorbatschow mit seiner Familie immer wieder den Tegernsee. Dort erwarb seine Tochter Irina Virganskaya 2006 die Villa Hubertus Schlössl in Rottach. Zusammen mit seiner Tochter und den Enkelinnen Ksenia Gorbatschow und Anastasia Virganskaya genoss er sehr gern in seinen Lieblingsrestaurants rund um den Tegernsee, die von ihm so geliebte Fischsuppe. Überhaupt liebte der große Politiker Fisch und Meeresfrüchte über alles – besonders aus dem Tegernsee.

Rottacher Bürgermeister würdigt Michail Gorbartschow

Christian Köck, Bürgermeister der Gemeinde Rottach-Egern schätzt Gorbatschow als einen großen Staatsmann. Der Politiker habe bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt “eine Politik, die größere Transparenz und Offenheit gegenüber der russischen Bevölkerung bringen sollte” verfolgt. Außerdem habe Gorbatschow die Presse- und Meinungsfreiheit in der damaligen Sowjetunion gefördert. Auch die Wiedervereinigung und der “Sturz des damaligen SED-Regimes in der DDR” seien wohl undenkbar gewesen, ohne den damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Und auch über den Privatmensch Gorbatschow weiß Köck zu berichten:

Einige Male habe ich ihn beim Spazierengehen in Rottach-Egern getroffen. Er grüßte stets freundlich und wird mir persönlich in guter Erinnerung bleiben.

Im letzten Jahr, zum 90. Geburtstag Gorbatschows, erinnerte die Gemeinde Rottach-Egern im Bürgerboten an den prominenten Besucher aus Russland und seine Frau. (Bürgerbote/ Seite 9)

Ebenso unvergessen wie sein “Nichteingreifen beim Mauerfall 1989” wird sein weitsichtiger Blick auf die Zukunft der Menschheit in Erinnerung bleiben. Schon früh setzte er sich auch mit seiner Stiftung – Gorbachev Foundation – für friedliches, gerechtes und nachhaltiges Miteinander der Menschheit ein. Schon 1997 forderte der nun mit 91 Jahren verstorbene Staatsmann von den Vereinten Nationen die Gründung eines “ökologischen Sicherheitsrates”. Im selben Jahr zeichnete der Club of Rome mit dem “Preis für planetarisches Bewusstsein” aus.

“Es bräuchte mehr Gorbis auf dieser Welt”

In seinem 2003 erschienen Buch “Manifest für die Erde” formuliert Gorbatschow Grundsätze für einen umweltschonenden, nachhaltigen Lebensstil und fordert eine gerechte Verteilung der Ressourcen als Voraussetzung für einen globalen Frieden. Weit vor der Zeit. Wie auch Thomas Tomaschek, Grüner Gemeinderat aus Rottach-Egern erklärt. Der Grünenpolitiker schätzte neben allen anderen Leistungen des russischen Politikers besonders Gorbatschows Weitsicht, wie er in einem Statement zum Tod des im Westen sehr beliebten Politikers bekennt:

Gorbatschows Politik stand für Offenheit und Umgestaltung. Er war ein Visionär und beschäftigte sich schon in den 90er Jahren mit Ökologie und Völkerverständigung. Es bräuchte mehr „Gorbis“ auf dieser Welt, denn 30 Jahre später sind diese Themen leider aktueller denn je!

“Im freundschaftlichen Gedächtnis behalten”

Wir haben heute Morgen auch mit einem langjährigen und guten Freund von Gorbatschow sprechen können. Der in Rottach lebende Prof. Dr. Horst Teltschik, galt in der Ära Kohls als dessen engster Vertrauten und Berater. Teltschik spielte besonders in den Jahren 1989/90 – den Wendejahren, eine entscheidende Rolle in der deutschen Außenpolitik. In dieser Zeit entwickelte sich die, wie der Politiker und Wirtschaftsfachmann selbst sagt, freundschaftliche Beziehung zu Gorbatschow. Der Rottacher zeigt sich tief betroffen vom Tod seines Freundes, den er zuletzt vor drei Jahren in Moskau getroffen habe. “Damals war er schon sehr von seiner langen und schweren Krankheit gezeichnet”, berichtet Telschik und ergänzt:

Wir behalten ihn im freundschaftlichen Gedächtnis

Das ganze Gespräch mit Prof. Dr. Horst Teltschik über seinem Freund und den Politiker Michail Gorbatschow könnt ihr morgen in der Tegernseer Stimme lesen.


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