Fünf Angeklagte vor dem Landgericht München

Rocker-Attacke auf Rottacher Ehepaar

Von Klaus Wiendl

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wiegen schwer. Der Angeklagte Mario M. (34) soll drei seiner „Hells Angels“ – Freunde beauftragt haben, Unternehmer Axel H. (46) in seiner Rottacher Villa zu überfallen. Sie sollten Außenstände am Tegernsee eintreiben. Heute begann der Prozess.

Die Angeklagten mit ihren Verteidigern / Quelle: Klaus Wiendl

Die Zuschauerreihen im Saal B166 des Landgerichts waren dicht besetzt, als vier der Angeklagten vorgeführt wurden. Beim Fünften, dem 23-jährigen Kaufmann Sebastian L. (Name von der Redaktion geändert), wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt, da er nicht unmittelbar an dem Raubüberfall beteiligt war, so die Anklage. Denn Geschäftsmann K. soll dem Bauunternehmer Axel H. eine sechsstellige Summe geliehen, aber nie von dem Rottacher zurückbekommen haben. Dies sollte für den Kreditgeber K. am 12. Oktober 2018 Mario W. als Deutscher Meister im Vollkontakt-Karate „irgendwie regeln“. Dieser soll dann seine Rockerfreunde kontaktiert haben.

Mit Sturmhauben maskiert klingelten diese an H’s Haus in Rottach-Egern. Im Flur sollen die drei nach dem Versteck des Tresors gefragt und gedroht haben: „Ich stech dir ins Bein. Sag, wo der Tresor ist, wo ist das Geld“. Entsprechend bedrohlich müssen sie gewirkt haben, denn sie waren mit Teleskopschlagstock, Gaspistole und Messer bewaffnet, so die Anklage. Und das Trio machte ihre Drohungen offenbar wahr. Denn laut Ermittlungen verletzten sie Axel H. am Rücken und am Oberarm.

Dennoch soll der Rottacher, der auch Mitglied der Tegernseer Gebirgsschützen und im Tal gut vernetzt ist, unbeeindruckt geblieben sein. Das Inkasso-Team, Jermaine Francesco A. (29), Adar G. (23) und Christian S. (22) verließ den Tatort mit leeren Taschen. Laut elfseitiger Anklageschrift soll sich im Detail folgender Sachverhalt abgespielt haben.

„Gefälschte Prokura von Axel H.“

Im April 2018 soll der Angeklagte Sebastian L. auf Veranlassung von Axel H. einer Gesellschaft „in mehreren Abschlagszahlungen“ ein hohes Darlehen zur Verfügung gestellt haben. Laut Staatsanwaltschaft Maximilian Huprich verwendete Axel H. „hierfür eine gefälschte Prokura, was dem angeschuldigten Kreditgeber im weiteren Verlauf bekannt wurde“.

Daher wollte K. bereits einen Monat später sein Geld wieder zurückhaben. Dafür sei im Mai 2018 dann eine Forderungs- und Abtretungsvereinbarung geschlossen worden. Axel H. soll seinem Geldgeber erklärt haben, dass er „einen Geldbetrag über mehrere Millionen aus dem Ausland erwarte“, so die Anklage. Doch es kam kein Geld wie vereinbart. „Das Zahlungsziel wurde durch mehrere Zusatzvereinbarungen immer wieder nach hinten verschoben“. Zuletzt sei die „Rückzahlung des Darlehensbetrages am 8. Oktober 2018 fällig geworden“. Doch Kreditgeber K. wurde zwischenzeitlich die „Vermögenslosigkeit“ von Axel H. bekannt und „dessen diversen Gläubigern bewusst, dass er seinen Anspruch auf Rückzahlung nicht erfolgversprechend vor den Zivilgerichten würde durchsetzen können“, so die Anklageschrift.

Da K. nun keinen „legalen Weg“ sah, sein Geld zurückzubekommen, bat er laut Anklage noch im Oktober Mario W. in einer Ingolstädter Bar, ihm bei der „Lösung des Problems“ zu helfen. Der Karatesportler schien aufgrund seiner „Verbindungen zur Rockerszene in Ingolstadt“ geeignet, „die Geldforderung notfalls auch gewaltsam einzutreiben“. Laut Ermittlungen sei nicht ausschließbar, dass Mario W. „kein konkreter Plan erteilt wurde, wie dieser die Geldforderung eintreiben solle“. Kaufmann K. soll geäußert haben, „es sei ihm scheißegal“, wie er an sein Geld komme.

„Mit Waffengewalt Geld abpressen“

Beide vereinbarten, so die Anklage, dass Mario W. für das Eintreiben der Schulden „finanzielle Zuwendungen“ in Form eines Sponsorings bekomme. Da W. „als professioneller Mixed Marial Arts Kampfsportler regelmäßig Preiskämpfe ausgetragen hatte“. Für den Betrieb seines Kampfsportstudios fehlten ihm für den Umbau der angemieteten Räume jedoch 10.000 Euro. Man wurde sich offensichtlich schnell einig. „Mario W. beauftragte“ seinen Sportsfreund Cristian S., das Haus des Unternehmers in Rottach-Egern “aufzusuchen und von unter Androhung und notfalls auch Anwendung von Waffengewalt die Übergabe von Bargeld und Wertgegenständen abzupressen“.

Sebastian L. soll den Mitangeklagten Mario W. informiert haben, dass Axel H. „eine größere Geldsumme erwarte“ und in seiner Villa sich Wertgegenstände „wie beispielsweise Schmuck“ befinden würden, die laut Anklage „zur Tilgung der Forderung verwendet werden könnten“. Ein entsprechender Geldbetrag sei im Tresor von Axel H., die „Preisgabe des Zahlencodes solle durch die Beteiligten“ Jermaine A., Adar G. und Christian S. „gewaltsam erpresst werden“.

Kampfsportler Mario W. mit seinen Verteidigern / Quelle: Klaus Wiendl

Am 12. Oktober wurde aus dem Plan Realität. Mit „Schreckschuss-, Reizstoff und Signalpistole, Schlagstock, Hammer und einem Klappmesser machte sich das Trio auf den Weg ins Tegernseer Tal. Vorsichtshalber wurden die Handys ausgeschaltet, um eine „Tatbeteiligung zu verschleiern“. Verschleiert war auch ihr Gesicht. Dazu nutzten die Drei Sturmhauben. Kurz nach Mitternacht klingelten sie bei Axel H. Dieser machte „nichtsahnend auf“ und wurde von den Angeklagten „in den Eingangsbereich gedrängt, seine Frau befand sich im Obergeschoß“. Axel H. wurde mit der Pistole auf den Kopf gezielt und aufgefordert, „sich hinzulegen“.

Er wurde laut Anklage „mehrfach aufgefordert“, dem Trio den Tresor und die Wertgegenstände preiszugeben. Doch Axel H. leugnete, „bewusst wahrheitswidrig“, trotz aller „Bemühungen“ des Inkassoteams „weiterhin die Existenz eines Tresors“. Auch weder „größere Bargeldbeträge“ noch Schmuck waren bei Axel H. aufzufinden. Doch bei dem „Damengeldbeutel“ der Ehefrau, die inzwischen über den Balkon geflüchtet war und die Nachbarn verständigte, wurden sie fündig. Nur „80 Euro“ betrug ihre ganze Beute. Der Prozess wurde am heutigen ersten Verhandlungstag wegen einer Formsache auf nächste Woche vertagt. Fortsetzung folgt.


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