TS-Interview mit Dr. Steffen Herdtle, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme

So rüstet sich das Krankenhaus Agatharied

Heute Mittag hat Bayerns Ministerpräsident eine Ausgangsbeschränkung für den Freistaat verhängt. Der Grund: Die Zahl der Infizierten steigt weiter dramatisch an. Wir haben jetzt mit dem Chefarzt der Zentralen Notaufnahme im Krankenhaus Agatharied über die aktuelle Lage im Landkreis Miesbach gesprochen. Sind wir ausreichend gerüstet?

Dr. Steffen Herdtle, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme, im TS-Interview. / Quelle: KH Agatharied

Die Lage in Deutschland, insbesondere auch in Bayern spitzt sich weiter zu. Vor allem in den vergangenen Tagen konnte man beobachten, wie sich viele Menschen an die bisher getroffenen Maßnahmen nicht halten. Die Staatsregierung hat nun Konsequenzen für unser Land gezogen und heute Mittag eine Ausgangsbeschränkung für den Freistaat verhängt.

Innerhalb dieser Entwicklung stellt sich natürlich die Frage: Wie ist unser Landkreis gerüstet? Wie ist die aktuelle Lage im Krankenhaus Agatharied? Wir haben deshalb mit Dr. Steffen Herdtle, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme, gesprochen und um seine Einschätzung gebeten.

Herr Dr. Herdtle, wie schätzen Sie als Experte die Lage hier im Landkreis Miesbach ein im Vergleich zu anderen Regionen?

Dr. Steffen Herdtle: Im Krankenhaus Agatharied wurde bereits im Februar ein Krisenstab einberufen, um vorbereitende Maßnahmen im Krankenhaus optimal koordinieren zu können. Darüber hinaus besteht bereits seit Wochen eine enge Abstimmung mit Landratsamt und Gesundheitsamt des Landkreises. Wir sind sehr froh und dankbar über die hohe fachliche Kompetenz, den intensiven Austausch und das unermüdliche Engagement.

Eine Aussage über die Vorbereitungen und deren Qualität in anderen Regionen zu treffen, steht uns nicht zu. Wie sich die Patientenanzahl hier im Landkreis entwickeln wird kann nur erahnt werden. Wir hoffen nicht, dass die Erfahrungen unserer Nachbarländer auch uns treffen werden.

Wie viele Corona-Patienten wurden bereits im Krankenhaus Agatharied behandelt?

Herdtle: 

Aktuell haben wir bereits 6 Patienten helfen können. Keinen Patienten mussten intensivmedizinisch betreut werden.

Wie viele Corona-Patienten können Ihrer Einschätzung nach im Krankenhaus Agatharied maximal gleichzeitig behandelt werden? Ab wann wäre die Grenze erreicht?

Herdtle: Das Krankenhaus Agatharied verfügt regulär über 350 Betten. Die Frage, wie viele CoViD-19-Patienten gleichzeitig behandelt werden können, ist so nicht zu beantworten. Das hängt insbesondere davon ab, wie viele nicht-infizierte Patienten zur gleichen Zeit einer dringenden stationären Behandlung bedürfen und wie intensiv diese Patienten behandelt werden müssen. Die entscheidende Komponente ist das zur Verfügung stehende Personal und Material.

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten derzeit einen einzigartigen Beitrag in der Vorbereitung, oft über ihre eigentliche Arbeitszeit hinaus. Wir sind davon überzeugt, dass wir als Krankenhaus Agatharied, gemeinsam mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, sowie dem Rettungsdienst die gesundheitliche Versorgung im Landkreis Miesbach aufrechterhalten können.

Die Bürgerinnen und Bürger können uns hierbei mithelfen, in dem sie dem Rat unserer Regierung Folge leisten. Damit schaffen wir es gemeinsam, unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Bitte denken Sie an uns!

Die Mitarbeiter des Krankenhauses Agatharied mit einem Appell an die Bevölkerung.

Wie viele Menschen kommen derzeit pro Tag in die Notaufnahme mit dem Verdacht, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben?
Herdtle: Bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus sollten sich Patienten prinzipiell telefonisch bei ihrem Hausarzt melden. Dies funktioniert mittlerweile sehr gut. Wir haben eine sehr enge Abstimmung und eine hervorragende Kooperation mit unseren Hausärzten im Landkreis.

In unserer Notaufnahme im Krankenhaus erschienen in den letzten Tagen überwiegend COVID-19 positive Patienten, bei denen die Schwere der Erkrankung eine stationäre Aufnahme notwendig macht. Natürlich stellen sich auch besorgte Bürger vor, welche um Rat bitten, die einen Abstrich haben wollen (welchen wir nur bei stationären Patienten anbieten) oder auf ihrer Suche nach medizinischer Versorgung den Weg in die Notaufnahme gefunden haben, obwohl dies hätte der Hausarzt versorgen können.

Wir bitten alle Bürgerinnen und Bürger, ihre Hausärzte als primäre Ansprechpartner für Abklärungsfragen zu nutzen und nur im Notfall die Notaufnahme aufzusuchen! Auf der Website der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung finden Sie das empfohlene Vorgehen.

Welche konkreten Maßnahmen werden im Krankenhaus Agatharied getroffen?

Herdtle: Das Krankenhaus Agatharied ist für den Fall der Fälle vorbereitet. Patienten, die zwar die typischen Krankheitszeichen zeigen, aber bei denen noch nicht bekannt ist, ob sie mit dem neuen Erreger infiziert sind, werden auf einer getrennten Abklärungsstation unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen behandelt. Patienten, bei denen das Virus bereits bestätigt ist, werden auf einer ebenfalls getrennten Station behandelt. Und die restlichen Stationen sind den Patienten vorbehalten, die keine Symptome der CoViD-19-Krankheit zeigen.

Damit Patienten und Personal im Krankenhaus geschützt werden können, wurden weitere drastische Maßnahmen ergriffen. Das vom Freistaat Bayern verhängte Besuchsverbot wird nun konsequent durchgesetzt. Besuche sind nur noch in bestimmten Ausnahmefällen zulässig, z.B. für Väter, die Mutter und neugeborenes Kind besuchen wollen sowie für Angehörige sterbender Patienten. Ein Patient darf nur noch jeweils einen Besucher für maximal eine Stunde am Tag empfangen.

Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sowie alle Besucher mit Atemwegsinfekten müssen draußen bleiben. Um den Mitarbeitern des Krankenhauses ausufernde Diskussionen mit uneinsichtigen Besuchern zu ersparen, erfolgt der Zugang zum Krankenhaus nun ausschließlich über Schleusen, die entsprechend ausgeschildert und mit Sicherheitspersonal besetzt sind. In diesen Schleusen erfolgt ein kurzes Screening.

Der Zugang zum Krakenhaus Agatharied erfolgt über Schleusen.

Wie bereitet man sich konkret auf die Versorgung der steigenden Corona-Infizierten im Landkreis vor?

Herdtle: Damit bei der Versorgung im Krankenhaus eine stringente Trennung von COVID-19 Patienten und nicht-infizierten durchgehalten werden kann, wurde die Kapazität des Krankenhauses zurückgefahren; verschiebbare Behandlungen wurden abgesagt und es werden nur noch Patienten aufgenommen, die dringend stationär versorgt werden müssen.

Sowohl ärztliche als auch pflegerische Mitarbeiter werden in Mitarbeiterpools organisiert und geschult, um einen interdisziplinären Einsatz zu ermöglichen. Verwaltungsmitarbeiter arbeiten soweit wie möglich im Homeoffice oder helfen bei der Organisation in der Patientenführung mit.

Wie viele nicht dringende Eingriffe wurden bereits verschoben, um Betten für Corona-Patienten frei zu machen?

Herdtle: Eine Aufzeichnung hierzu findet nicht statt. Es handelt sich aber um eine große Anzahl an Patienten.

Hat das Krankenhaus Agatharied auch einen Mangel an Desinfektionsmittel, Schutzmasken und anderen Schutzvorkehrungen zu beklagen gehabt?

Herdtle: Derzeit verfügt das Krankenhaus über ausreichend Schutzausrüstung, um nach den Vorgaben des Robert-Koch-Institutes zu handeln. Bis dato gibt es zwar Verzögerungen bei den Lieferungen, noch ist aber keine Lücke absehbar.

Wie viele Atemgeräte stehen dem Krankenhaus Agatharied derzeit zur Verfügung? Kann es diesbezüglich bei der Versorgung der Patienten Probleme geben?

Herdtle: 

Standardmäßig sind alle 14 Intensivbetten für eine maschinelle Beatmung vorbereitet. Darüber hinaus reduzieren sich im Moment die Anzahl der Operationen, sodass auch hier zusätzliche Beatmungsgeräte frei werden. Das Krankenhaus Agatharied stockt seine Beatmungsmöglichkeiten derzeit auf die doppelte Kapazität auf.

Ob es am Ende trotzdem zu Engpässen kommen kann, hängt einzig von der Nachfrage nach Beatmungsbetten ab. Deshalb ist es auch so wichtig, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Nochmal: Bleiben Sie zu Hause.

Was denken Sie, auf was wir uns als Landkreis-Bürger einstellen sollten?

Herdtle: Wir haben leider keine Antwort darauf, auf welche Entwicklung wir uns alle gefasst machen müssen. Wir können nur ebenfalls an die Bevölkerung appellieren, zum eigenen Schutz, zum Schutz geschwächter Mitbürgerinnen und Mitbürger und zum Schutz derer, die für die Gesundheit aller momentan im Dienst sind, die Auflagen der Allgemeinverfügung der Staatsregierung zu befolgen.

Vielen Dank für das Gespräch und das große Engagement aller Mitarbeiter im Krankenhaus Agathried. Die TS sagt DANKE!

Anzeige | | Hier können Sie werben

Aktuelle Jobangebote aus der Region

Seit dem 25. Mai 2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Wir haben unsere Seite und das Kommentarsystem technisch umgestellt und so DSGVO-konform gemacht.

Das bedeutet für die Kommentarfunktion, dass man sich zum Kommentieren bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden muss. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Das Lesen der Kommentare ist selbstverständlich weiterhin möglich. Sie müssen nur auf den unten stehenden Button "Kommentare anzeigen" klicken.

Nettiquette

Tegernseerstimme

Tegernseerstimme