Tragen aktuell Staatsfeinde Cord statt Turban?

von Martin Calsow

Bei der Razzia am Mittwochmorgen wurde nicht ISIS, nicht Al Qaida, nicht die Klima-Kriminellen von Andi Scheuer festgenommen. Es waren brave Bürger aus unserem Landkreis. Wie kommt das? Ein Kommentar.

Bei der deutschlandweiten Durchsuchungsaktion gab es auch eine Razzia in Gmund. / Quelle: dpa/Boris Roessler

Ein Kommentar von Martin Calsow:

Zum ersten Mal tauchten die schrillen Stimmen bei uns im Tal in der Flüchtlingskrise um 2015/16 auf. Wir bekamen irre Kommentare einiger weniger Leser zugeschickt, die ein Mindestmaß an Demokratieverständnis vermissen ließen. Dann die Pandemie: Wieder raunten einige wenige von Umsturz und Widerstand gegen den Staat, uns wurde gedroht.

Sprach man mit Vertretern der Sicherheitsbehörden unter vier Augen, war der Tegernsee und der Landkreis immer häufiger im Fokus der Beobachtungen. Das wohlsituierte Bürgertum im Tegernseer Tal, aufgeklärt und gebildet, Teil einer Putschzelle? Wie geht das zusammen? Was sind das für Leute, die hier im Tal den Umsturz im Kopf haben? 

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Ermittler der bayerischen Polizei durchsuchten am Mittwochmorgen zwei Objekte am Tegernsee. Zwei Personen aus dem Landkreis Miesbach sollen festgenommen worden sein, darunter ein Tal-bekannter Gastronom. Nicht ISIS, nicht Al Qaida, nicht die Klima-Kriminellen von Andi Scheuer, es sind brave Bürger aus unserem Landkreis. Warum?

Irgendwas geht immer unter

Erstens: In Deutschland mag man die Endzeitstimmung. Irgendetwas geht immer unter. Mal sind es die Jungen, die sich theatralisch-narzisstisch “Last generation” nennen. Mal sind es Menschen im letzten Lebensdrittel, die “ihr Land”, “das Abendland”, Deutschland eben, untergehen sehen. Da wird geunkt, geraunt und der müde (alte) Kopf wird geschüttelt, ob der schlimmen Veränderungen, die man nicht aufhalten kann.

Schwierig wird es, wenn aus der “german angst” der deutsche Putsch wird, wenn rotweintröpfchenartig dem Widerstand gegen “diedaoben” das Wort geredet wird. Der kommende Aufstand aus dem Bürgertum schlägt selbst international Wellen. Aber da muss man entspannt bleiben. Deutschland und Putsch – das ist eine zu gute Story. 

Aber immer wieder sind es verdiente und gut verdienende „Stützen der Gesellschaft“, die den feuchten Revoluzzertraum träumen. Im Oktober will eine 75-Jährige den Gesundheitsminister entführen, jetzt will sich Heinrich XIII. Prinz Reuss, 71, zum König krönen lassen. Vorher sollen Ex-Soldaten und Polizisten ihm den Weg freischießen und putschen.

Zweitens: Extreme Rhetorik gehört in den feinen Kreisen des Tals zuweilen sehr wohl zum Standard abendlicher Dinner-Veranstaltungen bei Silberbesteck und Meissner Porzellan. Da wird rudimentäres Viertel-Wissen aus Telegram-Höllen weitergeleitet, fade Memes mit Mühe und Lesebrille am Tisch bei Rotwein und Sollacher-Essen präsentiert. Das alles kommentiert mit einem zynischen Grinsen. 

Drittens: Über allem schwebt die Angst vor dem Boandlkramer-Besuch. Die persönliche Angst vor dem Ende – sie wird gern in vermögenden Kreisen auf die Gesamtlage projiziert. Ich bin bald weg, also muss das auch für mein Land gelten. Das individuell erlebte Vergehen wird mit der Entwicklung des eigenen Landes gleichgesetzt. 

Viertens: Hinzu kommt die Angst, dass das mühsam erworbene Vermögen bald von der Staatskrake genommen wird, die es für Gendertoiletten und Bevölkerungsaustausch verschwendet. Und schon wird aus Geraune eine Paranoia im Paradies.

Irre? Alter schützt vor Torheit nicht. Die Wut, dass nun jüngere Menschen eine andere Vorstellung von ihrer Zukunft haben, dass sich unser Land eben in vielen Bereichen ändert und die Zeit der kuscheligen alten Dalli-Dalli-BRD vorbei ist, will der halstuchtragende Landhausbesitzer am See nicht akzeptieren. Befeuert wird das Denken dieser Menschen von den ortsüblichen Rechtsextremen, die aus Impftrotz, Fremdenfurcht und Kriegsangst die richtige Rezeptur für manchen renitenten Rentner kreieren. Es ist kein Zufall, dass eine Akteurin des Schmalspur-Putsches eine Ex-AfD-Bundestagsabgeordnete ist. 

Der Rauch dieser Riesen-Razzia wird sich legen. Dann werden wir hoffentlich wissen, ob vermögende Nörgler am See den Putsch nur träumen oder vielleicht aktiv finanzieren, ob eine Innenministerin eine Show-Razzia gegen verwirrte Rentner inszenierte oder ob hier wirklich eine echte Gefährdungslage vorlag.  

Wie geht es in unserem Landkreis weiter?

Die Querverbindungen aus lokalen Querdenkern, Reichsbürgern und AfD-Funktionären müssen offengelegt werden. Was hat die örtliche Politik seit dem ersten Aufkommen dieser Reichsbürger-Truppe in die Wege geleitet? In der Pandemie beschrieben Politiker wie Landrat Olaf von Löwis und Bundestagsabgeordneter Alexander Radwan zum Teil extrem befremdliche Kontakte mit Querdenkern und vermuteten Reichsbürgern.

“Die könne man kaum mehr erreichen”, so berichteten sie. Was hilft also gegen eine aktuell um sich greifende Staatsfeindlichkeit? Wenn sich Bürgermeister wie Robert Kühn pastoral dazu bei Instagram äußern, ist das wohlfeil. Es hat aber keinen nennenswerten Mehrwert, außer dem deutschtypischen Wunsch nach “Zeichen setzen”. 

Terrorismus versiegt, wenn er ständig mit rechtsstaatlichen Mitteln unter Druck gesetzt wird. Die Truppe um den Wirr-Prinzen und seinen Freunden vom See ist nach allem, was man jetzt weiß, keine Rentner-RAF. Sie geben mit ihrer ausdrücklichen Ablehnung unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung Anlass zur Sorge. 

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