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Wenn aus einer Hütte ein Anwesen wird - mitten im Bergwald

Und wieder fressen sie sich in die Natur

Von Martin Calsow

Manchmal – in der Nacht – kann man das Licht noch von der anderen Seeseite sehen. Ein großer, heller Fleck inmitten der Dunkelheit am Westufer, nicht weit von der Holzeralm entfernt. Hier soll sich ein reicher Unternehmer aus München eine Hütte ausgebaut haben. Ausgebaut trifft es nicht ganz: Er hat sie in ein Anwesen umgewandelt – mit allem Schnippischnappi.

Ein großer Lichtfleck am Westufer, nicht weit von der Holzeralm entfernt …weil er es eben kann.

Im September letzten Jahres nimmt die Tegernseer Stimme einen Hintergrund-Termin mit dem Förster Hans Feist wahr. Wir treffen uns im Wiesseer Wald, wenige hundert Meter von der Holzeralm entfernt. Während mir der Förster den Wildverbiss an Setzlingen erklärt, rumpelt eine Limousine an uns vorbei, hält am Weg zu einer Jagdhütte auf der rechten Seite.

Edel und teuer – hoch oben im Bergwald

Neues Kupferdach, Photovoltaik, Panoramafenster wie auf dem Berghof. Vor dem Haus hat man sich eine große Holzterrasse genehmigt. Liegestühle laden ein, den Blick hinunter auf den See zu genießen. Denn hier ist eine Schneise in den Wald getrieben worden. Am äußersten Rand der Terrasse steht ein großer, beheizbarer Wasserzuber, in dem man sich nach der langen Fahrt aus der Stadt erholen kann.

Aber der eigentliche Brüller ist die Einrichtung: Von schlichter Hütte keine Spur, so ein Besucher anerkennend. Auf zwei Etagen sollen sich Räume mit schicken Doppelbetten verteilen, Kachelöfen, wertige Küchenelemente – kurz eine mondäne Ferienwohnung auf 1.000 Höhenmetern. Man gönnt sich ja sonst nichts. Gerade in der Pandemiezeit musste das Geld irgendwie untergegraben werden. Aber ausgerechnet in einem Bergwald, weit ab von jeglicher Bebauung?

Kein Einzelfall: Zwei Täler weiter hat sich Franz Josef Haslberger schon sein eigenes Reich mit Anwesen, Zäunen und Hirschbetreuung einrichten dürfen. Scheint sich unter der Ägide des neuen Bürgermeisters Robert Kühn das große Geld immer mehr im absoluten Außenbereich ausbreiten zu dürfen? Ist das gelebte Sozialdemokratie? Wir fragten im September 2021 nach, erhielten nur ein müdes “Der darf das”. Dann Stille.

Jetzt, im Winter, kamen Klagen von Wanderern. Sie störten sich an vier, fünf Großlimousinen, die dort oben parkten. Andere berichteten von Feiern. Der Lärm soll noch unten im Tal zu hören gewesen sein.

Was sagen die Aufsichtsbehörden?

Wir fragen beim Landratsamt in Miesbach nach, lassen dem Landrat Fotos vom Anwesen vorlegen. Der zeigt sich negativ überrascht. Und siehe da: Olaf von Löwis lässt sofort die Bauaufsicht prüfen, ob es da oben mit rechten Dingen zugeht. “Da es sich um ein Gebäude im Außenbereich handelt, gelten zum Schutz der Natur bekanntermaßen strenge Regeln”, so das Amt.

Zur Autofrage verweist man zurück an die Gemeinde: Pressesprecherin Sophie Stadler: “Ich vermute, dass es sich um einen öffentlichen Feld- und Waldweg im Gemeindebesitz handelt, der nur beschränkt befahren werden darf, und vermutlich darf der Eigentümer der Hütte zu seinem Eigentum fahren, aber das könnten Sie besser bei der Gemeinde in Erfahrung bringen.”

Was sagt die Gemeinde zum neuen Rückzugsort mitten im Bergwald?

Natürlich haben wir auch in Bad Wiessee beim Bürgermeister nachgefragt. Aber bislang hüllt man sich dort noch in Schweigen. Man habe viel zu tun. Es wirkt, als wolle Kühn das reiche Klientel nicht verschrecken, ist ja ähnlich scheu wie das Wild, was da oben um die Hütte vom Lärm der Autos verscheucht wird.

Mit Postwurfsendungen auf Hüttenjagd

Was passiert da in unseren Wäldern gerade? Während der Pandemie haben viele Betuchte den Erholungswert der eigenen Heimat für sich wiederentdeckt. Zeitgleich musste das Geld angelegt werden. Was liegt näher, als sich eine schön abgelegene Hütte irgendwo im Voralpenland zu kaufen? Denn da gibt es Angebote. Altbesitzer haben keine Lust auf Renovierung. Da kommen eifrige Makler aus dem Tal ins Spiel. Sie spüren den Nachfragedruck, gehen sogar so weit, Postwurfsendungen mit absurden Bitten zu verteilen.

Nun will der betuchte Hütten-Neubesitzer da oben ja nicht einfach nur sitzen und schweigen. Er macht Party. Natur ist nur Kulisse für die Instagram-Postings. Und natürlich spielt auch die Statusgier eine Rolle. Ein Haus auf Malle kann jeder haben. Aber weit oben im Bergwald, da wo einem keiner reinquatscht, ein Anwesen mit allen Annehmlichkeiten zu haben. Das zählt in diesen Kreisen.

Doch das geht eben nur, wenn eine Politik vor Ort die Augen verschließt, wenn sie dem Treiben nicht nur tatenlos zusieht, sondern wie im Fall Haslberger Shuttle-Services im Bergwald ausdrücklich gutheißt. Klar, lieber einen Kleinbus durch die Nacht rumpeln lassen, als besoffene Partypeople hinablaufen zu lassen. Das ist die verquere Logik der Gemeinde, aber auch der Unteren Naturschutzbehörde. So wird dann auch der Besitzer der Hütte unterhalb der Holzeralm auf diese Sichtweise pochen.


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