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Update zur Situation im Krankenhaus Agatharied

„Unser Personal zerbricht daran“

Von Sabiene Hemkes

Die Inzidenz im Landkreis Miesbach liegt bei 684 und auch bayernweit steigt der Wert weiter an. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Belegungszahlen in den Krankenhäusern der Region. Immer mehr ungeimpfte, aber auch zunehmend vollständig Geimpfte müssen in Agatharied stationär behandelt werden. Bettenkapazität und Mitarbeiter sind am Limit. Was aber bedeutet das?

Update aus dem Krankenhaus – Mitarbeiter und Bettenkapazität befinden sich am absoluten Limit

Schon vor zehn Tagen gingen die Verantwortlichen des Krankenhauses in Agatharied an die Presse. Damals sprachen sie erstmals von der „dunkelroten Ampel“ für das Krankenhaus. Die Situation hat sich nicht verbessert – ganz im Gegenteil. Auch das Landratsamt hat im gestrigen Update auf die sich zuspitzende Corona-Lage im Landkreis eindrücklich hingewiesen.

Jetzt wendet sich der Krisenstab des Krankenhauses erneut mit einem Update zur aktuell angespannten Situation für Patienten, Pfleger und Ärzte, aber auch zur Herausforderung an die Krankenhauslogistik an die Öffentlichkeit. Thema ist unter anderem die zunehmende Zahl der geimpften Patienten, die stationär in Agatharied behandelt werden. Die steigende Hospitalisierungsrate unter den Geimpften hat in den vergangenen Tagen vermehrt zu Spekulationen über die Wirksamkeit der Impfungen geführt. Krankenhaus-Vorstand Michael Kelbel bezieht auch zu dieser Thematik im Update klar Stellung.

„Unser Personal zerbricht daran“

Das Krankenhaus Agatharied, wie auch die umliegenden Kliniken in der Region, verzeichnen aktuell eine Bettenauslastung „am absoluten Rande der Kapazitäten“, so Vorstand Kelbel. „Die Erkältungs- und Grippezeit hat schon begonnen, dazu beschert uns das gute Wanderwetter viele unfallchirurgische Patienten.“ Kelbel macht weiter deutlich, dass in Agatharied, wo man auf diese Patientenklientel ausgerichtet sei, im dritten Coronawinter die zusätzliche Belastung durch die Pandemie einfach kaum noch zu stemmen sei:

Unser Personal zerbricht daran, unsere Bettenkapazitäten platzen aus allen Nähten. Was uns gerade am meisten beunruhigt, ist, dass wir durch diese Situation, die medizinische Qualität, die wir für uns beanspruchen, als bedroht sehen und, dass vorerst keine Erleichterung in Sicht ist.

Der Vorstand des Krankenhauses verweist in seinem Statement auf das Intensivregister DIVI und die dort dokumentierte ansteigende Zahl der Covid-Patienten. In Agatharied sei inzwischen die Hälfte der Intensivstation mit Covid-Patienten belegt. Das allein beschränke schon jetzt die Handlungsfähigkeit des Krankenhauses massiv, macht Kelbel deutlich: „Operative Eingriffe, die nach der Operation einen Beatmungsplatz erfordern, konkurrieren mit Notfallpatienten, die einen Platz auf der Intensivstation benötigen.“

Nur Notfallpatienten finden Einlass

Wie schon bei den „Corona Wellen 1-3“ können auch aktuell wieder nur Patienten aufgenommen werden, „deren Behandlung dringend ist und keinen weiteren Aufschub duldet“, ergänzt Pflegedirektor Sven Steppat. Er beschreibt die ebenfalls angespannte Lage auf den Normalstationen in Agatharied so:

Zum Wochenende haben wir die zweite Station als Covid-Bereich definieren müssen – Platz, der dann zwar für Corona-Patienten genutzt werden kann, aber an anderen, nicht minder wichtigen Stellen fehlt. Durch eine Reduzierung von Ein- und Zweibett-Zimmern schaffen wir zwar kurzfristig etwas Platz, aber auch gleichzeitig weitere Last auf den Schultern der Pflegekräfte und Ärzte

Auch sei das Personal in Agatharied weder vor der Grippe noch vor Covid gefeit. Der Krankenstand in der Belegschaft erschwere die Lage zusätzlich, ergänzt Vorstand Kelbel. So sei der Betrieb der Betten derzeit „ein Drahtseilakt wie nie zuvor“. Es müsse immer genau abgewägt werden, ob der Betrieb eines dringend benötigten Krankenhausbettes auch für die erschöpfte Belegschaft zu realisieren sei.

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Patientenversorgung leisten gerade Übermenschliches. Nur durch ihren unermüdlichen Einsatz und Teamgeist können wir die Krankenhausversorgung im Landkreis noch aufrechterhalten. Wir alle sind gerade auf ihr Durchhalten angewiesen. Und es wird ja erst einmal nicht besser werden.

Kelbel betont zudem, dass es in der derzeit schon sehr angespannten Situation auch darauf ankomme, das Personal „nicht vollends zu überlasten“, um die noch bevorstehenden Herausforderungen meistern zu können.

Zahl der geimpften Patienten steigt

Einigkeit bestehe im Krisenstab darüber, dass es vorerst keine Entwarnung gebe. Bei der letzten schweren Welle im vergangenen Winter sei es durch den Lockdown noch zu einem schnellen Absinken der Zahlen gekommen. Doch aktuell erwarte der Krisenstab tendenziell einen weiteren Anstieg der Belegungszahlen. Mit Sorge beobachte man auch im Agatherieder Krankenhaus den zunehmenden Anteil der geimpften Covid-Patienten, die eine stationäre Versorgung benötigen.

Die steigende Hospitalisierungsrate der Geimpften begründet Kelbel damit, dass „in den Krankenhäusern grundsätzlich nur kranke und behandlungsbedürftige Patienten zu finden seien“. Auch seien darunter viele Menschen hohen Alters oder mit vielen Vorerkrankungen, was sich ebenfalls auf eine schlechtere Impfreaktion und folglich geschwächte Abwehrlage auswirken kann.

Laut Kelbel sei die Situation, dass im Krankenhaus nun vermehrt Covid-Patienten vorstellig würden, die eigentlich über einen Impfschutz verfügen, allerdings nicht gleichbedeutend mit der Aussage, dass die Impfung keinen Schutz biete. Schließlich beziehe sich die Quote der Impfdurchbrecher nicht auf die Zahl der Erkrankten, sondern auf die Gesamtzahl der Geimpften.

Kein 100-prozentiger Schutz

Was Knebel in diesem Zusammenhang als „wichtigen Aspekt“ hervorhebt, seien von den laut RKI bisher 55,4 Millionen vollständig Geimpften (zweimalige Impfung mit BioNTech, Moderna, AstraZeneca oder einmalig mit Johnson&Johnson Impfstoff) in Deutschland derzeit (Stand 28.10.2021, Wochenbericht RKI) rund 118.000 Impfdurchbrüche dokumentiert:

Diese Zahl beinhaltet alle Personen, die trotz Impfung positiv getestet wurden – sowohl um Zufallsbefunde, um leichte Erkrankungen, als auch um solche Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Bezogen auf die bis heute in Deutschland geimpften Bürgerinnen und Bürger bedeutet dies eine Quote von lediglich 0,22 Prozent.

Ganz entschieden stellt sich der Vorstand des Krankenhauses in Agatharied jedoch der Annahme entgegen, dass die Impfstoffe keine Wirkung haben würden, weil ein nicht geringer Teil der behandelten Corona-Patienten, der in den Krankenhäusern liege, bereits geimpft sei. Knebel macht deutlich: „Vielmehr bestätigt diese Zahl lediglich, was von Anfang an feststand, nämlich, dass die Impfstoffe gegen das Coronavirus, wie auch bei bekannten Impfstoffen gegen andere Erkrankungen zu beobachten, keinen 100-prozentigen Schutz leisten können.“

Aktuelle Situation spricht für Auffrischungsimpfung

Der Krankenhaus Vorstand verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Wirksamkeit von vielen, auch individuellen Faktoren abhinge und zudem im Laufe der Zeit nachlasse. Dieser Effekt sei auch bei anderen Schutzimpfungen wie zum Beispiel der Zeckenschutzimpfung zu beobachten. Deren Wirksamkeit würde sich auch erst ab der dritten Verabreichung vollständig entfalten und müsse regelmäßig aufgefrischt werden. Zum Abschluss sendet Klinikvorstand Kelbel einen eindringlichen Appell an die Bürger im Landkreis:

Auch uns schockiert, dass wir jetzt in den Krankenhäusern zunehmend Covid-Patienten sehen, die eigentlich über einen Impfschutz verfügen sollten, doch darf uns das nicht verwundern und es darf uns erst recht nicht an der Sinnhaftigkeit der Impfung zweifeln lassen – im Gegenteil: das spricht alles für eine schnelle Auffrischimpfung!


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