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Die Fastenpredigt von Nico Schifferer im Tegernseer Bräustüberl

„Verstehen wir all jene, die nicht so denken wie wir“

Von Nicole Kleim

Ist der Zapfhahn nicht weit, darf auch der Schenkelklopfer nicht fehlen. Wenn Fastenprediger Nico Schifferer in bayerischer Manier drauflos schwadroniert und nölt – so wie gestern im Tegernseer Bräustüberl – ist der Ernst der Lage schnell erkannt: Sie ist hoffnungslos, wenn man ins Schwarze trifft.

Fastenprediger Nico Schifferer alias Bruder Barnabas gestern Abend auf dem Weg zur Kanzel im Tegernseer Bräustüberl.

Zum zehnten Mal warf sich Nico Schifferer gestern die Robe des Bruder Barnabas über. Beim traditionellen Starkbieranstich im Tegernseer Bräustüberl ließ Grünen-Landrat Wolfgang Rzehak gleich zu Beginn offiziell verlauten, er hoffe, die Rede werde nicht allzu lang. „Ich weiß, ich muss eh‘ wieder aufs Klo.“

Schifferer reagierte sofort: „Luise Kinseher hat aufgehört, weil ihr der Stress als Mama Bavaria zu groß wurde. Und ich muss hier hochkommen und noch Rücksicht auf die Blase des Landrats nehmen.“ Zehn Jahre Fastenprediger seien eben nicht so einfach. „Früher waren wir noch unter uns. Mittlerweile schneidet ein Fernsehsender den Abend mit, und es ist nur noch das Klacken von Fotoapparaten zu hören.“

Die Tal-Prominenz

Unter den mehr oder weniger prominenten Zuschauern tummelten sich unter anderem Herzogin Helene in Bayern, Herzogin Anna in Bayern mit ihrem Mann Andreas von Maltzan, alle Tal-Bürgermeister, alle Gemeinde- und Stadträte, der neue und der alte E-Werk-Chef Manfred Pfeiler und Norbert Kruschwitz, Sparkassen-Chef Martin Mihalovits, der Warngauer Bürgermeister Klaus Thurnhuber, TTT-Chef Christian Kausch samt Veranstaltungsleiter Peter Rie, Jupp Brenner, Hotelier Korbinian Kohler, Martin und Tanja Frühauf, Hotelier Andreas Greither Pfarrer Martin Weber, Pfarrer Walter Waldschütz, BR-Moderator Stefan Scheider, Ernst Tengelmann, Schauspieler Bernd Herzsprung sowie zahlreiche Pressevertreter.

Zum ersten Mal war Holzkirchens Bürgermeister Olaf von Löwis mit dabei. Ebenso Florian „Flickä“ Oberlechner, der im vergangenen Jahr mit Abwesenheit glänzte. Schifferer lobte seinen Auftritt im Gasteig: „Du hast die Leute glänzend und treffend unterhalten“. Bräustüberl-Wirt Peter Hubert hielt wie üblich die Ansprache, begrüßte fast alle Anwesenden namentlich und wurde deshalb kurz darauf von Bruder Barnabas mit den Worten abgelöst:

Früher war die Rede länger als die Begrüßung. Da hat sich was geändert. Peter, Du hast mich an einen Aal-Händler auf dem Hamburger Fischmarkt erinnert.

Damit sorgte er für den ersten Lacher bei seiner zwischen Welt- und Talpolitik, zwischen Ernst und Spaß wechselnden, rund 90-minütigen, wortgewaltigen Rede, die heuer insbesondere beim Thema Bauboom im Tegernseer Tal traurig stimmte und Schifferer regelrecht in Rage versetzte. In arabischer Sprache begann er das Derblecken. Um “niemanden in seiner Freiheit einzuengen, haben wir die Kruzifixe vorsorglich abhängen lassen und im Vorratskeller einige Teppiche ausgebreitet… falls zwischendrin jemand…“

Brauerei-Direktor Christian Wagner bekam sein Fett gleich zu Anfang weg. Ein Mitarbeiter hätte erzählt: Ich bin jetzt 10 Jahre bei der Brauerei, 3 davon habe ich auf den Wagner gewartet. Dann legte er richtig los, schickte aber noch eine Warnung vorweg: „Es wird viel gesagt, was man so nicht sagen darf. Hören Sie das heraus, was gesagt werden soll, wenn es gesagt wird.“

Köck kein Depp, Hagn reinstes Glyphosat

Christian Köck beglückwünschte er zu dessen Ausspruch: „Wir sind keine Deppen“. Obwohl es jede Menge Deppen auf der Welt gäbe, so Barnabas. Wenn man es denn auch so sagen und nicht bloß denken könnte. „Das Haberfeldtreiben beispielsweise hat historische Wurzeln, war aber nie lustig.“ Gegen Beschuldigte juristisch vorzugehen sei daneben, vor allem dann, „wenn man nicht alle Latten am Zaun hat“. „Statt einer Dienstaufsichtsbeschwerde wäre wohl ein Amtsarzt sinnvoller gewesen“, so Barnabas. Auch ein Richter, der Kreuze abhängt, könnte ein Depp sein. Ebenso ein Donald Trump.

Ein einsamer Depp ist noch schlimmer als ein schwanzgesteuerter Mann.

Gleiches werde eben unterschiedlich wahrgenommen, so Barnabas. „Wenn das Telefonnetz in der Verwaltung ausfällt, engagiert man in Bad Wiessee sofort das Militär, während der Ausfall in Gmund 14 Tage lang keinem auffällt“. Barnabas wendet sich an Gmunds neuen Bürgermeister Alfons Besel: „Wenn Sie politischen Stil prägen möchten, orientieren Sie sich an Ihren Vorgängern (PAUSE) – an Franz Josef Strauß. Und bitte nicht an Ihrem Tegernseer Kollegen.“ Johannes Hagn sei nämlich für jeden Fastenprediger „reinstes Glyphosat“.

Bräustüberl-Wirt Peter Huber hält die Ansprache.

Bei Besel sei er dennoch beunruhigt. Er als Verwaltungsmensch werde hoffentlich nicht mit Paragraphen um sich schmeißen, so wie der Wiesseer Bürgermeister mit Worten. Die Zeitung könne man auch nur sehr vorsichtig aufmachen, es könne eine Nachricht von Höß drin sein.

„Das waren noch Zeiten, als die Tal-Bürgermeister im Puff starben und den Gemeinderäten ein „Leck mich doch du am Arsch“ entgegenriefen. Alles vorbei. Jetzt gibt’s lauter Verwaltungsfachwirte.“

„I sog ned a so und a ned a so, dann kann danach keiner sagen, ich hätte so oder so gesagt!“

Damit kommt er zum „gänzlich unverbauten Ufer“ in Gmund – zu Kaltenbrunn. Aber nicht da, wo beim Käfer-Michi der Trinkl und Eham ihre Obstkiste zusammengeschraubt haben. „Das Ding mit dem erotischen Holzschweif sollte eigentlich ein Meterorit sein. Jetzt hat man es seiner einzigen, sinnvollen Nutzung zugeführt und es angezündet.“

Landrat Wolfgang Rzehak kurz vorm Starkbieranstich.

Plötzlich helles Gelächter aus der Küche. Barnabas nimmt die Unterbrechung auf: „Dahinten im Sudhaus sitzen die, die nur wegen der Brotzeit kommen.“ Dann wendet er sich Georg von Preysing zu: „Mir ist letztens ein Bild vom alten Reichskanzler Otto von Bismarck in die Hand gefallen. Da kamst Du mir ins Gedächtnis. Du bist der kontroverse Lotse, der nach 18 Jahren von Bord geht. Du bist nie einem Streit aus dem Weg gegangen, warst nie ein Rücktritter. Jetzt mutest Du Deiner Frau aber etwas viel zu, Dich amtslos zu ertragen.“

„Wildbad Kreuth als Gnadenhof“

„Dein Lieblingsfeind Höß wird Dir fehlen, und auch die zwei Damen aus dem Gemeinderat, aber ich rate Dir dringend, mit Höß noch einen Beratervertrag abzuschließen.“ Von Preysing kontert: „Ich kann Dir jetzt die Reden schreiben, damit die auch mal was werden.“ Peter Hubert überreicht ihm den kommunalpolitischen Oskar, den sogenannten Ehren-Buzzi.

Die alljährliche Reise ins politische Tal führt Barnabas weiter nach Kreuth. Früher seien dort Staatsminister ein und ausgegangen, heute rühre sich dort nichts. Das Berg- und Schlafdorf sei erst aus der Bedeutungslosigkeit erwacht, als sich „ein Hirschbulle zum Sterben vor die Fütterung geschmissen hat“. Nichts passiert, außer dass Josef Bierschneider einen Crashkurs in Sachen Nichtssagen bei Peter Höß mache.

Rzehak geht aufs Klo

„In Bad Wiessee geben sie Herbergsbetrieben den Namen eines Puffs. Na, hoffentlich bauen sie keinen hinein“, fürchtete Barnabas. „Aber warten wir ab – noch ist ja nicht eröffnet.“ Bevor er zum Protagonisten Korbinian Kohler wechseln kann, löst Wolfgang Rzehak sein Versprechen ein, zieht am Fastenprediger vorbei und geht – tatsächlich aufs Klo, gefolgt von einem Mann. Barnabas schüttelt den Kopf: „Ich dachte immer, nur Frauen gehen zu zweit aufs Klo.“

18 Jahre war er Rathaus-Chef in Gmund: Georg von Preysing (rechts). Für seine kontroverse Art erhielt er von Schifferer den kommunalpolitischen Oskar, den Ehren-Buzzi.

Der Herbergsvater Kohler mit eigener Eventhalle wollte immer polarisieren, fährt Barnabas fort, und es funktioniere. „Der Mann hat Schneid. Zapft die Ilse mal eben um 500.000 Euro für seine japanische Edelschweißoase an, während andere mit ihrem Geld einen Radlweg bauen müssen, der unterbrochen sei.

Wenn jetzt der einstige Kirchenwirt den Namen eines Bordells bekomme, so Barnabas, sei er davon überzeugt, dass einige Leute explodieren werden. „Das ist gelungen“. Die Wiesseer Driving Range des Golfclubs finde man künftig ganz einfach: In Richtung Weißach vor dem Puff rechts.

Die Bauprojekte – ein Verbrechen am Gesamtkunstwerk

Weniger gut weg kamen die Bauherren, Baubefürworter und Tal-Gemeinden weg. Im Tegernseer Tal stehe inzwischen ein architektonisch hässliches Teil neben dem anderen, so Barnabas. Anstatt weise und vorausschauend zu planen, herrsche unter den Talgemeinden keine Einigkeit und klare Linie. Im Gegenteil: Man verschandele sich die Aussicht gegenseitig. Der Raum am See – oder das, was noch davon übrig ist, soll „zugeschissen werden“. „Projekte, die hier laufen, sind von skrupellosen Architekten und vor allem Investoren erdacht. Das geht so nicht!“ Es sei ein „Verbrechen am Gesamtkunstwerk“. Diese Dinge seien irreparabel.

„Auf was wartet Ihr? Auf ein Tegernseer Tal 2.0, das wir nehmen können, wenn alles zugebaut ist? Sie haben zwei Möglichkeiten: Weinen oder Wut. Der Deutschlandfunk hätte in einem Bericht einmal getitelt: Im Tegernseer Tal muss man sich Heimat leisten können. Das Schlimmste an dem Satz sei, so Barnabas: „Es stimmt.“ Barnabas Vorschlag: Eine Bautafel mit all denen, „die den Scheiß genehmigt haben“.

Als es um den Badepark in Bad Wiessee ging, hat Projektentwickler Helmut Karg einmal gesagt: „Mit Familien ist kein Geld zu verdienen.“ Möge ihn dieser Satz ewig verfolgen. Barnabas wandte sich an TTT-Chef Christian Kausch: „Ich hoffe, Sie sitzen gut. Haben Sie mal Ihren Text auf der Homepage gelesen? Gefällt Ihnen das?“ Er solle sich mal vorstellen, er käme aus Chicago und würde den folgenden Slogan lesen: Fest verankert und stets in Bewegung.

Obacht! Wolfang Rzehak rennt zum zweiten Mal aufs Klo. (Barnabas: „Hoffentlich hat er sich nicht vorgenommen, mich aus dem Konzept zu bringen“.)

Was das kleine Wörtchen „doch“ an dieser Stelle hätte helfen können. Das findet Barnabas zumindest hier passend: Fest verankert und doch stets in Bewegung. Nächster TTT-Satz: Willkommen am Tegernsee, wo sich jeder trifft und alles zusammenfließt. Barnabas: „Wo sich jeder trifft? Was isn das für’n Kas? Es müsste doch wohl eher heißen: Wo man sich trifft.“ Barnabas sieht Schwärme an Touristen ins Tal stürmen, die nur hierher kommen, um sich zu treffen.

Obacht! Der Landrat kommt vom Klo zurück. „Beim dritten Mal heißt es dann so langsam zum Ende kommen“, scherzt dieser in Barnabas Richtung. (Barnabas: Das ist vermutlich der sinnreichste Spruch, der heute aus dem Landratsamt kommt.)

Das Tegernseer Tal sei nie ein Tal der Schwätzer gewesen, fährt Barnabas fort. Aber bei einem Jahresbudget von 4,3 Millionen Euro, um das Tegernseer Tal zu vermarkten, könne es ruhig etwas mehr sein, wie man beim Metzger sagen würde. Zeit, um die Bierkrüge zu heben und den Tal-Slogan zu unterstützen: „Ich treffe mich jetzt.“

Als Barnabas langsam zum Ende kommt, ruft er in den Saal: Herr Landrat!

Zunächst bewegt sich nichts, dann ertönt eine Stimme irgendwo aus dem Hintergrund: „Rentiert sich’s noch?“ Barnabas an die Zuhörer gewandt: „Blöd isser nicht.“ Und an Rzehak gerichtet: „Sie wollen doch wiedergewählt werden.“ Zum Schluss gab’s einen Rüffel für die Tegernseer Stimme. Teilweise seien die Kommentare unter den Beiträgen „reißerisch und frech“. Schlimm sei, wenn Menschen unerkannt bleiben wollen und Kommentare anonym abgeschossen werden.

Unter einem Artikel über Georg von Preysing stand: „Mei o mei. Da versaut sich aber einer den Abgang. Kann den mal jemand abholen?“ Es sei ein Unding, dass die Tegernseer Stimme allen anonymen Feiglingen eine Plattform biete. „Völlig wurscht, worum es geht“, so Barnabas.

Aber auch eine einseitige Berichterstattung kritisiert er. Wie beispielsweise bei #metoo. „Also, ich habe keine Probleme. Ich werde wahnsinnig selten metoot. Obwohl es auch mal vorkommt. Was glauben die wohl, wie wir früher waren? Fragen Sie mal am Stammtisch. Da hat jeder einen Schratzn aus Westdeutschland.“

Von links: Herzogin Anna in Bayern, Braumeister Norbert Stüber und Bräustüberl-Wirt Peter Hubert.

Abschließend richtete Barnabas, alias Nico Schifferer, seinen Dank für die Einladung an Bräustüberl-Wirt Peter Hubert. Er habe noch ein Schreiben aus dem Jahr 2003 gefunden. In dem steht: ‚Weiter so und viel Erfolg.‘ Beides hätte er erreicht. Ihm sei keine neue Technik zu teuer. „Niemand hätte ahnen können, wie sehr Du das Tal aufmischst. Am Sonntag wirst Du 50. Ich wünsche Dir weiterhin Deine hochgradig intelligente Technik, viermal im Monat immer so kurz Urlaub zu machen, dass niemand merkt, dass Du weg bist.“ Und so gebe es am Ende doch noch Gründe zur Freude:

• einen Wirt, der 50 wird
• einen Maximilian, der nach 35 Jahren endlich offen ist
• neue Besel, die gut kehren
• ein Phantom namens Haslberger
• eine BOB, die gelegentlich pünktlich ist
• einen Schmetterlingsgarten, in dem wie seit Jahrtausenden weiterhin gevögelt wird
• einen Brauerei-Direktor, der immer pünktlich zu den Meetings kommt
• einen Ex-Bürgermeister von Gmund, der Berater vom Wiesseer Bürgermeister wird

„Sie sehen, alles wird gut. Versuchen wir all jene zu verstehen, die nicht so denken wie wir.“

Ein Live-Video des Abends folgt später auf der Startseite der Tegernseer Stimme.


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