Neue Betreiber für historisches Anwesen in Gmund
Vom Lederhosen-Siegfried bis Himmlers Hühner

von Sabiene Hemkes

Ein Bauantrag in der vergangenen Gemeinderatssitzung verriet die Überraschung: Das historische Anwesen Lindenfycht in Gmund bekommt einen neuen Betreiber. Doch sind hier weder Hotelketten noch Tal-Tycoone am Werk.

Das Anwesen Lindenfycht in Gmund ist ein Ort voller Geschichte. Nach Künstlerdomizil, Jagd- und Ferienwohnsitz, Lazarett, Schönheitsfarm und Seminarhotel bezieht nun die junge Tegernseer Gastro-Szene Quartier in Gmund. / Quelle: Redaktion

Gmund, das Tor zum Tegernsee, ist nicht gerade bekannt für das Exquisite oder Hippe. Vielleicht siedeln sich auch deshalb hier am Nordufer so gern Politiker, Künstler, Dichter und Maler an. Zumindest als Zweitwohnler. Der Friedhof der eher beschaulichen Seegemeinde trägt davon noch immer Zeugnis. Aktuell ist wohl Friedrich Merz (CDU), Lautsprecher und Führer der Oppositionspartei in Berlin, Gmunds bekanntester Teilzeitbewohner.

Neues Hotel, Restaurant und Eventkonzept in den Startlöchern

Ob Merz allerdings schon einmal bei den Münchner Star-Gastronomen Moritz Meyn und Wolfgang Hingerl – vielleicht auf Einladung seines bayerischen Kumpels Söder – geschlemmt hat, ist nicht überliefert. Das könnte sich aber bald schon ändern. Meyn, der mit seiner Familie bereits seit Jahren im Oberland lebt, plant im Anwesen Lindenfycht zwischen Gmund und St. Quirin ein Restaurant zu eröffnen. Nicht allein, sondern mit Freunden. Altbekannte Tegernseer, die für das Tal vergleichsweise jung und eher ungewöhnlich daherkommen. Darüber jedoch ein andermal mehr.

Moritz Meyn und Wolfgang Hingerl – Star-Gastronomen auf dem Weg nach Gmund. / Quelle: Lenka Li Lilling

Der Wahl-Warngauer und sein Freund und Partner Sommelier Hingerl sind erst im September in Berlin bei den Rolling Pin.Awards 2022 zu Deutschlands „Gastronomen des Jahres“ gewählt worden. Eine Auszeichnung, die in der Branche oft mit dem OSCAR verglichen wird, weil hier die Branche selbst die Besten ihrer Zunft ehrt. Die Münchner Macher des Mural Restaurants, der Bar Mural, der BAMBULE! Bar und des Mural Farmhouse untermauern damit ihren Ruf als Senkrechtstarter in der Szene.

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Gemeinsam mit Koch Joshua Leise erkochte sich das Team den ersten Guide Michelin Stern. Auf dem Teller dabei: Schlierseer Sushi, Saibling oder Alpenkaviar aus dem Nachbarland. Hochwertig, regional und frisch. Im Winter auch gern mal Kohl, Knödl, Huchen und Aal, wie die aktuelle Speisekarte zeigt.

Ein Stern und “beste Gastronomen Deutschlands”

“Bei der Wahl zum Gastronomen des Jahres 2022 behauptete sich das Mural Team gegen starke innerstädtische Konkurrenz: Den berühmten Käfer aus München.” Wie den Betreiber des Guts Kaltenbrunn zieht es die innovativen Gastro-Enthusiasten nun ebenfalls an den Tegernsee.

Was die Küche hier so besonders macht? Junger Esprit und echtes Talent! Guide Michelin, Auszug aus der Begründung für die Verleihung des Sterns – 2022

Wie man hört, soll die neue Betreiber-Community nun schon zwei Jahre an der Übernahme der Villa und der Nebengebäude in Erbpacht gearbeitet haben. Dort, wo seit 39 Jahren das ComTeam Academy und Consulting Unternehmen residierte. Mit deren vorläufigem Umzug nach Holzkirchen ist der Weg frei für das neue Hotel- und Gastronomiekonzept der einheimischen Community am Tegernsee.

Auf der letzten Bauausschusssitzung in Gmund wurden bereits die Umbaupläne vorgestellt. Rein äußerlich werde sich wenig ändern. Entstehen sollen 13 Hotel-Zimmer mit 29 Betten, ein öffentliches Restaurant und ein größerer Außenschankbereich. Der Bauausschuss befürwortete den Bauantrag einstimmig. Dazu Bürgermeister Alfons Besel (FW):

Die Planungen auf dem ehemaligen „ComTeam-Gelände“ gehen ihren regulären Gang. Alfons Besel, Bürgermeister Gmund – 05.12.2022

Wobei “ComTeam-Gelände” die historische Dimension der Villa und der Nebengebäude nur äußerst unzureichend beschreiben. Das Haus blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Von Opernsängern, Fotografen und Massenmördern

Hier lebten seit 1892 viele bekannte Künstler, wie Marie und Erwin Hanfstaengl. Er bekannter Fotograf, sie Opernsängerin, die auch in der Gemeinde Gmund hervorragend vernetzt war. 1914 bezieht der Kammersänger Alois Burgstaller aus Holzkirchen das Anwesen. Burgstaller ist ein bekannter Wagner Interpret, der auch den Siegfried in Lederhose sang. Von 1903 bis 1909 trat Burgstaller, der als Naturtalent gefeiert wurde, an der Metropolitan Opera in New York auf. Allerdings kehrte der berühmte Sänger 12 Jahre vor seinem Tod dem Gmunder Anwesen den Rücken. Ob so ganz freiwillig, darf bezweifelt werden.

Denn der neue Besitzer samt Familienanhang und Hühnern war einer der Architekten des Holocausts: Heinrich Himmler. Der SS-Reichsführer und seit 1943 Reichsinnenminister der Nazis begab sich damit in die illustren Reihen der Nazi-Sommerfrischler am Tegernsee (eine kleine Übersicht findet ihr hier). Als am 4. Mai 1945 die Amerikaner den Tegernsee befreiten, bezogen sie in Himmlers Villa Quartier. Die dort von zwei US-Soldaten entwendeten privaten Dokumente bildeten später die Grundlage für Dokumentationen über Himmler.

Wie bespielt der “Talnachwuchs” den geschichtsträchtigen Ort?

Seitdem ist der Freistaat Eigentümer des 20.000 Quadratmeter großen Areals in der Kurstraße. Bis zum Einzug des ComTeams 1983, denen wir auch die Dokumentation der Bewohner des Anwesens verdanken, folgten Verpachtungen an einen Händler sowie Kur- und Schönheitskliniken teilweise mit Hotelbetrieb. Das Tal darf sich jedenfalls auf die neuen Pächter freuen und gespannt beobachten, wie der Mix aus Location- und Evententwicklern, Visionären und Gastronomen aus der Region mit der wechselvollen Geschichte das geschichtsträchtige Anwesen bespielen wird.

Der Gmunder Florian Zibert, einer der Neuen in der Villa Lindenfycht und Geschäftsführer der good places tegernsee GmbH, gewährt der TS in den kommenden Tagen vor Ort einen Einblick in die Planungen. Wir sind neugierig, was da auf Gmund und alle Talbewohner zukommt.

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