Neues Landratsamt: Rechenfehler sorgt für Unmut
Von Mathe-Genies bis hin zur Kostenexplosion

von Sabiene Hemkes

Alles war bereitet für den Neubau des Landratsamts, die Wohngebäude und die große Tiefgarage in Miesbach. Doch im Kreistag sorgte ein millionenschwerer Rechenfehler für Unmut. Kämmerer Gerhard de Biasio wirbt nun für eine drastische Fahrplanänderung.

Der geplante Ersatzbau für das Landratsamt in Miesbach. / Quelle: KarlundP

Bei der letzten Kreistagssitzung in Rottach-Egern fand der Kreiskämmerer Gerhard de Biasio deutliche Worte. So sah sich der oberste Finanzmann des Miesbacher Landkreises bei den wechselnden Themenkomplexen wie der Sanierung des Gymnasiums in Tegernsee, geplanten Straßenbauprojekte, den Planungen für das Parkhaus am Krankenhaus Agatharied und nicht zuletzt beim Ersatzbau des Landratsamtes gezwungen, die Kostenbremse reinzuhauen.

Anzeige

Defizit sorgt für Priorisierung der Kreis-Projekte

Im Gegensatz zu den guten Jahren des letzten Jahrzehnts im Landkreis erfordere die momentan schwierige Situation mit der Energiekrise und dem Ukrainekrieg ein Umdenken, erklärte Biasio den Kreisräten. Schon jetzt sei der Haushalt nicht ausgeglichen und eine Kreditaufnahme für die folgenden Finanzperioden unausweichlich. Daher, so der Kreiskämmerer weiter, werde es notwendig, die geplanten Ausgaben zu priorisieren.

Besonders herausfordernd für den Landkreis seien die Kostenexplosionen im Bausegment, betont der Finanzchef. Man stehe vor einer Rezension. Aktuell beginne der Bausektor zu lahmen. Besonders die Preisexplosionen in den Segmenten Beton und Stahl führten zu Kostenexplosionen bei den in der Planung befindlichen Projekten des Landkreises.

Zu diesen Konditionen ist es unverantwortlich, einfach so weiterzumachen. Der Baupreis ist aktuell jenseits von Gut und Böse.

Daher sei es in der aktuellen Situation wichtig, zu entzerren, so Biasio in Bezug auf die im Kreistag präsentierte geänderte Bauplanung für den Ersatzbau des Landratsamtes, mit den Wohnungen und der großen Tiefgarage.

Zuerst der Ersatzbau und dann der Rest

Für das große Neubauprojekt heißt das konkret, dass zuerst nur der Bau des Verwaltungsgebäudes weiter vorangetrieben wird. Der Termin für die Fertigstellung der Ersatzbaues bleibt unverändert das Jahr 2025. Allerdings wird der Bau der Wohnungen und der auch der darunter liegenden Tiefgarage laut Kreisratsbeschluss erst in den Jahren 2026 oder 2027 realisiert. Die zu erwartenden Kosten von über 22 Millionen Euro überschritten deutlich den aktuell möglichen Haushaltsrahmen, machte der Kämmerer deutlich.

Allein für die Tiefgarage belaufe sich der Anstieg auf 32 Prozent gegenüber der Kostenschätzung im März. Da zeige sich besonders deutlich die Kostenexplosion für die notwendigen Baustoffe. Deutlich niedriger schlagen die höheren Preise bei dem Wohnungsprojekt mit 11 Prozent zu Buche, erläutert der Kämmerer.

Auch bei der Kostenberechnung für den Ersatzbau habe sich eine deutliche Steigerung um 21 Prozent ergeben – auf etwas über 39 Millionen Euro. Allerdings sorgte bei dieser Kalkulation ein schnöder Rechenlapsus von einer Million Euro für den größten Unmut im Plenum. Ein Fehler, den die Pressestelle des Landratsamtes so erklärt: “Das beauftragte Architekturbüro hat bei der Kostenzusammenstellung eine Kostengruppe netto statt brutto übertragen und den Fehler zu Mitte Oktober korrigiert.”

Rechenfehler unter’m Strich nicht entscheidend, aber ärgerlich

Auch wenn der Brutto-Netto-Fehler in der Endabrechnung keine Auswirkung auf die tatsächlich entstehenden Kosten haben wird, brachten unter anderem Christian Köck (CSU), Bürgermeister von Rottach-Egern, Kreisrätin Gisela Hölscher (FW) und Landrat Olaf von Löwis (CSU) ihren Unmut über die erneute „Schlamperei“ der Planungsfirma vernehmlich zum Ausdruck. Der Kreiskämmerer zeigte sich wenig erfreut, schob aber laut werdenden Forderungen nach Schadensersatz einen Riegel vor:

Die Außendarstellung ist alles andere als vertrauenerweckend, aber letztlich ist kein Schaden entstanden, der zu beziffern wäre.

Trotz der gestiegenen Kosten war die Meinung im Kreisrat einhellig: Der Neubau des Landratsamts ist alternativlos – was auch eine sehr drastische Schilderung der aktuellen Arbeitsverhältnisse im Landratsamt anschaulich verdeutlichte. Abteilungsleiterin Maria Rode berichtet neben kalten Amtsstuben und der Überbelegung von Büroräumen auch von Containerbüros und „nicht immer ganz freiwilligen“ Homeoffice-Einsätzen der Mitarbeiter. Insgesamt sei die energetische Gegebenheit in den Bestandsgebäuden miserabel.

Elektroheizlüfter wohl nicht zeitgemäß

„Bei den Anstrengungen zur Bewältigung der Energiekrise auf der einen Seite, habe man andererseits etwas gemischte Gefühle beim Aufstellen von elektrischen Heizlüftern in den Büros“, berichtet die Abteilungsleiterin weiter. Zudem sei es laut Rode bei der angespannten Personalsituation nicht gerade förderlich, ein teilweise solch desolates Arbeitsumfeld anbieten zu müssen.

Zum Ende des Jahres ist der Abriss der noch auf dem Gelände befindlichen Gebäude in Miesbach geplant. Die Baugenehmigung für den Ersatzbau und ebenso, wenn auch frühestens 2026 umgesetzt, die geplanten Wohngebäude und die Tiefgarage muss allerdings noch den Miesbacher Stadtrat passieren. Nach bereits einiger Extrarunden keine Selbstverständlichkeit, wie sich auch Ende der letzten Woche wieder zeigte. Die Räte verweigerten den Energie-Effizienz-Gebäuden mit Solaranlagen und regenerativen Heizsystem die Zustimmung.

Baugenehmigung noch offen – der städtische Look gefällt nicht allen

Den Miesbacher Stadträten will der „städtische Look“ des neuen Ensembles so gar nicht gefallen. Fehlende Dachüberstände, sichtbare, aufgeständerte Solaranlagen sowie das Flachdach mit geplanter Dachterrasse sorgten für die Ablehnung der Pläne. Skepsis an der Architekturidee, die auch im Kreisrat unter anderem bei Georg von Preying (CSU) hörbar war:

Zur Fassade sag’ ich lieber nix.

Und an die Planerin, die den Kreisräten das Bauprojekt präsentierte, gewandt, setzte von Preysing noch einen drauf: “Sie können ja nichts dafür, dass es so viel Zeit braucht, den Architekten zu zeigen, wie bei uns ein Haus aussieht.” Der Anregung einiger Räte, wie Gerhard Waas, dem designierten Grünen-Direktkandidaten für die Bayern-Wahl 2023, ganz auf die teure Tiefgarage zu verzichten, erteilte der Miesbacher Florian Hupfauer (FDP) gleich eine deutliche Absage: “Wir werden die Stellplätze weiter benötigen. Nehmts Abstand davon.”

In der nächsten Woche wird der Miesbacher Bürgermeister Dr. Gerhard Braunmiller (CSU) erneut den Versuch unternehmen, sein Gremium von dem Projekt und den Bauplänen zu überzeugen. Wir bleiben gespannt.

SOCIAL MEDIA SEITEN

Aktuelles Lokalpolitik

Diskutieren Sie mit uns
Melden Sie sich an und teilen Sie
Ihre Meinung.
Wählen Sie dazu unten den Button
„Kommentare anzeigen“ aus