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Die Helfer, die Ängstlichen und die Hasser - ein Kommentar

Waakirchen sind wir alle

Von Martin Calsow

Durchmischung ist das Problem. Eindeutig. Wir trennen nicht sauber. Zumindest wenn wir über politische Themen sprechen. Flüchtlinge sind so ein Punkt. Letzte Woche hat ein Kommentar auf der TS eine hitzige Diskussion entfacht. Gut so, so es im Rahmen des Erträglichen bleibt. Dabei sind viele Fragen berechtigt und bleiben trotzdem oft genug unbeantwortet.

asyl flucht boot

Ein Kommentar von Martin Calsow:
Wir haben keine dufte Lösung für das Phänomen weltweiter Flüchtlingsströme. Mauer und so – klappt nicht in einer globalisierten Welt. Alle rein – Unsinn. Es hilft keinem, wenn ein Kontinent einen anderen in den gesellschaftlichen Kollaps führt. Unterscheidungen, warum jemand kommt, sind immer suspekt. Wenn du ohne Perspektive bist, eigentlich nur der eigene Tod der letzte Ausweg ist, dann flüchtest du. Die Gründe für Flucht sind vielfältig. Flucht ist immer schlecht. Vor allem ist sie für die Heimatländer eine Katastrophe.

Es flüchten die Starken, die halbwegs Gebildeten, Jungen. Die fehlen dort dringend. Das sollten Menschen bedenken, die sich über das menschliche Gegenmittel zu unserer Überalterung freuen. Statt als billige Pflegekräfte ausgebeutet, wären sie als Fachkräfte in ihren Ländern deutlich besser aufgehoben.

Da sind die, die kommen – und da sind wir

Dann gibt es noch jene, die vor Krieg und Folter flüchten. Sie, die alles getan hätten, um weiter in ihrem Land zu bleiben, die dort alles hatten, was ihr Glück bedeutete. Sie müssen weg, weil ihnen sonst der Kopf abgeschnitten wird, oder sie, in Löchern vergraben, auf ihre Steinigung warten. Sie kommen, weil der Krieg nicht endet. Sie nehmen unfassbare Qualen und Leid auf sich, lassen Menschen zurück. Stehen dann bei uns. Verstehen nichts. Weder Sprache, noch Kultur ist ihnen bekannt. Sie sind ohne Schutz unserem Verhalten ausgesetzt.

Und da sind wir. Mit unseren Alltagssorgen haben wir wenig Zeit und Kraft, uns um jeden Konflikt, der in dieser Welt herrscht, zu kümmern und zu informieren. Himmel, wer weiß, wo Mali oder Eritrea liegt? Ständig sollen wir zu allem Neuen, Anderen nett und offen sein. Ja, mehr noch: Eine Willkommenskultur fordern Politiker. Jene, die nahezu stumm den Kommunen ihre verfehlte Politik aufs Auge drücken. Macht mal. Wie ein großes Menschenexperiment.

Wo ist eigentlich unsere Landtagsabgeordnete, wo der Herr im Bundestag? Gehen die über die Dörfer, erklären, dass man überhaupt nicht abschätzen kann, wie viele Menschen noch kommen, dass sich die Zahl verdoppeln, vielleicht sogar verdreifachen kann? Sie sind gern bei jeder Denkmalseröffnung dabei. Doch wenn’s eng wird, ist die große Politik gern mal gerade weg. Da sind dann die Bürgermeister, die Landräte, die Ehrenamtlichen in der Feuerlinie, bekommen die Skepsis, den Rassismus, mühsam verkleidet in pseudopolitischen Erklärungen, ab.

Was ist Rassismus?

Fern aller politischer Fehler gibt es einen Sumpf der dumpfen Ablehnung, der Freude am Hassen. Wenn „dem Schwarzen“ generell Eigenschaften zugeordnet werden, ist das schierer Rassismus. Abstoßend und bekämpfenswert. Wenn „dem Araber“ generell anti-westliche Todessehnsucht unterstellt wird, ist das eben nicht nur intellektuell überschaubar, sondern gefährlich hetzend. Wenn nur Familien als Flüchtlinge ok sind, aber alleinstehende Männer quasi das Ticket zum Vergewaltigen zugeordnet wird, liegen dem krude Thesen zugrunde.

Oft beginnen Diskussionen dann mit „Ich bin kein Rassist, aber“. Hier gilt die Faustregel, dass danach meistens nur Gedankenmüll kommt. Gern wird ja auch eine große politische Verschwörung vermutet. Wir haben in den Kommentaren hauptsächlich mit Humor und Satire reagiert. Das mag unsachlich sein, hilft aber.

Berechtigte Fragen

Aber auch die berechtigten Ängste sind da. Wenn ein Hausbesitzer über den Wertverlust seines Hauses klagt, weil ein Containerdorf vor seinem Garten errichtet wird, hat er das Recht dazu. Das ist kein Rassismus, sondern eine Tatsache. Wenn Menschen fragen, was für ein Rechtsverständnis diese Flüchtlinge mitbringen, wenn sie aus rechtsfreien Ländern kommen, verdient das eine sachliche Antwort. Auch die Frage nach der Obergrenze ist völlig legitim. Das mögen viele nicht aussprechen, weil ihnen die Antwort unangenehm ist. Denn keiner kennt die Obergrenze. Das ließe sich jetzt fortsetzen.

Waakirchen steht seit einigen Tagen im Fokus. Um es klar zu sagen: Nie ist es ein gesamter Ort, der komisch ist. Einzelne machen, meist anonym, Stimmung. Die Mehrheit schweigt, schaut aus der Distanz zu, aber viele helfen eben auch. Ob es die Fußballer sind, die die Flüchtlinge mit ins Stüberl nehmen, oder die Gemeinderäte, Lehrer und Helfer generell: Das ist eine funktionierende, intakte Gemeinschaft, die nicht hetzt, sondern anpackt. Das macht unsere Gesellschaft aus. Grattler, Grantler und Geber. Waakirchen sind wir alle.


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