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Druck auf ehrenamtliche Retter nimmt zu

Wanderer in Not – Bergwacht rückt aus – wer zahlt?

Von Maxi Hartberger

Wanderer im Schneesturm gefangen, Wanderer erschöpft, Wanderer vermisst: Nachrichten wie diese liest man im Landkreis Miesbach häufig. Die Rottacher Bergwacht war in den vergangenen Wochen immer wieder im Einsatz. Überschätzen sich Bergsportler schlichtweg selbst? Und wer bezahlt eigentlich solche Rettungsaktionen? Wir haben nachgefragt.

Die Bilder zeigen einige Such- und Rettungsaktionen der vergangenen Wochen. / Quelle: Bergwacht Rottach-Egern

30. Dezember 2021: Großeinsatz im Bereich Bodenschneid/Suttengebiet. Insgesamt 70 Einsatzkräfte suchen einen vermissten 36-jährigen Wanderer. Der Einsatz war nach fünf Stunden gegen 03:30 Uhr nachts beendet.

31. Dezember 2021: Rund zehn Einsatzkräfte suchen eine Wanderin bei einbrechender Dunkelheit am Wallberg. Gegen 18.30 Uhr wurde die Frau gefunden. Die beiden Hubschrauber, die am Einsatz beteiligt waren, flogen im Anschluss ins Nachbartal, um dort die Bergwacht Schliersee bei einer Rettung von zwei Wanderern auf der Brecherspitze zu helfen.

Am 4. Januar rettete die Rottacher Bergwacht zwei Wanderinnen, die im Schneesturm am Wallberg gefangen waren. Eine Woche später musste die Schlierseer Bergwacht zwei Schlittenfahrerinnen bergen, die zu erschöpft und „leicht bekleidet“ waren.

30 Prozent der Einsätze am Wallberg und im Suttengebiet

Nachrichten wie diese sind in unserer Region keine Seltenheit. Gefühlt müssen immer mehr Bergsportler aus misslichen Lagen gerettet werden. „Prinzipiell ist ein Aufwärtstrend bei den Einsatzzahlen festzustellen“, bestätigt Alexander Stern von der Bergwacht Rottach-Egern. Seit 2010 sei die Anzahl an Einsätzen um das Doppelte gestiegen. „In den Jahren 2015-2019 kamen wir im Schnitt auf zirka 230-250 Einsätze pro Jahr, was die ehrenamtlichen RetterInnen enorm forderte.“

Entgegen der Vermutung gingen die Zahlen in den Pandemiejahren allerdings zurück. „So waren es 2020 und 2021 im Schnitt nur noch 170 Einsätze. Daran merkte man, dass sich zirka 30 Prozent der Einsätze pro Jahr auf die Skigebiete Wallberg und Sutten aufteilen, die in den Wintermonaten 20/21 nicht in Betrieb waren“, so Stern.

Lockdown, Instagram und Co. locken Menschen in die Berge

Insgesamt merke die Bergwacht allerdings einen weiter steigenden Freizeitdruck – insbesondere verstärkt durch Corona und die sozialen Medien. „Durch die Lockdowns und die sozialen Einschränkungen haben die Menschen einen erhöhten Drang nach draußen zu gehen.“ Das Ganze wird dann gern in den sozialen Medien geteilt. „Was man jedoch nicht bei den Beiträgen sieht, ist der beschwerliche und gefährliche Weg dorthin.“

Einen ähnlichen Trend beobachtet auch Franz Güntner vom Deutschen Alpenverein (DAV). „Die Alpen als Ferienziel und Naherholungsgebiet liegen seit Jahren im Trend, Bergsport wird immer attraktiver.“ Gleichzeitig erhöhe sich das Angebot im Naturraum nicht:

Anders als bei anderen Sportarten können ja keine neuen Sportanlagen gebaut werden. Dadurch werden es zumindest in den Hotspots, beispielsweise in den bayerischen Voralpen, immer mehr Nutzer auf gleichbleibendem Raum.

Doch was ist eigentlich die Haupt-Ursache für die zahlreichen Wanderer in Not? „Nicht immer weiß man, was zu einem Unfall geführt hat. Wir können aber anhand der Blockierungen – also Menschen, die unverletzt in Not geraten, weil sie nicht mehr vor oder zurück können – feststellen, dass diese Zahl im langjährigen Vergleich zunimmt“, so Güntner.

Schlechte Ausrüstung oder Selbstüberschätzung?

Auch Stern von der Rottacher Bergwacht beobachtet, dass die Einsätze, in denen Personen unverletzt aus ihrer misslichen Lage befreit werden müssen, zunehmen. „Besonders auffällig im Jahr 2021 waren die die Einsätze an der Halserspitze. Dort haben wir im Zeitraum Februar bis April 16 Personen gerettet, von denen nur zwei verletzt waren.“

An einem Tag seien es sogar sechs Personen an der Halserspitze gewesen, die unabhängig voneinander unterwegs waren. „Die meisten der Geretteten waren von den Schneemengen, die zu dieser Jahreszeit üblich sind, überrascht.“ Stern betont:

Wir müssen oft feststellen, dass Wanderer zwar gut ausgerüstet unterwegs sind, aber leider sich selbst, die Tour oder das Wetter völlig falsch einschätzen. In dem Fall nützt dann leider die beste Ausrüstung nichts.

Hinzu kommt: Viele Wanderer sind auch noch nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs. „Jeder Einsatz birgt für uns RetterInnen ein großes Risiko. Durch Dunkelheit wird das enorm verstärkt“, so Stern. Personen, die sich nicht auskennen, falle es oft schwer zu erklären, wo sie sich befinden und werden teilweise panisch.

Sollte es dann brenzlig werden, da Absturzgefahr oder eine lebensbedrohende Situation besteht, sei laut Stern meistens der Einsatz eines Hubschraubers erforderlich. „Das Problem hierbei ist, dass nur wenige Notarzt-Hubschrauber nachtflugtauglich sind. Sollte es nun zu einem Nachteinsatz kommen, sind die nutzbaren Ressourcen was Luftunterstützung angeht begrenzt.“ Nächtliche Einsätze seien daher personell und materiell aufwendiger.

Nicht immer zahlt die Krankenkasse

Doch wer genau bezahlt das eigentlich alles? „Wer was bezahlt hängt immer vom Unfallgeschehen beziehungsweise der Situation ab“, erklärt Stern. In Bayern kommt laut DAV für die Rettung Verletzter die Krankenkasse auf, Unverletzte müssen die Rettung hingegen komplett selbst bezahlen. Der DAV bietet seinen Mitgliedern allerdings einen Versicherungsschutz.

Abschließend ist es Stern wichtig, zu betonen, dass alle Retterinnen und Retter ehrenamtlich ihren Dienst verrichten und die Kosten für die Erhaltung der Fahrzeuge, der Wache und die Ausstattung der Einsatzkräfte lediglich durch Spenden finanziert werden. „Das Einsatzgeschehen ist nur das, was nach außen dringt.“ Hinter dem Ehrenamt Bergwacht stecke noch viel mehr. „Und all das wird von unseren Ehrenamtlichen gestemmt neben der normalen Arbeit, der alle nachgehen.“

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