E-Werk Tegernsee über lokale Versorgung:
Geld sparen in der Krise – aber wie?

von Sabiene Hemkes

Die Energiekrise beunruhigt die Menschen auch im Tal. Der Gaspreis steigt in ungeahnte Höhen und nimmt den Strompreis gleich mit – fast eine Verdoppelung zum Vorjahr. Wer soll das bezahlen?

Die Gemeinden am Tegernsee sparen nicht nur Gas, sondern ergreifen auch vermehrt Maßnahmen zur Einsparung elektrischer Energie

Nicht erst seit dem militärischen Überfall Russlands auf die Ukraine kennt die Preisentwicklung für Strom nur eine Richtung -und zwar nach oben. In den letzten 15 Jahren hat sich die Kilowattstunde insgesamt um 63 Prozent verteuert. Allerdings hängt die aktuelle Preissteigerung ganz direkt mit dem Krieg in Europa zusammen. Wieder ist die Gaskrise und damit verbunden die Verteuerung des fossilen Brennstoffes ein Auslöser. Wie das aber mit dem Strompreis zusammenhängt, ist etwas kompliziert.

Der Preis für elektrische Energie wird nach dem “Merit-Order-Prinzip” bestimmt. Das bedeutet, die aktuell teuerste Art der Stromproduktion gibt den Preis für alle Stromerzeuger vor, also der derzeitige Preis einer Megawattstunde Strom aus Gaskraftwerken. Einst eine günstige Form der Stromerzeugung, heute der Preistreiber im Markt.

Das bedeutet, dass auch günstiger produzierte elektrische Energie aus Kohle-, Atom- sowie Wind-, Sonnen- und Wasserkraftwerken nach dem Kilowattstunden-Abgabepreis von Strom aus Gaskraftwerken abrechnet wird. Damit stellt das System sicher, dass zu jedem Zeitpunkt genügend Strom verfügbar ist. Aktuell berät die Europäische Gemeinschaft, inwieweit Teile der hohen Gewinne der Nichtgas-Produzenten wieder an die Verbraucher zurückgegeben werden können.

Ein Mann im Tal, der uns die komplizierte Materie rund um den Strompreis erklären kann, ist Vertriebsleiter Florian Appel vom lokalen Versorger, dem Elektrizitätswerk Tegernsee Vertriebs- und Service-KG (E-Werk).

Horrormeldungen von Preisen für die Kilowattstunde jenseits der Ein-Euro-Grenze machen die Runde. Was ist davon Gewinnmitnahme und was durchaus ernst zu nehmen?

Florian Appel: Aktuell hat sich der Markt – wenn auch auf einem nach wie vor hohen Niveau – etwas entspannt. Aber Ende August hat der Strom schon über einen Euro gelegen. Der Strompreis ist sowohl über die hohen Gaspreise und zum anderen über die Angst bei manchen Mitmenschen mitgetrieben worden. Wir erstellen für unsere größeren Gewerbekunden Angebote auf Basis des aktuellen Marktpreises. Endes August hatten wir eine Kundenanfrage für eine Strombelieferung für 2023. Da wäre unser Einkaufspreis bei über 1,20 Euro für die Kilowattstunde gelegen.

Das ist ein heftiger Preissprung…

Appel: Schon im letzten Jahr hatte der Strompreis merklich angezogen. In den Jahren zahlte man für die Kilowattstunde immer so einen Preis im einstelligen Cent-Bereich. Durch die Öffnung der Wirtschaft nach den Coronaeinschränkungen änderte sich die Situation, wenn auch langsam, sodass zum Ende des Jahres 2021 der reine Energiepreis – also ohne Steuern, Abgaben, Umlagen und Netzentgelte auf über 0,30 Euro anstieg.

Anfang 2022 beruhigte sich der Markt – bis zum Beginn der Sanktionen und dem Ausfall der günstigen Gaslieferungen aus Russland.

Dann fielen im Sommer aufgrund von Wartungsarbeiten, Korrosionsrisiken und des Wassermangels einige Kernkraftwerke in Frankreich zeitweise aus, was die Franzosen verstärkt zum Import von Strom auf dem europäischen Markt zwang. Wie Sie sehen, beeinflussen sehr viele Komponenten den Preis für Strom. Wenn dann am europäischen Strommarkt ein teurer Anbieter auf einen Käufer trifft, der bereit ist, diesen hohen Preis zu bezahlen, weil er zum Beispiel weiterhin mit steigenden Preisen kalkuliert, reagiert der Einkaufspreis entsprechend.

Wie kann dann ein Unternehmen, wie etwa das E-Werk, seinen Kunden Verträge mit gleichbleibenden Konditionen bei einem so instabilen Markt anbieten?

Appel: Wir kaufen im sogenannten Vorgriff für unsere Haushaltskunden langfristig am Terminmarkt ein. Das bedeutet für uns Risikominimierung, dadurch, dass schon zwei bis drei Jahre vor dem Verbrauch damit begonnen wird, die kalkulierten Mengen in mehreren Tranchen zu sichern. So sind wir nicht so sehr von den Preisen auf dem Kurzfrist (=Spot)-Markt abhängig.

Das heißt, Sie haben zu einem Zeitpunkt im Jahr 2019 auf dem Markt den Strom für den heutigen Verbrauch eingekauft? Und das ist die Basis für den Strompreis, den Ihre Kunden aktuell im Tal zahlen?

Appel: Das gilt für einen großen Teil der von unseren Kunden verbrauchten Menge. Allerdings müssen auch wir die Abweichungen zwischen dem von uns prognostizierten und dem tatsächlichen Verbrauch über den Spotmarkt ausgleichen. In der aktuellen Situation ist die frühzeitige Absicherung natürlich vorteilhaft gewesen.

Aber es kann auch anders laufen. Während Corona, als die Nachfrage nach Strom deutlich gesunken ist, verfiel auch der Preis für die Kilowattstunde. Das bedeutete für uns damals ein Minusgeschäft. Wir saßen auf einmal auf dem teureren Vor-Pandemie-Strom, den wir nur mit Verlust wieder verkaufen konnten. Es kann immer in beide Richtungen gehen.

Das bedeutet aber auch, dass Unternehmen im Tal und auch Verbraucher mit langfristigen Verträgen aktuell von der Preispolitik des E-Werks profitieren?

Appel: Das hängt vom Zeitpunkt des Vertragsabschlusses und der jeweiligen Laufzeit ab. Wir haben Abnehmer, die sich bis zum Ende des nächsten Jahres oder gar noch länger über die relativ günstigen Stromkosten freuen dürfen. Wir kaufen für diese Großkunden bei Vertragsabschluss die prognostizierte Menge im Vorgriff ein.

Heißt, wir kalkulieren die benötigte Strommenge und bieten dann einen Festpreis. Das schafft für den Unternehmer Planungssicherheit. Übersteigt jedoch dann die tatsächlich bezogene Abnahmemenge des Kunden unsere Planung, müssen auch wir hinzukaufen. Und das ist unter Umständen bei der aktuellen Marktlage sehr kostenintensiv für uns.

Wir haben heute Morgen bei einem Strom-Vergleichsportal eine Abfrage gestartet. Bei einem Verbrauch von 4250 Kilowattstunden, was dem Verbrauch einer vierköpfigen Familie entspricht, lag der Preis in der Grundversorgung durch das E-Werk bei einer Abschlagszahlung von 138,42 Euro monatlich. Alle anderen günstigen Anbieter rufen bei derselben Anfrage monatliche Kosten von 245 Euro und mehr für einen Neuvertrag auf. Das sind über Hundert Euro im Monat Unterschied.

Appel: Das kommt hin.

Also stellt sich doch zwingend die Frage: Wie komme ich in die Grundversorgung beim E-Werk? Beispielsweise, wenn ich aktuell keinen gültigen Vertrag mit einem anderen Stromversorger habe oder mein Anbieter die Preise erhöht. In dem Fall habe ich als Verbraucher ja ein Sonderkündigungsrecht.

Appel: Grundvoraussetzung ist erst einmal der Wohnsitz im Tal, denn hier sind wir der zuständige Grundversorger. In Miesbach zum Beispiel gibt es einen anderen Grundversorger. In der Grundversorgung landet man also in der Regel bei einem Neueinzug oder wenn man seinen Vertrag bei seinem derzeitigen Lieferanten kündigt und keinen Vertrag bei einem anderen Lieferanten abschließt.

Das E-Werk ist per Gesetz verpflichtet, diese Neukunden aufzunehmen?

Appel: Ja, das ist richtig. Jedoch gibt es noch die Kunden, die von ihrem alten Anbieter – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr beliefert werden. Diese werden uns durch den Netzbetreiber gemeldet und fallen in die vom Gesetzgeber im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) neu geregelte Ersatzversorgung.

Die deutlich ungünstiger – sprich teurer – für den Haushaltskunden ist?

Appel: Ja, die Ersatzversorgung ist an den aktuellen Marktpreis gekoppelt. Damit liegt der Preis für die Kilowattstunde deutlich über dem in der Grundversorgung.

Aber auch von der Erstversorgung kann ich in die Grundversorgung wechseln?

Appel: Selbstverständlich. Haushaltskunden werden nach drei Monaten automatisch in die Grundversorgung aufgenommen. Bei den sogenannten Nicht-Haushaltskunden, also in der Regel die Gewerbekunden, gilt das nicht. Diese müssen bis zum Ablauf der Ersatzversorgung einen Vertrag bei uns oder bei einem anderen Lieferanten abschließen.

Was passiert, wenn sich jetzt sehr viele Menschen am Tegernsee, die keine langfristigen Verträge mit euch oder anderen Lieferanten haben, auf einmal in die Grundversorgung des E-Werks drängen?

Appel: Der Verbrauch in der Grundversorgung ist nicht so gut vorausplanbar für uns. Das ist sicher. Deshalb sind unsere Preise hier auch höher.

Wenn aber die Zahl der Kunden und damit einhergehend der Verbrauch in der Grundversorgung deutlich über die Vergleichswerte der Vorjahre ansteigen, sind wir auch hier gezwungen, zusätzliche Strommengen zum aktuellen Marktpreis einzukaufen. Was sich dann auf den Preis für die Kilowattstunde in der Grundversorgung auswirkt.

Angenommen, ein Kunde aus dem Tal, der in den Jahren immer dem günstigsten Preis und mit hohen Rabatten, wie es noch vor zwei Jahren durchaus üblich war, hinterhergejagt ist, möchte nun zu euch wechseln. Könnt Ihr diesem Kunden einen langfristigen Vertrag anbieten, sprich keine Grundversorgung?

Appel: Leider nein. Wir bieten aktuell keine neuen Verträge an. Der Grund dafür ist, dass wir keine Stromprodukte auflegen können, die attraktiver als die Preise der Grundversorgung sind.

Wo kann ich mich als Talbewohner über die aktuellen Preise informieren?

Appel: Die Bürger, aber auch unsere Kunden können sich an uns direkt oder die zuständigen Stellen in ihrer Heimatgemeinde wenden.

Also kurze Wege statt nerviger Warteschleifen und Telefon-Bots?

Appel: Allerdings. Das ist der Vorteil des lokalen Anbieters. Das merken viele Menschen in der Krise. Mich persönlich freut das.

Noch eine letzte Frage an den Fachmann: Wie kann ich ganz persönlich meine Energiekosten reduzieren? Elektrische Heizgeräte sind wahrscheinlich nicht die Lösung?

Appel: Nein sind sie nicht, auch wenn das in der Werbung so verkauft wird. Ich warne davor. Die Stromkosten sind zumeist zu hoch und der Nutzen gering. Da ist viel Geldmacherei dabei. Unser Tipp ist vielleicht langweilig, doch durchaus effektiv: Energiesparen! Wir vom E-Werk unterstützen gerade den Arbeitskreis Energie der Stadt Tegernsee bei der Erstellung einer Broschüre zu diesem Thema, die in Kürze veröffentlicht wird.

Die TS bedankt sich bei Florin Appel für das Gespräch.

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