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Von der Staatspartei zur Klienteltruppe

Warum verliert die CSU?

Von Martin Calsow

Die CSU hat sowohl landesweit als auch bei uns im Oberland noch nie so schlecht bei einer Wahl abgeschnitten. Was sind die Gründe dafür? Was muss sich ändern?

Wenn man verzweifelt – mit Kühen werben

Dieses Bundesland ist erfolgreich. Es ist sicher, bietet genug Arbeit und hat eine großartige Natur. Für die ersten beiden Punkte hat die CSU über Jahre gesorgt. Das müssen auch kritische Geister der meist breitbeinig daherkommenden CSU-Truppe zugeben. Aber jetzt ist da etwas Komisches passiert. Immer weniger wollen die Konservativen an der Macht sehen. Es ist, als ob am Horizont eine Gefahr auf die so omnipräsente Partei wartet. Es sind die vier Apokalyptischen Reiter für die CSU. Sie sind mit Bildern am besten zu illustrieren

Der erste Reiter heißt “Zugroaster”.

Wenn das Gaufest der Gebirgsschützen in Orten wie Lenggries oder Kreuth stattfände, sei der ganze Ort auf den Beinen, wären fast alle Bürger involviert, würden mitfeiern. Anders im Nordkreis: Dort veranstaltete man das Fest am HEP. Der CSUler beschrieb, wie die einstige Mehrheit an Trachtlern hier nur als ein Event von vielen angesehen werden. Bürger, ohne Tracht, standen kurz beim Umzug, gingen dann schmunzelnd weiter. Als ’Zugroaste” werden sie beschimpft. Dumm nur, dass diese bald die Mehrheit stellen.

Die Anekdote beschreibt prägnant das erste Problem. Die immer noch konservative Hochburg Oberland, einst pathetisch als Herzkammer der CSU und des Bayern-Seins an sich bezeichnet, weicht an den Rändern im Norden auf. Grund: Der Zuzug aus der Stadt. Menschen, nicht hier geboren, mit Tracht und Tradition nichts am Hut, bringen zwar Geld und Know-How, aber eben keinen Freifahrtschein für die Konservativen mit. Im Gegenteil: Sie wählen zum Beispiel das Undenkbare: Grün.

Der zweite Reiter ist der männliche weiße Greis.

Je südlicher, desto geriatrischer. Ist man in Nordkreisstädten wie Weyarn und Holzkirchen noch jung, nimmt die Zahl der Rentner mit jedem Kilometer auf der B318 zu. Beispiel:

Alexander Radwan nimmt einen Termin im Bräustüberl wahr. Um ihn herum meist Männer und einige Frauen, jenseits des Lebenssommers. Man applaudiert brav. Dann geht man heim in die Landhaus-Haziette, nimmt die Betablocker und wartet auf den Tatort oder den Tod. Denn hier in der Idylle lebt es sich am einfachsten, wenn man alt und reich ist. Das Tegernseer Tal ist überaltert. Wie auch auf Bundesebene sind die Stammwähler der Schwarzen über 60 Jahre alt.

Unter dreißig wählt man FDP oder Grün. Das müsste die Konservativen zum Handeln zwingen. Mit ihrem Stabilitätsmantra verfangen sie sich hier bei Menschen, die im Spätherbst des Lebens stehen. So rockte die CSU in Rottach-Egern mal eben mit über 40 Prozent den Laden, weil zittrige Hände ihr Kreuz bei den Schwarzen machten. Da will keiner mehr Veränderung, da ist Klimakrise kein Thema in der eigenen Lebenszeit, Digitalisierung Teufelszeug der Enkel.

Es ist sicher kein Zufall, dass an der Spitze des Landkreises mit Olaf von Löwis ein fast 70-jähriger Mann von der CSU steht. Jung und weiblich, das ist Mangelware bei den Konservativen hier vor Ort. Aber auf Ältere und meist Männer zu setzen, ist langfristig zu wenig, weil einem schlicht die Klientel wegstirbt und junge Frauen lieber grün wählen.

Der dritte Reiter ist der “Adabei”.

Über Jahrzehnte sorgte die Alleinherrschaft der CSU dafür, dass in allen Bereichen des Lebens die “eigenen Leute sitzen”. Wollte man was werden, nahm man dafür eine Mitgliedschaft der CSU in Kauf, manchmal aus Überzeugung, manchmal zähneknirschend. Es war ein Sammelbecken, aber inhaltlich, programmatisch war das zu wenig. Beispiel die Top-Themen im Tal:

  • Verkehr (Stau, Dreck, Lärm, ÖPNV)
  • Wohnen (bezahlbare Mieten, Zuzugsdruck, Erbschaftssteuer)
  • Tourismus (zu viel Menschen, Baustellen und hohe Preise)

Wer kennt dazu neue, vielleicht auch riskante Konzepte örtlicher CSU-Granden? Wo sind Pläne, die unsere Region vielleicht zu einem Vorreiter werden lassen? Warum ist da nur Stille? Ganz schlicht: Es wird nichts entwickelt. Die CSU verwaltet, lässt andere diskutieren, über Discountergrößen, E-Mobilität, Kommunalen Wohnraum. Diskussionen außerhalb der eigenen Blase werden möglichst vermieden, weil man ja auch inhaltlich keinen Kern zu bieten hat – außer: Weiter so. Das reicht aber nicht.

Der letzte Reiter nennt sich Digitalisierung:

Schulen und Ämter waren blank zu Beginn der Pandemie, man faxte noch. 5G-Ausbau humpelt wegen einzelner Bürgermeister (und Räte) – überall wollte man dieses komische Neuland, nur hier ist man eher skeptisch. Wo ist der CSU-Funktionär, der ein voll digitalisiertes Tal fordert und ein festes Datum bis zur finalen Umsetzung festlegt? Wo werden Digitalfirmen ins Oberland angelockt, wo gefördert und maßgeblich hervorgehoben? Es könnte so einfach sein, digitale Start Ups aus der teuren Stadt hinaus aufs Land zu locken…

Diese Wahlklatsche sollte der CSU eine intensive Diskussion auf allen Ebenen wert sein. Sie wäre klug beraten, sich nicht nur von Speichelleckern Tipps einzuholen, oder gar Wege zurück ins Dumpf-Reaktionäre zu gehen. Wer nicht aktiv die Zukunft gestaltet, wird eben gestaltet.

Das erfährt gerade massiv eine Klientel der CSU: Die Landwirte. Jahrelang von der Partei mit Subventionen ruhiggestellt, bekommen sie nun von Verbrauchern neue Verordnungen und Gängeleien um die Ohren gehauen – und die CSU steht daneben und wundert sich. Aus schierer Wut darüber und mangelnder Selbstkritik wählt man dann so einen Quartalsirren wie Hubert Aiwanger – zum Schaden der CSU. Sicher empfinden viele gute Parteisoldaten der CSU dieses Abwandern als undankbar. Und ja, Bayern hat diese einmalige Lebensqualität eben auch wegen der Politik dieser Partei. Aber es hat diese Probleme eben auch wegen dieser Partei. Diese anzugehen, wird überlebenswichtig für die einst allmächtige Christlich Soziale Union.


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