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- und wie wir vielleicht herauskommen - Ein Kommentar von Martin Calsow

Warum wir hier im Dreck feststecken

Von Martin Calsow

Gern gefällt man sich im Tal und im Landkreis als Vorzeige-Idylle. Hier läuft alles am Schnürchen. Die Straßen sind sauber und sicher. Dank hoher Lebenshaltungskosten ist auch kein Elend zu sehen, jedenfalls nicht offensichtlich. Dann kam die Pandemie. Und der Landkreis erweist sich als Hort der Bekloppten. Warum? Und was hilft dagegen?

Der Herbst schaut sehr viel trüber aus als noch im Sommer gedacht

Ein Kommentar von Martin Calsow

Im Gesundheitsamt Miesbach stand lange ein Fax-Gerät. Fanden dort alle normal. Digital? Für Doofe. Gmunder Gemeinderäte sorgten mit Sorglosigkeit für hohe Inzidenzen. Folgen? Ach wo. Mächtige Touristiker weigern sich, Kontrollen durchzusetzen. Tenor: Nur weil man das in anderen Bundesländern, in Spanien und Italien erfolgreich durchzieht, kann man das hier von keinem verlangen. Lieber nörgelt ein breitbeiniger Beirat der TTT wie ein verwöhntes Kind, verlangt mehr Wertschätzung. Wir? Sitzen gern eng im Bräu oder auf der Alm beisammen, feiern Hochzeiten. Impfkontrolle? Ach, geh weiter. Wir alle sitzen gemeinsam im Narrenschiff, einige etwas prominenter, andere etwas verschämt versteckt.

Der Landkreis Miesbach und seine Einwohnerschaft steht also gerade bundesweit mit heruntergelassener Hose da. Da unten an den Alpen, da wohnen die kognitiv Herausgeforderten. Wir und unsere direkten Nachbarn sind ein peinliches Beispiel für hilflose Landespolitik, unguter regionaler Lobbyarbeit und wirtschaftlichen Einzelinteressen, gemixt mit einem unsolidarischem Denken und einer krassen Kirchturm-Attitüde in den Gemeinden.

  • Im Frühjahr impfen wir die Risikogruppen, um dann die kalenderfest absehbaren Boosterimpfungen zu verschlafen. Macht ja nur Israel vor. Was sollen die schon wissen?
  • Jede Milchkanne im Landkreis meint, auf Einzelstaat zu machen: Wir in Gmund machen Sitzungen anders als die Doofen in Wiessee. Maske? Ach was. Hybridsitzungen? Zu teuer. Sollen die anderen mal vorlegen. Hier larifari, dort 2Gplus. Gemeinsames Abstimmen, damit in der Bevölkerung ein stimmiges Bild entsteht? Ach was. Mia san mia…
  • Gastgeber von Ferienwohnungen, selbst nicht geimpft, verlangen! Öffnungen, Hoteliers laden im Lockdown Tagestouristen aus München per Plakat ein, Gastwirte posten Bilder von engem, geselligen Beisammensein, während wenige Kilometer Pflegende und Ärzte erschöpft um Leben kämpfen.
  • Reha-Kliniken im Tal hatten, so hört man, bis vor wenigen Wochen noch 70 Prozent Ungeimpfte (gern aus Thüringen und Sachsen) unter ihren Pflegekräften. Aufforderung zur Impfung? Fehlanzeige.
  • Landwirte und Handwerker tun so, als seien sie vor dem Virus qua Gewerk geschützt.
  • wirre Zugezogene mit angelesenem Viertelwissen salbadern von “Mein Körper ist ein Tempel” und werden von heimischen Heilpraktikern, Badern und Quacksalbern mit Telegram-Fake News unterstützt. Klar, was ist ein mehrjähriges Arztstudium gegen eine Wochenend-Fortbildung?

Wenn das jemand kritisiert, kommt schnell das hier so beliebte “Geh doch woanders hin”. Auch beliebt gerade: Bitte nicht spalten. Beim friedlichen Miteinander fallen Idioten und Quertreiber auch nicht so auf. Nur fragt man sich, wie man in dieser Region die Menschen zum regelmäßigen Zähneputzen gebracht hat.

Hätten alle Verantwortungsträger im Frühsommer auf die Experten (Virologen und Ärzte, nicht halbgarige Hoteliers oder fanatische Fischhändler) gehört, harte Maßnahmen für den Herbst ergriffen, eine laute und permanente Impfkampagne gefahren, stünden wir heute besser da, hätten weniger Tote und Kranke, weniger erschöpfte Familien und verunsicherte Kinder. Die Schwachen und Stillen zahlen die Zeche, die laute Lobbygruppen und Politiker, ob hauptamtlich oder Feierabend, verursacht haben. Gern holen wir die Zitate einiger Gemeinderäte heraus, die diese in den Sozialen Medien verbreitet haben.

Wir erleben das Ergebnis einer kollektiven Realitätsverweigerung, die kranke Schattenseite eines dominanten Wirtschaftszweigs, der hier alles bestimmen will. Nur: Der Schuss ging für für viele Touristiker ins eigene Knie. Der Landkreis ist nun bundesweit als Ischgl 2.0 bekannt. Urlauber stornieren aus Angst vor Ansteckung. Ein erneuter Lockdown steht bevor. Das Kreiskrankenhaus säuft ab, verschiebt Operationen, schaltet die Ampel auf Dunkelrot. Viele Menschen werden geschädigt, weil sie nicht rechtzeitig versorgt werden, sterben vielleicht auch.
Die Krise offenbart: Da, wo einst ein gesundes ländliches Miteinander gegen Krisen half, ist nur noch individuelles “Unterm Strich bleib ich”-Handeln angesagt. Mia san mia ist eigentlich im Ursprung das Gegenteil von individuellem Impfverweigerern.

Aber jetzt mal positiv, Martin. „Was sollen die denn anders machen?“, fragt die besorgte Chefredakteurin.

Zuallererst: Es gibt ja auch positive Beispiele. Hotels wie der Westerhof hatten und haben ein funktionierendes Hygiene- und Kontrollsystem, im Bachmair-Weissach gilt die 2G-Regel. Das müssen alle Gastgeber schaffen. Ja, das ist ein Aufwand. Aber will stattdessen endlose Lockdown-Wochen?

Impf-Marketing – jenseits von bunten Idylle-Bildchen

Wie wäre es zudem mit einer konzertierten Impf-Werbeaktion? Finanziert vom Landkreis, Freistaat und der TTT.

Radiospots, Anzeigen, Plakate. Das wurde in Spanien und Italien gemacht – erfolgreich. Motto: Akzeptanz durch Penetranz. Denn es sind nicht nur penetrante Gegenredner, die sich nicht impfen lassen. Es sind schlicht welche, die das verschlampen, nicht wichtig finden. Diese Gruppe der Unentschlossenen in unserem Landkreis muss immer und immer wieder an ihren möglichen Impftermin erinnert werden.

Lassen wir stärker die Betroffenen zu Wort kommen, die Überlebenden. Noch besser: Weg von der Angst, hin zur Zuversicht. Wir können über eine 80 Prozent, vielleicht 90 Prozent große Impfquote kommen. Wir können noch wenige Wochen auf Distanz gehen. Dafür muss das Ziel plastischer, klarer und – wenn nötig – enthusiastischer beschrieben werden. Es ist dann nicht nur eine Rückkehr zum normalen Leben. Es ist etwas, was zu feiern ist. Das ist das Ziel. Was können wir tun?

Gesellschaftliche Verantwortung ist keine Worthülse

Alle! Gastgeber könnten sich darauf einigen, geimpft zu sein, um ihren Gästen Sicherheit und ein Vorbild zu sein. Handwerker gehen nur noch geimpft oder genesen auf Baustellen oder zum Kunden, mobile Impfungen auf Großbaustellen wären eine Idee. Ihre Innungen müssten das mittragen und versprechen, immer wieder zur Impfung aufzufordern.
Alle! Gemeinde- und Stadträte garantieren, dass sie als Volksvertreter verstehen, ein Vorbild zu sein, lassen sich also impfen.

Einbringen möglichst vieler zivilgesellschaftlicher Gruppen

Vertreter der Feuerwehren gehen durch die Nachbarschaft, werben für Impfungen, weil sie bei Einsätzen sonst stärker gefährdet seien. Das ist keine Idee von mir. Sie kommt aus Portugal und den USA, wo Rettungskräfte mit sanftem Druck und einer mobilen Impfeinheit im Schlepptau tatsächlich von Tür zu Tür gegangen sind. V

iel Spaß, denen ins Gesicht zu sagen, dass man auf seine persönliche Freiheit bestehe und doch lieber ungeimpft bleiben wolle. Wenn wir deutlich stärker die zivilgesellschaftlichen Gruppen in die Impf und Infektionsarbeit einbinden, nicht nur jene, die offiziell dazu befähigt sind, können wir auf eine breite Unterstützung in unseren Gemeinden hoffen.

Wie machen das andere? Lernen von den Besseren und Fehler-Verantwortung

In anderen Regionen werden Wintermärkte mit einem Einlass nur für Geimpfte gerade erlaubt. Nach Auswertung der Erfahrungen könnte man ja hier einmal von anderen Ländern und Regionen lernen und es nachmachen. Nur so kommt das Leben für Geimpfte wieder in die Normalität. Ideen aus der Hüfte, zweifellos, aber sie könnten den Anfang einer Diskussion quer durch alle Gemeinden sein.

Lasst es uns nicht dem Staat allein überlassen. Dessen Vertreter müssen spätestens im nächsten Jahr transparent und brutal ehrlich offenlegen, wo und wie sie Fehler gemacht haben. Nur so lassen sich zukünftige Krisen besser meistern – mit weniger Opfern. Wir müssen alle die Kuh vom Eis bringen, die Pandemie bezwingen. Das muss das Ziel sein. Das ist zu schaffen.


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