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Bauern fordern Wiesseer Gemeinde zum Wolfs-Widerstand auf

Wer will ein wolfsfreies Tal?

Von Martin Calsow

Es gibt Themen, da kann man aktuell nur verlieren und sollte sich mit einer Meinung tunlichst zurückhalten: Wölfe. Das ist so ein Thema. Es ist, als gäbe es keine Grautöne in der Diskussion. Entweder abknallen oder alle schützen, auf dass man mit dem Wolfnachwuchs demnächst gemeinsam an der Bushaltestelle steht. Eine Spurensuche:

Ende April wurde ein Wolf im Landkreis Miesbach gesichtet. / Quelle: Screenshots Privat

Eine überschaubar unterhaltsame Gemeinderatssitzung in Bad Wiessee. Am Ende wird das Thema “Verschiedenes” behandelt. Auftritt: Alois Fichtner. Großbauer aus Holz, hat Kühe, Almen, Vieh (genauer ‘Viiachr’) und Ferienwohnungen. Ihm gehört die Aueralm. Das Gremium kennt ihn, weil er immer wieder auf die Hinterlassenschaften freilaufender Hunde auf seinen Wiesen schimpft. Jetzt ist ein naher Verwandter dran: Wölfe. Die sind, so Fichtner, bald eine Plage:

Ich habe Angst um meine Viecher, bald kannst nicht mehr auf den Berg hoch. Ich sehe den Tourismus in Gefahr. Kurz: Der Wolf passt nicht hierher.

Der meinungsstarke Bauer will, dass die Gemeinde sich hinter ihn und seine Almbauer-Freunde stellt – gegen den Wolf, für eine gefahrfreie Nutzung des Waldes. Grund des Landwirt-Lamentos: Vor wenigen Wochen strich ein (einsamer?) Wolf in der Nähe des Seehamer Sees über die Wiesen, gefilmt und somit für alle dokumentiert von einem Autofahrer. Kurz zuvor kursierte zudem ein Handyvideo einer Hundebesitzerin in Niedersachsen, die schreiend und verzweifelt einen nur wenige Meter von ihr herumstreifenden Wolf verscheuchen wollte. Das Video kann Angst machen – nicht nur wegen der hysterischen Schreierei.

Rund 1.500 Wölfe in Deutschland?

Und so dreht sich wieder die Eskalationsspirale. Die einen wollen Plutos wilde Verwandtschaft sofort über den Wolf-Regenbogen schicken. Die anderen sehen in jedem dieser Tiere ein Beleg, dass Natur doch wieder zurückkommen kann, dass es noch wild zugehen darf in einem dichtbesiedelten Land. Hier jene, die Angst um ihr Vieh haben, dort jene, die bestimmte Tierarten auf Teufel komm raus schützen, aber recht still bei vierbeinigen Nahrungslieferanten sind.

Jede Seite kommt mit Fakten, jede Seite arbeitet mit Tricks. Stellt der BUND Zahlen vor, spricht er dann von 128 Rudeln, 36 Paaren und neun Einzeltieren. Klingt ja nicht viel auf den ersten Blick. So ein Rudel ist aber eben nicht die deutsche Kleinfamilie mit einem Kind. Forscher schätzen den Gesamtbestand auf über 1.500 Exemplare, die meisten ballen sich im nordöstlichen Teil der Republik. Zum Vergleich: In Frankreich, flächenmäßig deutlich größer, leben 430 Exemplare. Angriffe auf Menschen sind hierzulande in den letzten 20 Jahren nicht registriert worden. Aber Vieh wurde in der Tat gerissen.

Und jetzt wird’s ideologisch – auf beiden Seiten. Das berechtigte Interesse von Landwirten auf eine sichere Viehwirtschaft wird von den Schützern gern mit einem arroganten “die werden doch entschädigt” abgetan, gern verbunden mit klugen Tipps, einen Hütehund aus der Toskana und bessere Zäune anzuschaffen. Viel zu oft spielen seltsam romantische Vorstellungen von Wild und Wald bei der meist städtischen Bevölkerung eine Rolle. Was ist schon eine gerissene Schafherde gegen einen prachtvollen Wolf?

Jäger auf der Seite der Bauern

Mei, wir haben Biber, Wölfe und bald vielleicht auch Bären, hört man die Gutmeinenden sagen. Da soll der Bauer doch ein wenig zurücktreten, Zäune kaufen und sich nicht so haben. Das tut der schon lange, wenn es um die Wald- und Wiesenvorstellungen der immer stärker werdenden Öko-Fraktion in der Gesellschaft geht. Der Wolf habe ein Recht, hier zu sein, müsse um jeden Preis geschützt werden (was nebenbei mit den Rechten der Beutetiere letal kollidiert).

Einzigen Flankenschutz erhalten die Bauern von den Jägern. Auch sie wollen das bis zu 80 Kilo schwere Raubtier nicht im Revier haben. Deutsche Jagdverbände warnen immer wieder mit zum Teil drastischen Bildern. Denn zum einen reißt der Wild-Waldi und verunsichert mit Hetzen das heimische Wild, dass doch die Jägerschaft gern selbst erlegen will, so jedenfalls die Vermutung des Waidvolks.

Zum anderen offenbart der Auftritt des Wolfs hier auch, dass einige Revierbesitzer ihren Wildbestand in den letzten Jahren gern zahlenmäßig in die Höhe getrieben haben, vulgo zu wenig geschossen haben. So kann man eine gigantische Ansammlung von Rotwild beim Bauer in der Au sehr nah und sehr lange beobachten. Für einen umherstreifenden Wolf, entweder aus Italien oder Brandenburg kommend, eine Einladung wie ein McDonalds-Schild nach langer Autofahrt. Sind sie für uns eine Gefahr? Fakt ist: Die Population wächst.

Angriffe auf Nutztiere steigen

Die Anzahl der Übergriffe und der Nutztierschäden durch Wölfe ist im vergangenen Jahr jeweils um rund 40 Prozent gestiegen. Das meldete die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). Im vergangenen Jahr gab es mit 887 bestätigten Angriffen auf Nutztiere knapp 39 Prozent mehr als im Jahr zuvor (639 Angriffe). Und die Zahl der nachweislich durch Wölfe getöteten, verletzten und verschwundenen Tiere stieg um 40 Prozent von 2.067 (2018) auf 2.894 (2019).

Zudem stiegen die Angriffe auf größere Tiere wie Pferde, keine gute Nachricht für die hiesigen Reitställe. Fakt ist auch, dass wir, anders als andere europäische Länder extrem dicht besiedelt sind, es aller Wahrscheinlichkeit nur eine Frage der Zeit ist, bis ein Mensch-Wolf Kontakt fatal verläuft. Muss nicht, kann aber. Lässt man den domestizierten eigenen Hund von der Leine, könnte der Kontakt ebenso schlecht verlaufen – also für Fiffi.

Landwirte fordern Unterstützung der Gemeinden

Aber zurück zu den Bauern. Sie wollen, dass sich die Gemeinden im Tal hinter sie stellen. Und das, so hört man, soll auch vor allem dort geschehen, wo Bauern noch eine dominante gesellschaftliche Gruppe darstellen: Kreuth. Hier will man auch nicht den Wolf. Aber die Zustimmung für Abschüsse und Regulierung von Wölfen nimmt ab.

Denn: Zu viele Menschen sehen keine Notwendigkeit, eine wolfsfreie Zone einzurichten, sehen sich selbst keiner Gefahr ausgesetzt. Zudem ein Abschuss auch gegen ein Bundesgesetz verstieße. Wölfe sind extrem geschützt. Ein Jäger, der einen Wolf, so der nicht gefährdend wirkt, abschießt, verliert seinen Schein, begeht eine Straftat. Ist das Aufmucken der Bauern hierzulande also am Ende sinnlos? Werden sich Wolfsrudel hier ansiedeln? Auf die Schnelle eher nicht, sagen Experten. Dazu ist der Druck durch den Tourismus im Voralpenraum, zu groß. Wölfe mögen keine Gruppen von Schadmünchnern, die durch ihr Revier trampeln. Noch nicht.

Sorgen angesichts des möglichen Wahlerfolgs der Grünen

Klar ist aber auch, dass sich Weidevieh nicht umfassend schützen lässt. Wurde der Wolf jahrhundertelang brutal verfolgt, sind wir, so argumentieren Bauern und Jäger, nun in das andere Extrem verfallen: Wir schützen ein Raubtier, eines, welches klug und ausgesprochen anpassungsfähig ist. Ein Raubtier, das ist nun eine Binse, welches nicht verjagt wird, aber recht viel Fressbares vor der Nase hat, könnte, so befürchten ideologiefreie Experten, über Jahre die Scheu vor Menschen verlieren. Es hilft also nicht, supersüße Wolfswelpen-Filme als Maßstab zu nehmen.

Überspitzt gesagt: Ein tollwütiger Wolf greift auch Grünen-Wähler aus Haidhausen an. Wenn wir Raubtiere in Deutschland haben wollen, heißt das, dass wir als Mensch zurückweichen müssen, Territorium aufgeben müssen. Erst jene, die vom Wald, von der Natur leben, dann jene, die darin Erholung suchen. Das ahnen auch die Bauern, die, angesichts der drohenden Wahlerfolge der Grünen fürchten, dass sie mit ihrer Idee einer Kulturlandschaft ins Hintertreffen geraten.

Noch mögen sie hier heimlich den Biber aus der Natur “entnehmen”, was ein Euphemismus für Abknallen ist, mögen illegal Wölfe erlegen. Aber die Luft wird dünner für die Fichtners, Mayers, Höß, die Haslbergers – Großbauern und Großunternehmer mit Wildfetisch. Ihr Anliegen ist berechtigt, ihre Forderungen sind es in ihrer Radikalität nicht. Erst jüngst wurden Landwirte von einem Bienen-Volksbegehren kalt erwischt, mussten sich umstellen. Die CSU, einst die sichere Bank für alle Landwirte, sucht ihr Heil immer häufiger auf grünen Themen-Auen.

Wölfe sind keine Dackel

Aber auch die Wolfsfreunde, die in Kommentarspalten und Leserbriefen eine absurde Öko-Sentimentalität offenbaren, die Gefahren und Sinnhaftigkeit von Auswilderungen und Artenschutz völlig negieren, sollten die Luft anhalten und jenen zuhören, die wirklich geschädigt werden. Natur ist nicht Pusteblume, Wölfe keine Dackel (auch wenn der letztgenannte das glaubt).

Natur ist radikal und tödlich zuweilen. Wer glaubt, man könne es mit einem duften Management von Rangern und Warnschildern regulieren, irrt. Es wäre gut, wenn beide Seiten einander besser zuhörten, nicht mit billigen Populismus-Tricks arbeiteten. Man kann bei diesem Thema, wenn man zu laut, zu krass auftritt, nur verlieren. Klar, nur weil ein Wolf vorbeischaut, braucht es keinen Großalarm. Das dachten auch die Teilnehmer des Wiesseer Gemeinderats. Als Fichtner mit seiner Rede endet, klatscht nur einer, der Landwirt Georg Erlacher. Sonst rührt sich keine Hand.


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