Ein Kommentar zu den Demos gegen Rassismus
Anzeigen im Tal – Anerkennung in München

von Martin Calsow

Es mehren sich die Anzeigen gegen Gastronomen. Sie, genauer ihre Mitarbeiter, sollen nicht den Mundschutz getragen haben. Gäste sollen die Polizei gerufen haben. Kann man machen, wenn man den Blockwart in sich spürt. Aber wenn zeitgleich in den Städten die Jugend Applaus für ihre duften Demos bekommen, läuft was falsch. Ein Kommentar von Martin Calsow.

In zahlreichen deutschen Städten fanden am Wochenende Black Lives Matter Demonstrationen statt – hier in München. / Quelle: Simon Haslauer, Filiz Eskiler

Ein Kommentar von Martin Calsow

Lockdown – Sie kennen das. Die Regierung versucht, die Gesellschaft, die Menschen, mit einschneidenden Maßnahmen vor einem Virus zu schützen. Geht nur, wenn sich alle dranhalten.

Rassismus – Sie kennen das. Einerseits ein ungelöstes Problem, das Gesellschaften spaltet, Menschen herabsetzt und wie jüngst in den USA wieder einmal geschehen, schreckliche Folgen hat. Aber es ist auch ein Kampfbegriff, in den man alles hineinpacken kann. Persönliche Empfindungen, angelesenes Halbwissen und vor allem viel moralische Überlegenheit und Vorwurf.

In jeder Dekade meines Lebens haben scheinbar kluge Menschen diesen Begriff immer und immer wieder neu definiert. Kann uns im Tal egal sein. Denken wir. Aber dann sehen wir die Abertausenden dichtgedrängt wahlweise gegen Rassismus oder für den Erhalt der Rave-Kultur in Berlin demonstrieren.

Hier das Elend vor der eigenen Haustür

Ärgerlich, wenn man das jetzt macht, wo viele kleine und große Existenzen, auch und vor allem hier im Tal vor dem Abgrund stehen. Die Arbeitslosenquote ist brutal nach oben geschnellt. Hier, wo lange alles gut lief, stehen Menschen vor dem Nichts wegen der Pandemie und den daraus von der Politik angeordneten Maßnahmen. Hier das Elend und die Angst vor der eigenen Haustür. Dort die Bewegten in den Städten, die schön dicht demonstrieren, weil sie eben bewegt sind, von den schlimmen Taten in den Tausende Kilometer entfernten USA.

Aber bis zum Ende gedacht ist das nicht. Hier gibt’s den ja auch, diesen Alltagsrassismus. Rufen sie schrill. Nicht ganz so, aber irgendwie doch auch, kommt wenigstens meist hinterher. Selten war politisches Erwachen von jungen Menschen so fehl am Platze. Es gibt aus guten Gründen Abstandsregeln. Warum? Weil man verletzbare, schwache Menschen schützen will. Alte, Behinderte, Vorerkrankte, Pfleger, um wenige zu nennen. Die Allermeisten halten sich an die Regeln.

Gläubige verzichten seit Monaten auf das Feiern ihrer bedeutenden Feste in der Glaubensgemeinschaft. Gastronomen werden bei kleinsten Verfehlungen mit Anzeigen wegen Verstößen malträtiert. Menschen sterben allein, weil sie keinen Besuch bekommen dürfen. Millionen Menschen werden weltweit quasi interniert. Eine schlimme Zeit für viele. Aber: Das Virus ist nach wie vor potentiell todbringend, und wir haben nach wie vor noch keinen Impfstoff.

Generation “Woke”

Und dann kommt Generation “Woke”. Man sieht etwas im Netz, hat derzeit viel Tagesfreizeit und will mitmachen. Denn in den USA brennt die Luft, da müssen wir irgendwie unseren Senf dazugeben. Motto: Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden.

Beim Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke? Kein Mensch auf der Straße. Bei den NSU-Morden? Leere Plätze. Die letzten Fälle von Pädophilenringe? Bitte, ist ja nicht systemisch. Aber jetzt – und quasi über Nacht – wurden aus lauter selbsternannten Virologen ebensolche Menschenrechtsanwälte. Diskriminierung gibt es und gehört in jedem Fall bekämpft. Immer. Aber Ungerechtigkeit ist kein Bauchladen, aus dem man sich seine Lieblingsgemeinheit herausgreifen kann, weil sie gerade chic ist.

Wenn hier im Tal Menschen brav bis zum Existenzverlust die Vorgaben einhalten, wenn Angestellte stundenlang unter den Gesichtsmasken schwitzen und atmen müssen, dann ist das Mindestmaß an Solidarität, dass man daheim bleibt oder andere, smarte Aktionsformen findet, statt in engen Reihen, sich extrem wichtig (um nicht “woke” zu sagen) fühlend, unfreiwillig zynische Plakate wie “I can’t breathe” hochzuhalten. Das ist bei einer Pandemie, die hauptsächlich die Atemwege befällt, unpassend. Wir haben in den letzten Wochen in unserem Land, vornehmlich in den Städten, ein Maß an Unvernunft und Ignoranz durch „Aktivisten” erlebt. Zuweilen kann man die Abneigung vieler auf dem Land, den Städtern gegenüber durchaus nachvollziehen.

Auch lesenswert: Die andere Sicht auf die Demonstrationen während der Corona-Pandemie.


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