Die Angst vor'm Wolf: Eine Bilanz
“As g’fraßi Luada” oder gar des Menschen bester Freund?

von Sabiene Hemkes

Die Wiederkehr des Wolfes war gefühlt das Dauer-Umweltthema des Frühjahrs – auch hier im Landkreis. Almbauern fürchten um ihre Existenzgrundlage. Ist diese Angst begründet? Jetzt, wo die Tiere wieder im Tal sind, haben wir einmal Bilanz bezogen.

Waren nun Wölfe auf der Jagd im Kreis Miesbach? Der Nachweis erscheint schwierig / Quelle NABU Michael Hamann (Zwei Daubaner Welpen im Dez 2015)

Aktuell ist es vergleichsweise ruhig geworden um die Frage, ob der Wolf ein Daseinsrecht in unserer Kulturlandschaft besitzt. Im Landkreis Miesbach und Tegernseer Tal haben fast alle Gemeinden den Schulterschluss mit den Almbauern und damit gegen den Wolf geschlossen. Der einzig gangbare Lösungsansatz, so war zu hören, sei der Abschuss des wilden Beutetieres. Die TS berichtete mehrfach über vermeintliche Wolfsrisse im Berggebiet des Tals.

Anzeige

Keiner der Verantwortlichen steht an der Seite des Wildtiers

Keine einzige öffentlich gewordene Stimme aus der heimischen Politik stellte sich offen auf die Seite des schon einmal im Landkreis ausgerotteten Tieres. Auch die Kreis-Grünen schweigen geschlossen. Nur ein vereinzelter Almbauer zeigt sich dem Thema Wolf gegenüber offener, wie unsere Kollegin Melanie Süss nach einem Besuch seiner Buchstein-Hütte zu berichten weiß (hier nachzulesen).

Landesvater Markus Söder steht ebenfalls entschlossen Seit an Seit mit den heimischen Bauern bei der diesjährigen Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Ebenso wie Alexander Radwan, ein hiesiger CSU-Bundestagsabgeordneter, der die Wolfs-Frage und die Schaffung “Wolfs-freier-Zonen“, noch Anfang Oktober in den Deutschen Bundestag trug.

Jetzt, wo Ziegen, Schafe und Rindviecher wieder sicher nach dem Sommer in den Ställen oder hofnahen Weiden angekommen sind, ist es Zeit einmal die Wolfs-Bilanz zu ziehen. Dazu hat die TS die Experten bei den entsprechenden Stellen in der bayerischen Verwaltung zu den bestätigten Sichtungen, Rissen, aber auch den Präventionsmaßnahmen gegen die Wolfsgefahr befragt. Beim Landesamt für Umweltschutz (LfU) in Augsburg verweist man uns für die aktuellen Zahlen seit April 2022 auf die Monitorringseite des Amtes. Demnach gab es in den letzten sieben Monaten keine einzige bestätigte Sichtung eines Wolfes bei uns oder im Kreis Rosenheim.

Der Hund steht dem Wolf in nichts nach

Zu den Nachweisen der C1-Kategorie zählen der Lebend-Fang oder der Totfund, ein genetischer Nachweis sowie Bildmaterial oder eine Telemetrie-Ortung. Einige erinnern sich bestimmt noch an das Video des Jungwolfes im Frühjahr 2021. Dabei handelte es sich um eine bestätigte Sichtung, die im Wolfsmonitoring, das in Bayern seit dem Jahr 2006 durchgeführt wird, dokumentiert wurde.

Für die Zeit vom 1. Mai 2021 bis Ende April 2022 meldet das Umweltbundesamt insgesamt 99 Ereignisse, die den Verdacht auf einen Riss eines großen Beutegreifers nahelegen. Dazu heißt es: “Bei neun Ereignissen mit insgesamt 21 getöteten Nutztieren wurde jeweils ein Wolf als Verursacher ermittelt.” Bei weiteren 81 Vorfällen handelte es sich laut Angeben der zuständigen Behörde zu großen Teilen um Totgeburten mit nachträglichem Befraß bzw. es konnte die Todesursache nicht ermittelt werden. Die übrig gebliebenen Risse werden einem unserer liebsten Haustiere zugeordnet:

Für weitere neun Ereignisse mit 12 gerissenen Nutztieren ergaben die Untersuchungen „Hund“ als Verursacher. 

Zum Jagdverhalten des Hundes kann die Umweltbehörde keine weiteren Angaben machen, da eine umfassende Datengrundlage über die Anzahl von Hundeübergriffe auf Nutztiere dem LfU nicht vorliege. Was auch darin begründet sei, dass Übergriffe in der Regel mit Zeugen privatrechtlich zwischen Nutztier- und Hundehalter gelöst werden. Der Behörde werden diese Fälle gar nicht erst gemeldet, da die LfU ausschließlich Fälle bearbeite, bei denen der Verdacht auf die Beteiligung wild lebender großer Beutegreifer vorliege.

Schutzmaßnahmen vor dem Wolf im Landkreis Miesbach

Durch den „Bayerischen Aktionsplan-Wolf“, der aus dem Jahr 2018 stammt, sollen von der Wolfsgefahr betroffene Nutztierhalter finanziell gefördert werden. Der “Aktionsplan Wolf” wurde von der “Arbeitsgruppe Wildtiermanagement/Große Beutegreifer“ gemeinsam erarbeitet. Die Arbeitsgruppe besteht aus Behörden- und Verbandsvertretern sowie weiteren Experten aus den Bereichen Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, Jagd, und Tierschutz.

Das LfU hat daraus die aktuell geltenden Förderungsrichtlinien für den Herdenschutz, aber auch finanzielle Entschädigung entwickelt, wie uns Florian Thurnbauer vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) aus München informiert. In der 2020 gestarteten Förderung befinden sich in ganz Bayern 584 Betriebe. Genaue Zahlen für 2022 sind noch nicht bekannt. Auf die Frage, wie viele davon aus dem Landkreis kommen, erklärt Thurnbauer:

Bisher ist der Landkreis Miesbach nicht betroffen. Im Landkreis Miesbach wurde keine Förderkulisse ausgewiesen.

Das bedeutet dann wohl – kein Riss, kein Schutz? Denn grundsätzlich gilt: Erst, wenn etwas passiert, wird auch im Landkreis Miesbach eine Förderkulisse ausgeschrieben, und somit Investitionen in den Herdenschutz gegen den Wolf gefördert. Was bedeutet, die Nutztierhalter bekommen alle Schutzmaßnahmen zu 100 Prozent vom Amt erstattet. Außerdem wird Schadensersatz für getötete oder verletzte Tiere, die trotz Schutz gerissen wurden, gezahlt.

Angebote gibt es genug – doch ohne Wolf, keine Förderung

Jeder Tierhalter im Kreis hat die Möglichkeit, sich bei der Abteilung AELF Holzkirchen beraten zu lassen. Die TS hat sich bei Stöckl erkundigt, ob er in den letzten zwei Jahren einen steigenden Beratungsbedarf der Nutztierhalter im Landkreis zum Wolfsschutz erkennt. Dazu der Fachmann:

Für den Landkreis Miesbach ist der Beratungsbedarf derzeit nur leicht gestiegen, da noch keine Förderkulisse ausgewiesen wurde.

Das werde sich aber schnell ändern, so Stöckl weiter, sobald der erste nachweisliche Wolfsübergriff stattgefunden habe. Das belegen auch Daten aus den benachbarten Landkreisen. So wie 2021 in Traunstein und ganz aktuell in Garmischpatenkirchen. Dort stieg jeweils der Beratungsbedarf enorm nach den nachgewiesenen Rissen.

Auf den Wolf folgt der Bär?

Stöckl kann keine konkrete Anzahl von Beratungsgesprächen mit Nutztierhaltern aus dem Landkreis mitteilen, da keine Förderanträge ausgefüllt worden seien aufgrund der fehlenden Gefahrenkulisse. Dennoch betont der Mitarbeiter des AELF ausdrücklich, dass der präventive Herdenschutz in allen Veranstaltungen des Amtes thematisiert werde.

So zum Beispiel auch bei einem Praxistag „Weidemanagement und Zäunung“, den das AELF Holzkirchen gemeinsam mit dem Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern veranstaltet habe. Zudem werde in nahezu allen Gesprächen zum Weidemanagement in der Almwirtschaft auch der Herdenschutz angesprochen, wie Stöckl versichert. Auf der Homepage finden sich ebenfalls Informationen zum Herdenschutz.

Es bleibt also spannend. Wann wird der viel besprochene und diskutierte Wolf nachweislich in unserem Landkreis aktiv? Oder reden wir bald über den Management-Plan ‘Braunbären Bayern’? Den gibt es ja auch noch bei den Behörden. Darf man den Gerüchten Glauben schenken, die sich hartnäckig seit Wochen im Tal halten, streicht Meister Petz schon lange durch die heimische Bergwelt. Die Gefahren der Natur sind allgegenwärtig und lauern selbst latent im heimischen Fiffi.

SOCIAL MEDIA SEITEN

Anzeige
Aktuelles Lokalpolitik

Diskutieren Sie mit uns
Melden Sie sich an und teilen Sie
Ihre Meinung.
Wählen Sie dazu unten den Button
„Kommentare anzeigen“ aus