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Ein neues Buch über den Tegernsee, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft

Das Tal im Wandel der Zeiten

Der Tegernsee animiert immer wieder Verlage und Autoren zu Neuerscheinungen. So, als gäbe das Tal unentwegt neue Geschichten her. Letztlich aber sind sie alle Liebeserklärungen an die Heimat.

Nun ist ein weiteres Buch auf dem Markt, diesmal mit namhaften und fachkundigen Autoren aus der Gegend. Mit dabei Geschichten, wie die von der Valepp als KZ-Außenstelle der Nazis.

Das Buchcover von "Der Tegernsee"
Das Buchcover von „Der Tegernsee“

Hervorragende Bilder illustrieren das Leben im Tal in Geschichte und Gegenwart: die Entstehung der Landschaft, den See, die Klostergeschichte, die Welt der Bauern, die Tegernseer Berge, die Künstler, Bräuche und Feste, die Schätze der Natur. Porträtiert wird in „Der Tegernsee“ vom Kiebitz Buch Verlag ein landschaftliches wie kulturelles Kleinod, „das es zu bewahren gilt“, so die Herausgeber Annette Lehmeier und Dieter Vogel.

Vieles wird einem eifrigen Leser der Medien im Tegernseer Tal bekannt vorkommen, doch die Gesamtschau und Vertiefung einzelner Themen machen das Buch lesenswert. Auch, dass die braune Vergangenheit des „Lago di Bonzo“ nicht ausgespart wird und man sich damit auseinandersetzt. Ob dies bei der „Trivialität des Bösen“ ist, wenn Adolf Hitler 1932 als Bootsführer auf dem Tegernsee zur Schau gestellt wird, oder bei Heinrich Himmler mit Gamsbart anlässlich eines Richtfests 1936 in Rottach-Egern.

Die Fotos dienen nicht dem Selbstzweck, sie werfen ein Schlaglicht auf die dunklen Seiten im Tal. Auf die Zeit, als sich die „braune Prominenz vom Tal und seinem See angezogen fühlte“. Während sie im Tal als Biedermänner wahrgenommen wurden, bereiteten sie sich darauf vor, die „Welt in Brand“ zu setzen.

KZ-Außenstelle Valepp

Ein Verdienst des Autors Michael Heim ist es, gegen das Vergessen zu schreiben. Wem ist schon geläufig, dass Himmler eine „ganz persönliche KZ-Außenstelle Valepp“ unterhielt, in der jahrelang KZ-Häftlinge aus Dachau für den Reichsführer SS ein ehemaliges Zollhaus an der Grenze zu Tirol zum Jagdhaus umbauen mussten.

Reichsführer-SS Heinrich Himmler bei einem Richtfest 1936 in Rottach-Egern.
Reichsführer-SS Heinrich Himmler bei einem Richtfest 1936 in Rottach-Egern.

Heim listet zudem auf, wo die Lazarette im Tegernseer Tal waren, in denen bei Kriegsende etwa 4.000 Verwundete lagen. Akribisch beschreibt er auch die kampflose Kapitulation im Tal. Nahezu das einzige Blut floss am 3. Mai 1945, als drei freiwillige Emissäre den anrückenden amerikanischen Truppen ein Schreiben zum Rückzug der Waffen-SS-Division „Götz von Berlichingen“ übergeben wollten.

15.000 Mann hatten sich in den Kreuther Bergen verschanzt. Die drei Parlamentäre mit weißer Fahne wurden am nördlichen Ortsausgang von Bad Wiessee von hinten niedergeschossen. Eine Tafel dort erinnert heute noch an das sinnlose Blutvergießen.

Nicht unerwähnt lässt Heim auch das jüdische Leben am Tegernsee, dem zur Zeit eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München gewidmet ist. Er stellt die jüdische Autorin Grete Weil in den Mittelpunkt, die 1906 in Egern geboren wurde und 1935 mit ihrer Familie ins holländische Exil floh. Sie schrieb in ihren Kindheitserinnerungen: „Niemand kann sich heute vorstellen, was für ein stilles, verträumtes Dorf dieser aufgeblasene Kurort (Rottach-Egern) einmal war.“

Vom Hochwasserschutz zu den Heumilchrebellen

Auch aktuellen Themen widmet sich das Buch, zum Beispiel dem Hochwasserschutz. Ausgelöst durch „Land unter am Tegernsee“ im Juni 2013 werden die unterschiedlichen Interessen zur Meidung neuerlicher Überschwemmungen erörtert. Gegenübergestellt wird das vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim entwickelte Projekt „Hochwasserausgleich Tegernsee“ mit seinem steuerbaren Wehr in Gmund den Interessen der Gemeinschaft „Rettet den Tegernsee“.

Diese hat eigene Vorstellungen, wie die Hochwassergefahr gebannt werden könnte. Doch wer letztlich obsiegen wird, lässt Autor Hans-Ulrich Werner offen: „Es wird schwer sein, eine Lösung zu finden, welche die Interessen aller Betroffenen und Beteiligten berücksichtigt.“

Hochwasser in der Rottacher Seestraße.
Hochwasser in der Rottacher Seestraße

Im Kapitel Bauernland, das hauptsächlich Almwirtschaft und Brauchtum hervorhebt, findet auch eine Errungenschaft neueren Datums Einzug: Die Naturkäserei TegernseerLand. Es sei eben einmalig, dass eine Handvoll „G’spinnerter“ es fertigbrachte, ihre Idee einer Heumilch-Verarbeitung durchzusetzen. Trotz vieler Widerstände gegen die silofreie Fütterung.

Heute biete „das Prinzip einer Genossenschaft ein tragfähiges Fundament für die Zukunft“, so Annette Lohmeier als Autorin. Damit könne das Unternehmen auch in Zukunft in bäuerlicher Hand bleiben. Über 1.400 Genossenschaftsmitglieder haben fast fünf Millionen Euro investiert. Noch aber hapert es bei Absatz und Vermarktung. Abhilfe soll nun seit Anfang Oktober ein neuer Geschäftsführer bringen. Er will die Naturkäserei „mittelfristig in schwarze Zahlen“ bringen.

Einzig der teils ausufernden Bauwut im Tegernseer Tal ist kein Kapitel im 27,90 Euro teuren Buch gewidmet. Was gäbe es da nicht alles zu berichten. Doch Negatives wäre wohl der Auflage nicht sonderlich dienlich. Dies überlassen die Herausgeber wohl lieber den aktuellen Medien im Tal. So ergänzt eben eines das andere.


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